Restbetrieb - Kurzwelle aus Nauen

Sender Nauen
Nauen: Sendeeinheit 100 kW mit dreh- und schwenkbarer Antenne | © Haveljung, CC

Von den fünf Standorten in Deutschland, die einst die Programme von Radio Berlin International und Deutscher Welle auf Kurzwelle ausstrahlten, ist jetzt noch einer aktiv: Nauen mit in den 90er Jahren weitgehend neu aufgebauter Technik. Die Einzelheiten entprechen der generellen Lage des Verbreitungswegs.

Fast schon für sich spricht eine Aufstellung des gesamten Betriebsablaufs, wie er bis zum 30. Oktober 2022 geplant ist (Zeitangaben in MESZ):

So 02.00-04.00 Uhr: 9925 kHz; The Mighty KBC
(ab 04.09.2022 auf 5960 kHz)
06.30-06.51 Uhr: 6165 kHz; NHK Russ./Engl.
06.30-07.00 Uhr: 6155 kHz; AWR für Nordafrika
Fr 07.00-07.15 Uhr: 9735 kHz; BVB für Nahost
07.00-07.30 Uhr: 11830 kHz; Dandal Kura
08.00-08.15 Uhr: 11655 kHz; BVB für Nordafrika
08.00-08.30 Uhr: 15455 kHz; AWR für Nordafrika
09.00-10.00 Uhr: 15220 kHz; AWR für Nordafrika
10.30-11.00 Uhr: 15220 kHz; AWR für Nordafrika
So 11.00-12.00 Uhr: 9610 kHz; AWR für Italien
Sa, So 12.30-13.00 Uhr: 6055 kHz; Ev. Miss.-G.
15.00-15.30 Uhr: 17770 kHz; AWR für China
15.30-16.00 Uhr: 17850 kHz; AWR für China
Sa 16.00/16.30-17.00 Uhr: 15265 kHz; BVB Nahost
So 16.30-16.45 Uhr: 15205 kHz; Pan American Br.
17.30-18.00 Uhr: 15670 kHz; AWR für Ostasien
Sa 17.30-18.30 Uhr: 13800 kHz; Reach Beyond
So 18.00-19.00 Uhr: 11830 kHz; Pan American Br.
variabel 18.00...20.00 Uhr: 15310 kHz; BVB Nahost
18.30-20.00 Uhr: 17720 kHz; AWR für Äthiopien
Fr, So 19.00-19.30 Uhr: 15420 kHz; S. B. Oromoo
Mi 19.00-20.00 Uhr: 15420 kHz; S. B. Oromoo
20.00-20.30 Uhr: 11830 kHz; Dandal Kura
Fr 20.00-20.30 Uhr: 9610 kHz; BVB für Nahost
Do 20.00-21.00 Uhr: 9610 kHz; BVB für Nahost
So 20.15-21.15 Uhr: 9635 kHz; BVB für Nahost
Di, So 20.30-21.00 Uhr: 9610 kHz; BVB für Nahost
21.00-221.00 Uhr: 11800 kHz; AWR für Nordafrika
21.30-22.00 Uhr: 11955 kHz; AWR für Nordafrika
21.30-22.00 Uhr: 12070 kHz; AWR für Westafrika
22.00-22.30 Uhr: 9760 kHz; AWR für Nordafrika
22.00-23.00 Uhr: 11800 kHz; AWR für Westafrika
23.00-24.00 Uhr: 9800 kHz; AWR für Westafrika

Hinzu kommen gelegentliche Sondersendungen. Fest eingeplant sind sie am ersten Sonnabend eines Quartals von 12.00 bis 13.00 Uhr auf 6095 kHz für einen Liebhaber aus Hartenstein (Sachsen), der 2020 zunächst mit einem eigenen Kleinsender an den Start gegangen war.

Bible Voice Broadcasting ist die Kurzwellenmarke von High Adventure Canada, hervorgegangen aus einer 1979 im Südlibanon begonnenen Sendetätigkeit. Eine andere Fortsetzung dieser Sendelinie wird als Voice of Hope in Sambia und Kalifornien betrieben.

Reach Beyond war bis 2014 als HCJB bekannt. Die wöchentliche, derzeit auf 13800 kHz ausgestrahlte Sendung ist für Tschetschenien bestimmt und gehört zu den Hörfunkaktivitäten, die diese Missionsgesellschaft auch nach der Einstellung ihres internationalen Rundfunkbetriebs in Ecuador bis heute beibehalten hat.

