Nach dem Langwellensender Topolná

Mittelwellensender Liblice soll ebenfalls verschwinden

Nachdem am 28. Juli 2022 die Masten des tschechischen Langwellensenders Topolná eliminiert wurden, soll nach den Vorstellungen des Betreibers Radiokomunikace auch die Mittelwellenanlage Liblice schnellstmöglich von der Bildfläche verschwinden. Einziger Unterschied scheint die Stärke des Widerstands zu sein.

Sender Topolná
Ein jetzt historisches Bild: Topolná mit den Langwellenmasten

Auch in Liblice ist inzwischen eine Genehmigung für den Abbruch der Masten beantragt. Im ersten Schritt wurde der Antrag jedoch abschlägig beschieden.

Über die Sendetechnik braucht wohl schon nicht mehr gesprochen zu werden: Sie soll bereits wenige Tage nach der Einstellung des Betriebs am 31. Dezember 2021 verschrottet worden sein.

Die Liquidierung der zum gleichen Zeitpunkt abgeschalteten Langwellenanlage war Gegenstand widersprüchlicher Aussagen. Der Bürgermeister erklärte, die Gemeinde Topolná habe keine Kenntnis von der Sprengung gehabt und die Sendestation eigentlich als Denkmal erhalten wollen.

Dem widersprach die Pressesprecherin der Radiokomunikace: Man habe ordnungsgemäß eine Genehmigung für den Abbruch beantragt. Er sei den zuständigen Behörden, eingeschlossen die umliegenden Ortschaften und deren Bürgermeister, also auf jeden Fall bekannt gewesen.

Noch vor wenigen Wochen gab es politische Diskussionen, angesichts zunehmender Angriffe auf den Internetverkehr die AM-Sender erhalten zu wollen. Wie nun immer deutlicher wird, sind diese Wortmeldungen nicht relevant.

Mittlerweile nicht mehr nachvollziehbar ist somit, was die Radiokomunikace derzeit in Budweis veranstaltet: Einen Betriebsversuch mit digitalen Ausstrahlungen auf Mittelwelle.

Er läuft auf der AM-Station České Budějovice auf der Frequenz 954 kHz, die zusammen mit 1071 kHz im Gleichwellenbetrieb mit anderen Standorten aktiv war. Bis Februar 2021 gab es hier auch noch eine dritte Frequenz, 1233 kHz.

Für Verwirrung sorgte die Kennung „Elsyscom“, die in dem Digitalsignal gezeigt wurde: Unter diesem Namen werden von Teltow aus die transistorisierten AM-Sender (TRAM) der untergegangenen Firma Telefunken weiter angeboten.

Stand vom 25.08.2022



Ein slowakischer Sammler produzierte ein ganz spezielles Video vom Ende der Langwelle 270 kHz. Mit deren Abschaltung sind, falls die Agonie des AM-Rundfunks in Turkmenistan nicht doch noch andauert, mittlerweile alle drei oberen Kanäle des Langwellen-Rundfunkbereichs leer.

Hier gibt es Einblicke in die Sendestation Topolná. Zu sehen sind die beeindruckende Architektur des Gebäudes, die bereits zum Teil demontierte Röhrensenderanlage, der frühere Radioropa-Sender und die Antennenanlage, aber auch die aus Deutschland und Österreich eingegangenen Zuschriften.

Ein unter diesem Beitrag hinterlassener Kommentar beklagt einmal mehr den zuletzt „schrecklichen Klang“. Dieser ging allerdings nicht auf das Konto des Transistorsenders, sondern, wie unten beschrieben, auf den eines solchen Geräts.

Mit dem Sender Topolná hatte sich außerdem – und auch dabei wurde eine Zuschrift aus Deutschland in die Kamera gehalten – ein Fernsehbeitrag beschäftigt. Wohl unvermeidlich war dabei eine Präsentation von DAB-Radios, die hier aber, wie ebenfalls unten beschrieben, an der Sache vorbeigeht.

Nachdem die Mittelwelle 1296 kHz im Sudan nicht mehr aktiv zu sein scheint, könnte mit dem Wegfall der Ausstrahlung aus Liblice nun das letzte Exemplar jener Sender mit 750 kW Leistung stillgelegt sein, von denen die tschechische Firma Tesla eine ganze Anzahl ausgeliefert hatte. Auch vom Sender Liblice gibt es eine detailreiche Fotosammlung.



Das Popmusik- und Informationsprogramm Radiožurnál ist in der heutigen Tschechischen Republik seit langer Zeit flächendeckend auf UKW zu empfangen. Seine Ausstrahlung auf Langwelle hatte einen anderen Grund.

Mit Ausnahme der Zeit von 1970 bis 1989, in der das Programm stramm ideologisch als „Hvězda“ („Stern“) auftrat, hieß es bis 1992 „Československo“. Wie bereits an diesem Namen zu erkennen ist, war es als einziges Hörfunkprogramm für die gesamte Tschechoslowakei bestimmt.

