Aus Litauen

Belarus-Redaktion von RFE/RL wieder mit Hörfunk

Nach einer Unterbrechung von 16 Monaten produziert die Belarus-Redaktion von Radio Free Europe / Radio Liberty ab dem 12. August 2020 wieder Hörfunk. Dafür abgezweigt wird Sendezeit auf dem Mittelwellensender in Litauen, der jetzt auch das deutsche Programm von Polskie Radio am Abend verbreitet.

Sender Viešintos
Die Mittelwellenantenne in Viešintos | © Vilensija, CC-BY-SA

Die wieder aufgenommenen Sendungen laufen auf 1386 kHz von 20.00 bis 21.00 und von 22.00 bis 23.00 Uhr MESZ. Dies geht zu Lasten des russischen Programms, das jetzt nur noch von 21.00 bis 22.00 Uhr aufgeschaltet wird. Es bleibt also bei der im April 2019 von RFE/RL vorgenommenen Kürzung der Nutzung des Senders auf drei Stunden pro Tag.

Zuvor hatte Polskie Radio am 10. August eine Änderung bei seiner Bespielung des Senders Viešintos vorgenommen. Diese hat jedoch nichts mit Belarus zu tun; hier blieb der dafür genutzte Sendeplatz von 6.00 bis 7.00 Uhr, dem bis 7.30 Uhr dann noch eine Sendung in Ukrainisch folgt, unverändert.

Vielmehr geht es um die Sendung in deutscher Sprache, die erst am 1. Januar nach einer Unterbrechung von 25 Jahren auf die Mittelwelle zurückgekehrt war. Zunächst lief sie am Mittag und damit zu einer Tageszeit, zu welcher der Sender, abgesehen höchstens von den kürzesten Tagen des Jahres, Deutschland nicht erreicht.

Nun kommt die deutsche Sendung auf 1386 kHz von 18.30 bis 19.00 Uhr. Sie wird an die ebenfalls halbstündigen Sendungen in Polnisch und Russisch angehängt, die Polskie Radio von 17.30 bis 18.30 Uhr ausstrahlt.

Unverändert nur für die Region bis etwa Kaliningrad verbreitet Polskie Radio auf Mittelwelle seine englische Sendung: Sie läuft weiterhin zwischen 14.00 und 15.00 Uhr.

Eingestellt sind und bleiben hingegen die AM-Sendungen von Radio Racja, einem 1999 gestarteten, von der polnischen Regierung unterstützten Projekt. Das Programm läuft terrestrisch nur noch über zwei UKW-Sender bei Białystok und Biała Podlaska, die in den grenznahen Raum um Grodno bzw. Brest einstrahlen.

Radio Racja hatte sich vorbehalten, bei gleich zwei polnischen AM-Anlagen das Licht auszumachen: Zum Ende des Jahres 2006 auf dem Mittelwellensender Koszęcin bei Częstochowa (1080 kHz; die Antenne wurde 2014 abgerissen), ein Jahr später dann auch auf der Warschauer Kurzwellenstation Leszczynka (siehe unten).

Stand vom 12.08.2020



Zum vorherigen Entfall der Mittelwellenverbreitung kam es bei den deutschen Sendungen aus Warschau bereits 1994, als Polskie Radio seine Frequenz 1503 kHz abgeschaltet hat. Hier noch zu sehen sind die Gebäude der Sendestation bei Stargard, die inzwischen vollständig liquidiert ist.

Hauptnutzer des Mittelwellensenders Viešintos wiederum war bis April 2019 Radio Free Europe / Radio Liberty. Von dessen einst großflächigen Ausstrahlungen sind seitdem nur noch drei Stunden verblieben. Die weißrussischen Hörfunksendungen wurden mit der damaligen drastischen Kürzung zunächst ganz eingestellt.

Die Übertragung auf Kurzwelle war in beiden Fällen bereits 2016 entfallen. Über die einst hierfür errichteten Sendeanlagen in Hessen (Biblis und Lampertheim) laufen jetzt hauptsächlich Programme für Asien, eingeschlossen den Iran.