Besonders hervorzuheben sind die Wochenendsendungen auf 6055 kHz. Sie sind inzwischen die einzigen regelmäßigen Ausstrahlungen aus Nauen, die für Mitteleuropa bestimmt sind, und das sogar in deutscher Sprache:

Der Veranstalter dieser Sendungen, Evangelische Missions-Gemeinden, ist ein seit 1987 bestehendes Missionswerk. Dessen Gründer hatten sich weder in den Landeskirchen noch in der konservativ-evangelikalen Evangelischen Allianz (Stichwort: Evangeliums-Rundfunk) wiedergefunden.

Den Rundfunkbetrieb auf Kurzwelle gibt es in Nauen seit 1959. Einem ersten, noch recht bescheidenen, als Sammlungsstück erhalten gebliebenen Sender mit 50 kW folgte 1964 eine dreh- und schwenkbare Antenne, die längere Zeit das Prunkstück von Radio Berlin International war und es bis auf eine Briefmarke schaffte.

Durch die immer stärkere Belegung der Kurzwellenbänder in Europa reichten maximal 100 kW Sendeleistung bald kaum noch aus, um sich Gehör zu verschaffen. Deshalb wurde 1972 ein 500 kW starker Sender in der Schweiz gekauft und mit einer Rundstrahlantenne in Betrieb genommen.

Die Machtergreifung des Pinochet-Regimes machte Chile zu einem vorrangigen Zielgebiet für Radio Berlin International. Um auch dorthin mit 500 kW senden zu können, entstand in Eigenleistung der Post eine erste Vorhangantenne.

Ein großer Ausbau folgte von 1978 bis 1981 mit Ausrüstungen aus der Sowjetunion: Zwei weitere Sender mit jeweils 500 kW und ein Komplex an großen Vorhangantennen, mit dem der Rundfunk der DDR auch den Reisenden der Transitzüge von Hamburg seine Visitenkarte gab.

Mit der DDR sollte auch Radio Berlin International sein Ende finden. Einen Eindruck davon, wie seinerzeit mit den Menschen umgegangen wurde, vermittelt dieser Vermerk, der selbst eine Woche vor „Null“ nur unverbindliche Vorabsprachen festhalten konnte:

Telefonische Information vom Funkamt Nauen am 25.9.90 über erfolgte Abstimmung mit der „Deutschen Welle“ über Abstrahlung von Programm
Aus den Unterlagen der Sendestation Wiederau

Am 4. Oktober 1990 wurde schließlich nachträglich dokumentiert, was keine 40 Stunden zuvor im Rundfunkknotenamt Berlin-Lichtenberg geschah und von den Technikern in Nauen als gruselig empfunden wurde: Eine sehr schlichte Umschaltung um Mitternacht.

... wurde in den Rundfunksendestellen ab 2.10.1990 um 23.00 Uhr UTC der Sendebetrieb für die Deutsche Welle aufgenommen.
Besprechung mit dem zur Anleitung der ostdeutschen Sendestationen beauftragten „Rundfunkdienstbüro“

In der so etablierten Form lief der Sendebetrieb drei Jahre lang.

Senderbelegung ab 29.3.92
Belegungsplan der früheren RBI-Sender im Frühjahr 1992

1993 kündigte die Deutsche Welle alle Ausstrahlung aus Königs Wusterhausen und aus Wiederau bei Leipzig. Die dortige Kurzwellentechnik wurde stillgelegt und später demontiert.

Parallel war gerade erst eine Mitte der 80er Jahre begonnene, umfassende Modernisierung der Sendestation Jülich in Nordrhein-Westfalen abgeschlossen worden. Nach einem Austausch der Sender und erheblicher Teile der Antennenanlage war sie auf einem Stand, der allen Ansprüchen genügen konnte.

Trotzdem fiel die Entscheidung, nun auch in Nauen zu investieren. Das entsprang weniger tatsächlichem Bedarf als eher dem politischen Wunsch, einen der Standorte des Auslandsrundfunks der DDR als Aushängeschild zu behalten.

Ein Film über den Niedergang der Firma Telefunken vermittelt Einblicke sowohl in die seinerzeit in Nauen vorhandenen Anlagen als auch die damaligen Befindlichkeiten.