Entsprechend wurden einzelne Sendungen aus Bratislava zugeliefert. Auch die in Prag produzierten Teile des Programms sind teilweise in Slowakisch gesprochen worden.

Daraus folgte die Prämisse für den Standort des 1951 in Betrieb genommenen Langwellensenders: Zentral im damaligen Föderalstaat. Ein geeigneter Platz fand sich zwischen Uherské Hradištĕ (Ungarisch Hradisch) und Napajedla, beim Dorf Topolná. Dieser Standort ist von Bratislava nur halb so weit entfernt wie von Prag.

In Topolná entstanden zwei jeweils 270 Meter hohe Masten. Die an ihnen angebrachten Antennenreusen waren auf eine Richtwirkung in Acht-Form eingestellt, um das Sendesignal bevorzugt in die am weitesten entfernten Regionen des Landes abzustrahlen.

Erzeugt wurde das Signal ursprünglich von einer aus zwei Blöcken mit 400 kW Gesamtleistung bestehenden Senderanlage. An deren Stelle traten 1978 zwei Exemplare der Langwellenversion des neu entwickelten Einzelsenders mit 750 kW, die als Paar mit 1500 kW Gesamtleistung arbeiteten.

Sender Topolná
Langwellensender Topolná (Foto anonym via Wikipedia)

Mit der Auflösung des Föderalstaates hatte der Langwellensender Topolná seine eigentliche Funktion verloren. Er sollte deshalb schon zum Ende des Jahres 1993 für immer abgeschaltet werden.

Massive Hörerproteste führten zunächst zu zwei Galgenfristen bis Ende Januar bzw. Februar 1994. Schließlich nahm Český Rozhlas den damaligen Abschaltplan zurück; die Langwelle blieb mit 750 kW und eingeschränkter Sendezeit in Betrieb.

Später gab es sogar Bestrebungen, auf 270 kHz auch die Auslandssendungen insbesondere in deutscher Sprache auszustrahlen. Das scheiterte hauptsächlich an der ungeklärt gebliebenen Frage, wie solche Übertragungen der gesondert vom Außenministerium finanzierten Sendungen abzurechnen wären.

2014 sollten finanzielle Engpässe erneut zum Ende der einst tschechoslowakischen Langwelle führen. Doch auch zu diesem Zeitpunkt hatte sie in der Slowakei weiterhin eine Anhängerschaft, die Český Rozhlas nicht einfach enttäuschen wollte.

Eine Lösung fand sich in Deutschland. Hier stand noch immer der kleine Langwellensender mit 50 kW herum, der Ende 1996 schon einmal einen Röhrensender tschechischer Bauart abgelöst hatte: In Burg bei Magdeburg, dort für die bis Ende 2000 von Radioropa nachgenutzte sowjetische/russische Militärrundfunkfrequenz 261 kHz.

Dieser Sender wurde auf 270 kHz umgestellt und in Topolná wieder in Betrieb genommen. Die immer weitere Absenkung der Sendeleistung (zuvor waren es noch 350 kW) war so nun allerdings wirklich nicht mehr zu überhören. Als Kompensationsversuch strahlte der Sender eine „Kampfmodulation“ mit sehr harter Dynamikkompression aus.

Sender Liblice
Mittelwellensender Liblice (Foto: Juan de Vojníkov, Creative Commons)

Tatsächlich bis zuletzt für das Inland relevant waren hingegen die Mittelwellensendungen von Český Rozhlas. Im Vordergrund steht hier die Übertragung von Dvojka, das bis zu einer schleichenden, nach 2010 vorgenommenen Umbenennung als „Praha“ bekannt war.

Ohne seine Mittelwellen hätte dieses Programm die Einführung des kommerziellen Rundfunks in der Tschechischen Republik nicht überlebt. Seinerzeit wurden Český Rozhlas so, wie es hierzulande dem Mitteldeutschen Rundfunk geschah, zunächst nur noch drei UKW-Ketten zugestanden.

Damit konnte „Praha“ auf UKW nur noch abends und nachts auf den Frequenzen der Regionalprogramme senden. Der Aufbau einer vollständigen neuen UKW-Kette gelang bis heute nicht. Nach wie vor keine Frequenz gibt es für „Dvojka“ zum Beispiel auf dem bis nach Brandenburg einstrahlenden Sender Bukova hora (Zinkenstein).

Hauptsender des Mittelwellennetzes von Český Rozhlas war auf 639 kHz der auf das Jahr 1931 zurückgehende Standort Liblice bei Český Brod, östlich von Prag. Die letzte Senderanlage, wie in Topolná mit zwei Einzelsendern 750 kW, stammte von 1976.

