Fernsehen als Leitmedium

Auslandsrundfunk um Polen und Belarus

Den heutigen Status des Fernsehens als Leitmedium des internationalen Rundfunks illustrieren zwei aktuelle Entwicklungen: Der kurzfristige Start eines englischsprachigen TV-Kanals aus Polen und die Wahl der Medienmarke von Radio Free Europe / Radio Liberty, deren Internetpräsenz nun in Belarus gesperrt ist.

Sender Viešintos
Mittelwellenantenne in Viešintos, Litauen | © Vilensija, CC-BY-SA

Überraschend kam der Start von TVP World nicht. Schon seit einiger Zeit plante Telewizja Polska, ein solches Programm ab dem 1. Januar 2022 unter anderem über Astra 19,2° Ost auszustrahlen. Nun wurde ein bescheidenes Vorgängerprojekt kurzfristig schon zum 18. November in das neue TVP World umgewandelt.

Den vorgezogenen Online-Start begründete Telewizja Polska mit einem „Informationskrieg“. In diesem würden die Kinder von Migranten für russische und belorussische Propaganda ausgenutzt.

Wie das zu verstehen ist, zeigen die gegenüber Breitbart gemachten Äußerungen eines polnischen Regierungssprechers. Dieser ging die BBC und CNN wegen ihrer Berichterstattung von der Grenze in scharfer Form an und warf den Sendern vor, sie seien linkslastig.

Interessant ist deshalb ein Detail, das besonders betont wird: LRT und NSTU, die Rundfunkanstalten in Vilnius und Kiew, sind in eine Kooperation mit Telewizja Polska eingestiegen.

Unterdessen kam es bereits am 28. Oktober zur Sperrung unter anderem von Internetangeboten zweier Auslandssender in Belarus. Bei der Deutschen Welle betrifft es deren bekannte Adresse dw.com ohne weitere Differenzierung.

Hingegen betreibt Radio Free Europe / Radio Liberty einen ganzen Reigen an Online-Plattformen, darunter mit Svaboda.org auch eine speziell für Belarus. Soweit bekannt, ist es allerdings nicht diese Adresse, die in ihrem Zielland nun gesperrt ist.

Betroffen ist stattdessen die Onlinepräsenz von Nastojaschtscheje Wremja, dem 2017 von RFE/RL gemeinsam mit der Voice of America gestarteten russischsprachigen Fernsehprogramm. Anscheinend spielt aus Minsker Sicht nun hier „die Musik“, nicht mehr bei der dedizierten Belarus-Redaktion des Hauses.

In einem neuen Licht erscheint damit möglicherweise auch eine Entscheidung, die im November 2020 für Kopfschütteln gesorgt hatte. Seinerzeit entzog RFE/RL der Belarus-Redaktion den Sendeplatz auf der Mittelwelle 1386 kHz und bespielt ihn seitdem wieder mit dem russischen Hörfunkprogramm.

Wieder hergestellt ist damit der Zustand von 2019, als die Nutzung des von den USA mit am Leben gehaltenen Senders in Litauen durch RFE/RL drastisch auf nur noch drei Stunden von 19.00 bis 22.00 Uhr beschränkt wurde. Im August 2020 übertrug RFE/RL diese restliche Sendezeit vorübergehend der Belarus-Redaktion.

Stand vom 30.11.2021

Sender Viešintos
Sendestation Viešintos; Einfahrt, Betriebsgebäude und UKW/TV-Mast | © Vilensija, CC-BY-SA

Die großflächigen Hörfunksendungen der Belarus-Redaktion von RFE/RL sind schon seit Jahren Geschichte. Der einst hierfür genutzte Mittelwellensender Vilnius wurde bereits 2008 stillgelegt.

2016 folgte das Ende des traditionellen Verbreitungswegs, der Kurzwelle. Von der damaligen Abschaltung bei RFE/RL ausgenommen blieben im postsowjetischen Raum nur die Programme für Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan.

2017 ließ sich auch die Sendestation in Sitkūnai bei Kaunas nicht mehr länger halten. Bei den Bestrebungen, wenigstens eine Sendemöglichkeit auf Mittelwelle in Litauen zu bewahren, griffen die USA den Initiatoren unter die Arme.

Eine Lösung fand sich in Viešintos, 110 Kilometer nördlich von Vilnius. Dort war noch die Antenne nutzbar, über die bis Mitte der 90er Jahre die Gleichwellen 1107 und 1557 kHz liefen. Danach verblieben nur noch der Fernseh- und UKW-Betrieb. Die alten Mittelwellensender sind längst verschwunden.

Deshalb stellten die USA eben jenen Sender zur Verfügung, der ursprünglich 2011/2012 auf der Mittelwellenstation des American Forces Network in Weißkirchen bei Oberursel aufgebaut wurde. Mit dem Rückzug des AFN aus der Mittelwellenverbreitung endete der Einsatz des Senders an diesem Standort schon 2013 wieder.

Vor der endgültigen Schließung der Sendestation Sitkūnai wurde dieser Sender von der Weißkirchen-Frequenz 873 kHz auf 1386 kHz umgerüstet, in Viešintos aufgebaut und mit 75 kW in Betrieb genommen. Eine offizielle Einweihung gab es erst nach vier Monaten.

