Letzte Ausstrahlung am 15.06.2022 - Griechischer Kurzwellenrundfunk ist beendet

I Foni tis Elladas: 9420, 9935, 11645 kHz
Schon seit Jahren zum Teil Wunschdenken | © ert.gr

Die Fortschreibung eines weiteren Kapitels der Rundfunkgeschichte kann an dieser Stelle höchstwahrscheinlich beendet werden: Am 15. Juni 2022 dürfte es in Griechenland die letzte Rundfunksendung auf Kurzwelle gegeben haben.

Eigentlich sollte der Betrieb bereits am 31. März beendet werden. Wegen der Klärung einiger Einsprüche kam es noch zu zwei Aufschüben.

In diesen zweieinhalb Monaten wurde die Frequenz 9420 kHz schon nur noch am Nachmittag, in ihrer bisherigen Sendepause, für rund fünf Stunden eingeschaltet. Selbst das geschah lediglich an Arbeitstagen, also nicht am Wochenende und auch nicht am 13. Juni, dem griechischen Pfingstmontag.

Vorletzter Sendetag war der 14. Juni mit zwei Anläufen von 14.10 bis 15.23 und von 16.07 bis 19.05 Uhr. Am 15. Juni tauchte die Frequenz 9420 kHz um 14.36 Uhr noch einmal auf. Die Kappung des Trägers zur zuletzt üblichen Zeit um 19.05 Uhr dürfte schließlich dieses Kapitel abgeschlossen haben.

Stand vom 26.07.2022



In einer Stellungnahme zur Einstellung des Kurzwellenbetriebs erklärte der Leiter des Auslandsdienstes von ERT, einschlägige Berichte hätten „nichts mit den Tatsachen zu tun“:

„Im vergangenen Jahrhundert war die Kurzwelle nötig, da es keine anderen Möglichkeiten dafür gab, die ‚Stimme Griechenlands‘ zu empfangen. So versuchten beispielsweise griechische Einwanderer in Deutschland, die Sendungen mit Weltempfängern zu hören, da sie keine andere Wahl hatten.
Heute hat es jedoch keinen Sinn mehr, die Frequenz auf den alten Radios zu suchen. [...] Es gibt keinen Grund für griechische Reisende, nach der Kurzwelle zu suchen, wenn sie die ‚Stimme Griechenlands‘ mit ihren Mobiltelefonen hören können. [...]
Griechenland sendet auf historisch gewachsene Weise über viele Stunden und mit hohen Kosten, ohne dass jemand eine tatsächliche Nutzung nachweisen kann. Die einzigen, die sich bei uns gemeldet und uns wirklich auf Kurzwelle empfangen haben, sind einige Hobbyisten in verschiedenen Ländern, die uns Briefe schicken und um Bestätigungskarten bitten.“

Aus der Sendestation Vathy/Avlis wurden konkrete Zahlen zum Aufwand des Kurzwellenbetriebs bekannt, angefangen beim Umfang der Belegschaft: Sieben Techniker.

Im letzten regulären Betriebsregime wurde noch ein Sender auf 9420 kHz ab etwa 19.00 Uhr bis zum folgenden Morgen um 9.05 Uhr, mitunter auch bis in den Mittag, eingeschaltet. Die jährlichen Stromkosten dafür beliefen sich auf 80.000 Euro. Darüber hinaus waren 20.000 Euro für Ersatzteile einzuplanen.

Diese Ausstrahlung war für Europa, in den Nachtstunden für Nordamerika bestimmt. Daneben nannte ERT noch immer weitere, für andere Zielgebiete bestimmte Frequenzen, die jedoch schon seit einigen Jahren nicht mehr in Betrieb waren.

Nach den nunmehrigen Angaben fehlte es an Ersatzteilen für die beiden ursprünglichen, aus dem Jahre 1971 stammenden Sender. Deren Beschaffung würde 120.000 Euro kosten. Zusätzlich wären 20.000 Euro für eine Wartung der aktuell nicht genutzten Antennen einzuplanen.

Da der Wunschzettel einmal auf dem Tisch lag, schrieben die Techniker auch gleich noch für den Sender 9420 kHz einen Umbau der Modulatorstufe auf Transistortechnik auf, wie er etwa beim BBC-Langwellensender Droitwich realisiert wurde: 200.000 Euro.

Typische Betriebsweise: Beginn der täglichen Sendepause um 9.05 Uhr.

Der bis zuletzt betriebene Sender stammte aus der 1996 geschlossenen Station von Radio Free Europe / Radio Liberty in Portugal. Ein Teil von deren Ausrüstungen war seinerzeit ERT überlassen worden.

Als Gegenleistung erhielt die Voice of America eine Verlängerung der Lizenz für ihre Sendestationen in Kavala bei Xanthi sowie auf Rhodos. Im Zuge des schrittweisen Rückbaus der AM-Verbreitung gab die US-amerikanische Seite diese Anlagen 2006 auf.

Die Kurzwellenantennen und Mittelwellenmasten der Station Kavala sind inzwischen verschwunden. Ihre Gebäude zeigen sich mittlerweile in verwüstetem Zustand. Sie wurden vor rund zehn Jahren aufgebrochen und geplündert, was zur Freisetzung polychlorierter Biphenyle (PCB) führte.

VOA-Sender Rhodos
Längst Geschichte: Der 2006 abgeschaltete Sender 1260 kHz der VOA auf Rhodos | © Wolfgang Büschel

Beim ERT-Auslandsprogramm selbst scheinen die Zeichen ebenfalls auf Rückbau zu stehen: Seit November konnten die Nachrichten in Fremdsprachen auf ihrem bekannten Sendeplatz am Vormittag nicht mehr gehört werden.

Wieder physischer Art ist der Rückbau, der nun auch die Mittelwellen-Infrastruktur treffen dürfte. Hier will ERT nur noch die Sender der Frequenzen 729, 1008 und 1314 kHz behalten. Alle anderen Mittelwellenmasten sollen „aus Sicherheitsgründen“ verschwinden.

Schon passiert ist das beim Sender Thessaloniki-Perea, der es 1992 zu besonderer Bekanntheit in Deutschland brachte. Aus Budgetgründen hatte die Mittelwellenverbreitung von ERT 3, der Filiale in Thessaloniki, bereits 2012 ihr Ende gefunden.

Um die Jahrtausendwende vorbei war es mit der parallelen Ausstrahlung auf Kurzwelle, mit der Thessaloniki auch in Mitteleuropa nicht nur im Hintergrund, sondern laut und klar zu hören war: Für die 50 Jahre alten Kurzwellensender ließen sich keine Ersatzteile mehr beschaffen. Für einige Jahre übernahm deshalb noch die Station Vathy/Avlis die Kurzwellenübertragung von ERT 3.

 

Autor: Kai Ludwig