Für die Hochleistungssender entstand eine Antenne mit zwei jeweils 355 Meter hohen Masten, die als höchste Mittelwellenantenne der Welt gilt. Sie wurde ausschließlich darauf ausgelegt, das auch tagsüber wirksame Bodenwellensignal zu erzeugen.

Durch die extrem flache Abstrahlung war das in den oberen Atmosphärenschichten reflektierte Raumwellensignal selbst in 190 Kilometer Entfernung noch um mindestens 8 dB abgeschwächt. Das führte vor Jahren zu Spekulationen über eine vermeintliche Absenkung der Sendeleistung, die bis in die Literatur getragen wurden.

In Wirklichkeit lief die Mittelwelle Liblice 639 kHz noch bis 2012 mit vollen 1500 kW und dem traditionellen warmen Klang der tschechoslowakischen AM-Sender. Ab 2012 waren es – nach wie vor mit den alten Röhrensendern generierte – 750 kW mit einer etwas gemäßigteren Form der „modernen“, also schrill-überkomprimierten Modulation.

Weitere Sender übertrugen „Dvojka“ auf 954 und 1332 kHz. Aus deutscher Sicht wegen seiner ganztägigen Einstrahlung besonders erwähnenswert war der Karlsbader Sender, der mit 20 kW auf der erstgenannten Frequenz arbeitete.

Český Rozhlas 6
Firmenschild am von 1995 bis 2002 genutzten Studiostandort Praha-Vinohrady, Dykova 14 (Foto: ŠJů, CC)

Die Geschichte der Mittelwellensendungen von Český Rozhlas ist auch verknüpft mit Radio Free Europe / Radio Liberty, dessen tschechisches Programm auf Mittelwelle (720 kHz, Sender Oberlaindern bei Holzkirchen) und Kurzwelle bis 1988 massiv gestört wurde.

1990 schritt man aus Dankbarkeit zum Gegenteil: Der noch föderale tschechoslowakische Rundfunk übernahm nun auf 1287 kHz RFE/RL und opferte dafür die Mittelwellenverbreitung seines eigenen Auslandsdienstes. Später kamen noch Sender auf den bis 1995 mit Radiožurnál bespielten Frequenzen 1071 und 1233 kHz hinzu.

Aus der reinen Übernahme erwuchs 1995 eine Koproduktion. Fortan wurde das Projekt als sechstes Programm von Český Rozhlas geführt.

2002 zog RFE/RL sich schließlich zurück. In der nunmehr alleinigen Regie von Český Rozhlas enthielt das Programm auch Sendungen des Auslandsdienstes, Radio Prag, der somit nach einer Unterbrechung von zwölf Jahren noch einmal auf die Mittelwelle zurückkehrte.

Die Freude währte jedoch nicht lange. Anfang 2004 gab Český Rozhlas das gesonderte Mittelwellennetz auf. Zugleich entfielen auch die letzten der einst in größerer Zahl von den tschechischen Regionalstudios genutzten Mittelwellen.

Das sechste Programm beschränkte sich für reichlich zehn Jahre auf täglich sechs Stunden am Abend, abgestrahlt auf den verbliebenen Frequenzen 639, 954 und 1332 kHz.

2015 erhielt Český Rozhlas dann die Erlaubnis, das inzwischen als ČRo Plus präsentierte Programm auf UKW zu verbreiten. Um dabei nicht auf Prag beschränkt zu bleiben, wurden in der international üblichen Weise fünf Frequenzen dem Netz des Kulturprogramms Vltava entnommen.

Über die Mittelwellen-Hauptkette lief ab 2016 wieder ausschließlich Dvojka. Auf eine Füllung der nicht stopfbaren größeren UKW-Lücken von ČRo Plus durch die Mittelwelle wollte Český Rozhlas seinerzeit noch nicht verzichten.

Dafür noch einmal aktiviert wurde die Frequenz 1071 kHz. Die Ausstrahlung lief mit jeweils 5 kW vom Sender Svinov (Schönbrunn) bei Ostrava (Mährisch Ostrau) und aus České Budějovice (Budweis). Diese Stationen arbeiteten ansonsten mit jeweils 30 kW in den Gleichwellenverbünden auf 639 bzw. 954 kHz.

Für den Auslandsdienst war die Abschaltung der separaten Mittelwellenkette hingegen der Anfang vom Ende seiner terrestrischen Verbreitung. Eine massive Kürzung der vom Außenministerium bereitgestellten Mittel führte Anfang 2011 zum Entfall der Kurzwellensendungen über die Station Pohodlí bei Litomyšl.

Wie schon bei der Langwelle Topolná gibt es auch hier eine Verbindung zu Radioropa: Von 1993 bis 1996 lief dessen Programm großflächig auf 5980 kHz (zeitweise, um der Deutschen Welle auszuweichen, auf 5975 kHz) über einen der fünf Kurzwellensender in Pohodlí.

 

Autor: Kai Ludwig