Letzteres schließt jene Attitüde ein, die ihren Niederschlag in Witzen fand wie dem von den drei bedeutendsten Ländern der Welt, deren Namen jeweils mit „U“ begannen („UdSSR, USA, unsere DDR!“): Es war dann doch eine erhebliche Übertreibung, Nauen als „zweitgrößten Sender des Ostblocks“ zu bezeichnen.

Eigentlich hoffte Telefunken, im historischen Gebäude von 1920 die neuen Sender aufstellen und dazu eine flexibel nutzbare Antennenanlage erstellen zu können. Doch das zerschlug sich durch die Verfügbarkeit eines billigeren französischen Konzepts, das die Sender fest mit jeweils einer drehbaren Antenne verbindet.

Mit solchen Anlagen sollten ursprünglich die beiden Kurzwellenstationen in Frankreich modernisiert werden, was zu der Bezeichnung „ALLISS“ führte. Letztlich wurde jedoch der Standort Allouis aus dem Kurzwellenbetrieb zurückgezogen, das Projekt beschränkte sich auf den Aufbau von zwölf Sendeeinheiten in Issoudun.

Es gelang Telefunken gerade noch so, für das Projekt Nauen wenigstens die Sender beistellen zu dürfen. Danach konnte nur noch ein weiteres Exemplar der neu entwickelten Bauart nach Norwegen abgesetzt werden, wo es schon 2003 seinen Betrieb wieder einstellte.

Von 1995 bis 1997 in Nauen aufgebaut wurden vier neue Sendeeinheiten, welche die 1990 für den ständigen Betrieb von der Deutschen Welle gebuchten Altsender ablösten. Die Gästeliste der Einweihungsfeier reichte bis zum Staatssekretär der brandenburgischen Staatskanzlei.

Sender Nauen
Nauen: Der nicht mehr für Sendetechnik genutzte Altbau und ALLISS-Sendeeinheiten | © Christian Schubert

Die von der Deutschen Welle als Reserve betrachtete dreh- und schwenkbare Antenne blieb noch bis ins Jahr 2000 im Einsatz und wurde dann abgekündigt. Neben ergänzenden Übertragungen von Eigenprogrammen kam sie im Rahmen einer Kooperation zeitweise auch für eine Sendung von Radio Nederland Wereldomroep (Englisch für Großbritannien und Irland am Mittag) zum Einsatz.

Nachdem ein weiterer Betrieb des Altsenders KWZ 1 nicht mehr haltbar war, wurde ein fast noch moderner Sender aus der untergehenden Station Jülich herausgeholt, in einem Leichtbau installiert und so die Antenne wieder für andere Kunden nutzbar gemacht.

Der großflächige Einsatz dieser Sendeeinheit mit 100 kW auf 6095 kHz ist zwar mittlerweile Geschichte. Die Ausstrahlungen auf 9610, 13800 und 15420 sowie teilweise auch 11830 und 15310 kHz werden jedoch weiterhin mit ihr abgewickelt.

Die anderen Sendungen laufen teils mit 125, teils mit 250 kW über die von 1995 bis 1997 aufgebauten Sendeeinheiten 1 bis 4. Deren volle Leistung von 500 kW ist ein teurer Luxus, der in Nauen schon seit Jahren nicht mehr eingeschaltet wird.

Wie zu sehen ist, taucht die Deutsche Welle im Sendeplan nicht mehr auf. Sie hatte den eigentlich bis 2016 geschlossenen Ausstrahlungsvertrag, der Grundlage für die umfangreichen Investitionen war, 2007 gegen eine Abstandszahlung von 14 Millionen Euro vorzeitig gekündigt.

Motiv war, mit dem regulären Auslaufen des Vertrags über die inzwischen eliminierte Sendestation Wertachtal (Bayern) die gesamte Programmverbreitung auf Kurzwelle im Wettbewerb neu zu vergeben.

Zwar dürfte der neue Auftragnehmer in Großbritannien auch tatsächlich einen günstigeren Preis geboten haben. Es ist trotzdem fraglich, ob die Abstandszahlung jemals wieder hereingeholt werden konnte, denn schon 2010/2011 stellte die Deutsche Welle einen großen Teil ihres Hörfunkangebots auf Kurzwelle ein.

Inzwischen konnte sich die Media Broadcast wieder den Auftrag für das, was jetzt noch übrig ist, sichern. Dafür bedient sie sich jedoch der Leistungen von Partnern unter anderem in Frankreich. Eine nochmalige Einbeziehung der Sender in Nauen blieb 2021 eine Episode.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 14.08.2022