Charakteristisch für die Informationspolitik der Beteiligten ist, wie ausländische Beobachter davon erfuhren: Eine Mitteilung des litauischen Außenministeriums wurde zuerst in Moskau gesehen und folglich die Neuigkeit durch eine Sputnik-Meldung in der russischen Interpretation bekannt.

Hauptnutzer dieser Mittelwellenanlage ist, seit von den einst die ganze Nacht hindurch abgestrahlten Sendungen von RFE/RL schon nach zwei Jahren nur noch die erwähnten drei Stunden übrig blieben, nun Polskie Radio.

Auch in Warschau gibt es seit vielen Jahren eine Belarus-Redaktion. Sie sendet auf 1386 kHz am Morgen von 5.00 bis 6.00 Uhr. Jeweils 30 Minuten lange Programme in Ukrainisch und Russisch kommen um 6.00 bzw. 17.00 Uhr. Für das Baltikum bestimmt ist eine Übertragung des englischen Programms von 14.00 bis 15.00 Uhr.

Tatsächlich Mitteleuropa erreichen soll hingegen eine Sendung in deutscher Sprache von 18.00 bis 18.30 Uhr. Deren Aufschaltung war 2020 eine Rückkehr auf die Mittelwelle nach einem Vierteljahrhundert: Den einst genutzten Sender Stargard auf 1503 kHz hatte Polskie Radio schon 1994 aufgegeben.

2006 endete dann auch die Nutzung der Kurzwellenstation Warschau. Die anschließend noch aus dem Ausland fortgesetzten Ausstrahlungen entfielen bis 2013. Seitdem ist die litauische Mittelwelle der einzige terrestrische Verbreitungsweg des Auslandsdienstes von Polskie Radio.

Als einziger weiterer Kunde neben RFE/RL ist dort jetzt noch NHK World verblieben. Dessen halbstündige Sendung in russischer Sprache läuft auf 1386 kHz um 4.30 und um 18.30 Uhr. Die ergänzende Ausstrahlung auf Kurzwelle, die es in Sitkūnai ebenfalls gab, können die litauischen Betreiber jedoch nicht mehr anbieten.

Das brachte der Media Broadcast die Gelegenheit, sich einen neuen Kunden zu sichern. Seit 2017 kommt die betreffende Sendung nun aus Nauen, derzeit von 5.30 bis 6.00 Uhr auf 6165 kHz. 2018 konnte NHK darüber hinaus dafür gewonnen werden, aus Nauen auch insgesamt vier Stunden japanisches Programm nach Nahost abzustrahlen.

Alle genannten Sendezeiten beziehen sich auf Mitteleuropäische Zeit. Zum 27. März 2022 ist hier mit Umplanungen zu rechnen.

2001: Deutsche Redaktion von Polskie Radio; ganz rechts deren 2006 entfernter Leiter, Aleksander Opalski

Beim Auslandsdienst von Polskie Radio wiederum kam es schon 2006 zu einer Säuberungsaktion. In deren Zuge wurde auch der langjährige Leiter der deutschen Redaktion entlassen. Andere damalige Redaktionsmitglieder sprachen von einer „Hexenjagd“, verbunden mit dem Kommentar „unter den Kommunisten war das auch nicht viel schlimmer“.

Nächste Zäsur war 2014 eine kommentarlose Einstellung der deutschen Sendungen. 2016 wurden sie auf einmal wieder aufgenommen. Dazu, wie sich die Sendungen nun anhören, gab es damals sichtlich irritierte Kommentare.

Ebenfalls 2016 gab es einen drastischen Durchgriff in die russische Redaktion. Deren Leitung wurde abgesetzt, fünf weitere Redaktionsmitglieder wurden entlassen. Eine Redakteurin, Mascha Makarowa, verließ deshalb von sich aus den Sender.

Sie berichtete von einer „Atmosphäre von Paranoia und Einschüchterung“. Für sich spreche ein innerhalb weniger Monate eingetretener Rückgang der Zugriffe auf das Internetangebot um fast 80 Prozent. Es sei eine „große Enttäuschung“, wie „polnische Journalisten viel schneller als ihre russischen Kollegen in den abgesicherten Modus der Selbstzensur gehen“.

Telewizja Polska seinerseits betreibt mit Belsat bereits seit 2007 ein spezielles, vor allem vom polnischen Außenministerium finanziertes Fernsehprogramm für Belarus. Einen Paukenschlag gab es hier 2018 mit der fristlosen Entlassung eines Redakteurs.

Sein Vergehen: Er hatte privat auf Facebook das hier besprochene Foto mit dem Kommentar „links der Präsident von Polen“ gezeigt. Wie der entlassene Redakteur später anmerkte, müssen bei Belsat jegliche Beiträge über Polen, selbst über Themen wie Verkehrsunfälle, von der Chefredaktion freigegeben werden.

Zu erwähnen ist an dieser Stelle schließlich noch das 1999 mit Regierungshilfe gestartete Radio Racja. Es nutzt jetzt noch zwei UKW-Sender bei Białystok und Biała Podlaska, die in den grenznahen Raum um Grodno bzw. Brest einstrahlen.

Schon Ende 2006 beendete Radio Racja die Nutzung des Mittelwellensenders Koszęcin bei Częstochowa (1080 kHz), dessen Antenne 2014 abgerissen wurde. Mit Ablauf des Jahres 2017 entfielen auch die Ausstrahlungen über die Warschauer Kurzwellensender, die inzwischen ebenfalls aufgegeben sind.

 

Autor: Kai Ludwig