Erst 2017 hatten die USA dabei mitgewirkt, die letzte Sendemöglichkeit auf Mittelwelle in Litauen zu erhalten. Die einst großflächig (auf 612 kHz) für das weißrussische Programm von RFE/RL genutzte Sendestation Vilnius, im Stadtteil Viršuliškės, war hier schon 2008 stillgelegt worden. Dem folgte 2017 die Schließung der Sendestation Sitkūnai bei Kaunas.

Eine nutzbare Mittelwellenantenne gibt es in Litauen damit nur noch in Viešintos, 110 km nördlich von Vilnius. Der ursprüngliche Mittelwellenbetrieb auf den Gleichwellen 1107 und 1557 kHz war hier schon Mitte der 90er Jahre beendet worden. Danach verblieben ausschließlich Fernseh- und UKW-Sender.

Die Übernahme der Ausstrahlungen auf 1386 kHz erforderte deshalb den Aufbau neuer Sendetechnik. Eine neue Verwendung fand hier jener Sender (Nautel NX, 200 kW), der 2011/2012 auf der Mittelwellenstation des American Forces Network in Weißkirchen bei Oberursel aufgebaut wurde. Mit dem Rückzug des AFN aus der Mittelwellenverbreitung endete der Einsatz des Senders an diesem Standort schon 2013 wieder.

Vor der Schließung der Sendestation Sitkūnai wurde dieser Sender von der Weißkirchen-Frequenz 873 kHz auf 1386 kHz umgerüstet, in Viešintos aufgebaut und mit 75 kW, der auch zuletzt mit den Röhrensendern in Sitkūnai gefahrenen Leistung, in Betrieb genommen.

Vier Monate später gab es noch eine offizielle Einweihung. Neben dem Außenminister und Kommunikationsminister Litauens nahm daran aus den USA André Mendes teil, der heute bei den nunmehr erfolgreichen Bemühungen mitwirkt, die Auslandssender der USA auf Trump-Linie zu bringen.

Seit Jahren wird die Kommunikation solcher Themen in Washington ausgesprochen restriktiv gehandhabt. Einstige Partner für Hintergrundgespräche sind verstummt. Damit wurde es der russischen Seite überlassen, eine Mitteilung des litauischen Außenministeriums zu sehen und als erste den Mittelwellenbetrieb Viešintos in ihrer Interpretation zu melden.

Sender Viešintos
Sendestation Viešintos; Einfahrt, Betriebsgebäude und UKW/TV-Mast | © Vilensija, CC-BY-SA

Polen wiederum konzentriert seinen Auslandsrundfunk inzwischen auf das Gebiet der früheren Sowjetunion. Dabei einbezogen ist auch Telewizja Polska, das eigens für Belarus das Programm Belsat produziert. Dort rückte 2018 die fristlose Entlassung eines Journalisten erneut den Blick auf die problematische Lage im Bereich der Meinungs- und Pressefreiheit.

Beim Auslandsdienst von Polskie Radio hatte bereits 2016 eine Journalistin die russische Redaktion verlassen und erklärt, damit die Konsequenzen aus der Absetzung der bisherigen Leitung und der Entlassung fünf weiterer Redaktionsmitglieder zu ziehen.

Nach ihren Worten herrsche in der Redaktion eine „Atmosphäre von Paranoia und Einschüchterung“, in der es kaum noch möglich sei, der Propaganda des Kremls entgegenzutreten. Für sich spreche ein innerhalb weniger Monate eingetretener Rückgang der monatlichen „Unique Visits“ des Internetangebots von 380.000 auf 90.000.

Die ausgeschiedene Mitarbeiterin, Mascha Makarowa, artikulierte „große Enttäuschung“ darüber, wie „polnische Journalisten viel schneller als ihre russischen Kollegen in den abgesicherten Modus der Selbstzensur gehen“.

Seinerzeit gab es auch irritierte Kommentare über die Neuauflage des Angebots in deutscher Sprache. Es war in seiner alten Form zuvor 2014 kommentarlos eingestellt worden.

