Radioprogramm oder Stille? - Weiteres Rätselraten um die BBC-Langwelle

Sender Droitwich
Sender Droitwich: Die Antenne der Langwelle 198 kHz ist zwischen zwei Masten gespannt, von denen einer wiederum als Strahler der Mittelwelle 693 kHz geschaltet ist | © Jeff Gogarty, CC-BY-SA

Mit Ablauf des 31. März 2024 hört die Langwelle auf, ein offizieller Verbreitungsweg der BBC zu sein. Zwar bleibt, wie inzwischen klar ist, das Sendesignal auf 198 kHz danach noch ein weiteres Jahr vorhanden. Aus Sicht des Rundfunks gibt es aber immer noch keine Antwort auf die zentrale Frage.

Hintergrund ist, wie mittlerweile seit Jahren diskutiert, die Mitnutzung der Frequenz für Rundsteuerzwecke der Energiewirtschaft.

In Mitteleuropa gibt es dafür ein System mit eigenen Sendern in Mainflingen bei Aschaffenburg (129 kHz), in Lakihegy bei Budapest (135 kHz) und in Burg bei Magdeburg (139 kHz). Es blieb deshalb vom Ende des Langwellenrundfunks in Deutschland unberührt.

Auch die BBC plant schon seit 2011 den Wegfall dieses Verbreitungswegs. Seitdem immer wieder gestreut wurde ein anmutiges Gerücht von uralten Glasröhren, unterstrichen mit der Abbildung tatsächlich uralter Fotos aus der Sendestation Droitwich.

Offenbar konsequent unterbunden wird jede Veröffentlichung von Bildern der heute eingesetzten Sendetechnik, angefangen bei deren Einbau in den 80er Jahren. Wie zu hören ist, sind die Modulatoren dieser Senderblöcke inzwischen auf Transistortechnik umgebaut.

Röhren finden sich damit nur noch in den Endstufen. Auch das sind keine auf der ganzen Welt zusammengekratzten „letzten Exemplare“, sondern moderne, verdampfungsgekühlte Typen in Keramikbauweise.

Radio Teleswitch
Empfangsgerät für das auf 198 kHz mit übertragene Rundsteuersignal | © Richard Harvey

Über Jahre beteiligte sich die Energiewirtschaft mit jährlich 1,5 Millionen Pfund (entspricht 1,75 Mio. Euro) an den Betriebskosten der Langwelle 198 kHz. Doch diese Vereinbarung ist im März 2023 ausgelaufen.

Die Verlängerung des Langwellenbetriebs um ein Jahr, die eigentlich die einzige bleiben sollte, war bereits an die Übernahme der gesamten Kosten von 5 Millionen Pfund (5,8 Mio. Euro) geknüpft. Diese Zeit sollte genutzt werden, um alle Kunden mit neuen, über das Internet angebundenen Stromzählern auszustatten.

Nach Branchenangaben sind jedoch immer noch 900.000 Langwellen-Rundsteuerempfänger aktiv. An deren Einsatzorten wäre ab April die Berechnung des niedrigeren, vertraglich vereinbarten Preises für den in Schwachlastzeiten abgenommenen Strom nicht mehr möglich gewesen.

Betroffene Kunden berichten von einem völligen Chaos. Sie werden aufgefordert, einen Termin für den Austausch ihres Stromzählers zu vereinbaren. Wenn sie das versuchen, erhalten sie nur die Auskunft, derzeit seien keine Termine verfügbar.

Folglich ist inzwischen die weitere Verfügbarkeit des Rundsteuersignals bis einschließlich März 2025 vereinbart. Der Betrag, den die Energiewirtschaft dafür zu zahlen hat, soll sich auf 6 Millionen Pfund (7 Mio. Euro) belaufen.

Immer noch nicht beantwortet wird gegenüber Außenstehenden die Frage, ob damit nun BBC Radio 4 weiter auf 198 kHz läuft.

Möglich wäre auch das Szenario, nur noch ein schweigendes Trägersignal mit dem Rundsteuersignal auszustrahlen. Die französische Langwelle 162 kHz, mit dem Zeitsignal für dazu passende Funkuhren, geht mittlerweile ins achte Jahr dieser Betriebsweise.

Zumindest das kann für die britische Langwelle ausgeschlossen werden. Nach früheren Angaben der Energiewirtschaft hat die BBC erklärt, das Spiel unter keinen Umständen über das Ende des Jahres 2025 hinaus fortzusetzen.

In jedem Fall endet am 31. März 2024 auf allen Verbreitungswegen das gesonderte Langwellenprogramm der BBC.

Damit beschränken sich die Seewetterberichte künftig auf die Eröffnung und Beschließung des täglichen Programms von Radio 4. Die Sportübertragungen wandern zu Radio 5 Live, eine Sendung über das Geschehen im Parlament am Vortag sowie das, was von den Radiogottesdiensten übrig ist, in den Digitalkanal Radio 4 Extra.

Der Wegfall der Empfangsmöglichkeit bis weit hinaus auf hohe See betrifft nur das Radiohören an sich. Schon 2013 erklärten Mitglieder der Royal Yachting Association, sie würden die Wetterberichte über Navtex beziehen. Um die Ohren geschlagen bekam die BBC bei ihrer Umfrage dafür den Unmut über die häufigen, stundenlangen Cricket-Sendungen.

Im Vordergrund steht bei den Seewetterberichten also längst der Kultfaktor. Dieser zeigte sich 1993 in einer speziellen Fernsehausgabe, samt einmalig gemeinsamer Ansage des Sendeschlusses von Radio 4 und des Nachtprogramms von BBC Two.

Den Seewetterberichten des Deutschlandfunks stand schon ab 2016 keine AM-Frequenz mehr zur Verfügung. Das mündete 2023 in deren Einstellung.

Selbst dieses Thema kann Befindlichkeiten über ausschließlich westdeutsche Sichtweisen an die Oberfläche spülen. Dabei ging es um Verweise auf den 70. Geburtstag der Seeleute-Grußsendungen des Norddeutschen Rundfunks, in denen von der DDR-Seite keine Rede war.

Deshalb seien an dieser Stelle die einschlägigen Sendungen erwähnt: Mehrmals im Jahr live aus dem Funkhaus Rostock, in den Nachtstunden über den Langwellensender in Zehlendorf bei Oranienburg sowie die in Königs Wusterhausen fast ganztägig betriebene Kurzwelle 6115 kHz.

In den Jahren 1992 und 1993 hatte der provisorisch weitergeführte Deutschlandsender Kultur nicht nur keine eigenen Nachrichten (diese kamen vom RIAS), sondern auch keine eigenen Seewetterberichte mehr. Sie wurden stattdessen vom Deutschlandfunk übernommen.

Das geschah, indem man das eigens per Übertragungsleitung herangeführte DLF-Seewetter mitschnitt und dieses Band zu einem späteren Zeitpunkt sendete. Für solche Einblendungen in die Langwelle war in diesen Jahren gleich eine große, für aufwendige Livesendungen ausgestattete Senderegie (für Kenner: K 2) dauerhaft belegt.

Mit der Zusammenlegung von Deutschlandsender Kultur und RIAS zum heutigen Deutschlandradio Kultur endete diese Absurdität. Fortan übernahm die Langwelle Zehlendorf das Kölner Seewetter direkt.

 

Beitrag von Kai Ludwig; Stand vom 18.02.2024