Prag - Mittelwellensender Zbraslav ist Geschichte

Sender Zbraslav
© Wolfgang Lill

Der Betrieb des Mittelwellen-Stadtsenders von Prag ist beendet. Mit Ablauf des Oktober 2023 wurde die letzte Frequenz ausgeschaltet.

Charakteristisch für den Sender Zbraslav sind die drei im Wald versteckten Masten. Aus ihnen könnte auf die gleichzeitige Abstrahlung von drei Frequenzen geschlossen werden, indem man der Station unterstellt, in die bis 1988 praktizierte Blockierung der Mittelwelle 720 kHz (Radio Free Europe, Holzkirchen-Oberlaindern) einbezogen gewesen zu sein.

In diesen alten Tagen gab es einen regulären Betrieb in Zbraslav auf zwei Frequenzen mit jeweils 40 kW. Das war zum einen die Gleichwelle 1233 kHz von Hvězda, dem einzigen Hörfunkprogramm, das in der gesamten Tschechoslowakei ausgestrahlt wurde.

Was für ein Programm das über viele Jahre war, ist hier beschrieben. So ließ man am Morgen jeweils halbstündige, mitunter mehr als zehn Jahre alte Musikbänder ablaufen und übersprach sie ohne jedes ästhetische Empfinden mit Zeitansagen – im Vergleich etwa mit dem „Magazin am Morgen“ von Radio DDR einigermaßen erbarmungswürdig.

Zelená vlna
http://www.rozhlas.cz/zelenavlna

Die andere Frequenz war die nur bei Tageslicht betriebene, für das Prager Regionalprogramm bestimmte 792 kHz.

Eine Besonderheit gab es hier an den Nachmittagen des Freitags und Sonntags: Mehrstündige Sendeflächen unter dem bis heute beim Tschechischen Rundfunk verwendeten Namen des Verkehrsfunkdienstes, „Zelená vlna“ („Grüne Welle“), mit Meldungen aus einem Hubschrauber der Polizeibehörden.

An eine technische Abwicklung durch einzelne Sendefahrer, wie zu dieser Zeit beim Rundfunk der DDR längst üblich, war dabei nicht zu denken. Aufgeboten wurden ein Tonmeister und zwei weitere Tontechniker. Dazu kamen, über die redaktionellen Tätigkeiten hinaus, Produktionsleiter und Aufnahmeleiter.

Radio Dechovka, 1233/792 kHz
Das bis 2021 betriebene Sendernetz | © Radio Dechovka

Etliche Jahre später ging, in anderer Konfiguration und mit geringeren Sendeleistungen, die Gleichwelle 1233 kHz noch einmal in Betrieb. Zur Ausstrahlung kam jetzt Radio Dechovka („Messing“), ein Programm, das auf Blasmusik fokussiert, ohne sich darauf zu beschränken.

2016 übernahm Radio Dechovka auch noch die Frequenz 792 kHz, allerdings nicht mehr in Prag. Reaktiviert wurde nach mehr als einem Jahrzehnt damit vielmehr die Sendestation Stěžery bei Königgrätz (Hradec Kralové).

Sender Líbeznice
Die Sendeanlage Líbeznice | © Wolfgang Lill

Eine massive Tariferhöhung des Sendernetzbetreibers Radiokomunikace brachte 2021 das Ende der Frequenz 1233 kHz. Damit blieben auf Mittelwelle nur noch die selbst betriebene 792 kHz sowie in Prag der Standort Líbeznice, von dem aus 2014 alles begonnen hatte.

Dieser Sender entstand als gemeinsames Objekt mit Radio Impuls, das hier auf 981 kHz ein Nostalgieprogramm mit Musik aus ČSSR-Zeiten verbreitet. Zu hören ist darin auch die Lösung, mit der man Einsätze von Musiktiteln aus dem westlichen Ausland weitgehend vermied: Coverversionen, mit tschechischem Text und ohne künstlerischen Anspruch.

Seit dem Rückzug vom Mittelwellennetz der Radiokomunikace sendet auch Radio Dechovka wieder aus Líbeznice, wegen der sonst zu hohen Kosten jedoch nur mit geringer Leistung. Aus medienrechtlichen Gründen war dabei eine Änderung der Frequenz auf 1260 kHz erforderlich.

Eine letzte Sendung auf 1233 kHz gab es im Mai 2023 zum 100. Geburtstag des tschechischen Rundfunks. Radio Dechovka meldete sich unter anderem mit der Parodie „Černé vysílačky“ und nahm – in der hier verfügbaren Aufzeichnung bei 1:29:30 – auch Radio DDR auf die Schippe, wenngleich ohne den Running Gag der originalen Wasserstände und Tauchtiefen: „Usti nicht gemeldet.“

Nach dem Rückzug von Radio Dechovka verblieb noch die Ausstrahlung von Country Radio auf 1062 kHz. Sie wurde schließlich durch eine Reaktivierung der Frequenz 639 kHz aus Liblice ersetzt, um den Mittelwellenbetrieb in Zbraslav einstellen zu können.

Die Radiokomunikace will das Grundstück künftig für ein Rechenzentrum nutzen und dazu die vorhandenen Gebäude abreißen. In der unteren Hälfte dieser Seite kann man betrachten, wie es dort aussah, als der 10 kW starke Sender der Frequenz 1233 kHz noch vorhanden war (er ist bereits unmittelbar nach der letzten Sendung entfernt worden).

Sofern die Zeigerausschläge auf dem betreffenden Foto keine Täuschung sind, lief auf 1062 kHz der Tagbetrieb mit 20 kW bis zuletzt mit einem der Röhrensender aus alten Tagen. Abends und nachts trat ein Kleinsender mit 1 kW an seine Stelle.

Die starke Absenkung der Sendeleistung zwischen 19.00 und 6.00 Uhr wurde bis zuletzt beibehalten, obwohl sich ihr eigentlicher Grund bereits 2009 erledigt hatte: Die bevorrechtigte Nutzung der Frequenz in Dänemark.

Nachdem sich im September 2022 auch der italienische Rundfunk Rai von der Mittelwelle zurückgezogen hat, ist mit dem Wegfall der Ausstrahlung aus Zbraslav überhaupt kein Sender in Europa mehr auf 1062 kHz aktiv. In Afrika ist das schon seit etlichen Jahren der Fall.

Was jetzt noch auf der Frequenz zu hören ist, kommt somit aus Asien – soweit es den Abend betrifft aber nicht, wie ein Blick in Sendertabellen nahelegen könnte, aus der Türkei: Der dortige Rundfunk TRT schaltet seine Mittelwellensender in der Regel nur noch für wenige Stunden am Morgen ein, um sie für alle Fälle betriebsfähig zu halten.

Hörbar ist – sofern das, zum Beispiel im guten Autoradio, auch mit verhältnismäßig schwachen Signalen funktioniert – somit in der Regel dieser Sender. Das dort ausgestrahlte Programm entsteht keine 15 Kilometer entfernt, nämlich im Funkhaus Kerman.

Online sind Audioinhalte des iranischen Rundfunks IRIB derzeit kaum erreichbar. Prinzipiell geht es zu Radio Kerman hier entlang.

 

Beitrag von Kai Ludwig; Stand vom 05.11.2023