Bereits 2006 hatte eine Säuberungsaktion für Aufsehen gesorgt, bei der auch der langjährige Leiter der deutschen Redaktion entfernt wurde. Andere damalige Redaktionsmitglieder sprachen dazu von einer „Hexenjagd“, verbunden mit dem Kommentar „unter den Kommunisten war das auch nicht viel schlimmer“.

Die Mittelwellensendungen aus Litauen sind seit 2013 die einzigen terrestrischen Ausstrahlungen des Auslandsdienstes von Polskie Radio. Zusätzliche Mittelwellensendungen aus Armenien im Jahre 2016 blieben eine Episode.

Von der Kurzwellenstation Warschau (sie ist inzwischen aufgegeben) hatte sich Polskie Radio schon 2006 zurückgezogen. Danach gab es bis 2013 noch Ausstrahlungen über die Kurzwellensender in Deutschland, England und ganz zuletzt Bulgarien.

2001: Deutsche Redaktion von Polskie Radio; ganz rechts deren 2006 entfernter Leiter, Aleksander Opalski

Dritter verbliebener Nutzer des Mittelwellensenders in Litauen ist NHK World mit seinen 30 Minuten langen Sendungen in russischer Sprache. Sie laufen hier um 5.30 und 19.30 Uhr.

Darüber hinaus ergänzte NHK deren Ausstrahlung über die Kurzwellenstation in Japan bis 2017 mit einer Übertragung aus Sitkūnai. Als Ersatz dafür beauftragte NHK die Media Broadcast mit ihren Kurzwellensendern bei Nauen, wo eigens eine große Satellitenantenne für die Programmzuspielung im C-Band (Intelsat 20 auf 68,5° Ost; 3,841 GHz h) aufgebaut wurde.

Derzeit läuft die russische Sendung aus Nauen um 6.30 Uhr auf 6165 kHz. Seit 2018 nutzt NHK World den Standort darüber hinaus auch für Ausstrahlungen seines japanischen Hörfunkprogramms nach Nahost; derzeit 5.00-7.00 Uhr au 9490 kHz und 19.00-21.00 Uhr auf 15445 kHz.

Die terrestrische Verbreitung dieses Programms in Europa ist inzwischen entfallen. Hier gibt es außer den russischen Sendungen nur noch ein englischsprachiges Magazin, das von 7.00 bis 7.30 Uhr aus Österreich auf 5975 kHz abgestrahlt wird (zugleich für Afrika über Radio Vatikan auf 7275 kHz und aus Frankreich auf 11970 kHz).

Bis 2018 liefen die russischen NHK-Sendungen auch über eine Stadtmittelwelle in Moskau. Sie ist zumindest vorerst dem Druck, das Grundstück der Sendestation anderweitig zu verwerten, zum Opfer gefallen.

Dazu gab es Meldungen über vermeintliche Bestrebungen, auch andere Sendungen des nun in Moskau abgeschalteten „Wsemirnaja Radioset“ aus Litauen abzustrahlen. Aufzufinden sind dazu allerdings nur die üblichen, theoretischen Forendiskussionen über vermeintliche Optionen.

Schon 2007 verschwanden die NHK-Sendungen auf Deutsch. Das betraf nicht nur den terrestrischen Hörfunk; die Redaktion wurde ganz aufgelöst, weshalb „Radiofee Hiromi“ zuletzt auch nichts anderes mehr blieb, als sich ganz allein zu verabschieden.


Bei den hier genannten Zeiten ist zum 25. Oktober mit Änderungen zu rechnen. Der Auslandsdienst von Polskie Radio berücksichtigt die Sommerzeit. RFE/RL und NHK tun dies hingegen nicht, was aus hiesiger Sicht mit dem Ende der Sommerzeit zu jeweils einer Stunde früheren Sendezeiten führt.

Das dürfte auch eine erneute Verschiebung der deutschen Sendung von Polskie Radio nach sich ziehen: Auf deren jetzigem Sendeplatz wäre dann wieder die russische NHK-Sendung zu übertragen.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 11.08.2020