Kurdischer Sender - Dengê Welat auf Kurzwelle

Stêrk TV / Roj News
Standbild aus dem Fernsehprogramm | © Stêrk TV

Das Hörfunkprogramm des kurdischen Stêrk TV, einst bekannt als Roj TV, wird weiterhin mit mäßiger Sendeleistung aus Bulgarien auf Kurzwelle umgesetzt. Die Störung der Ausstrahlung durch die Türkei hält seit mittlerweile drei Jahren unvermindert an. [Nachtrag: Ab 13. Dezember erneut Ausstrahlung aus Grigoriopol; siehe den gesonderten Beitrag.]

Die Anfänge dieses Medienprodukts liegen im 1995 gestarteten Med TV. Dessen britische Lizenz war nach einer Einstufung als Ableger der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) 1999 eingezogen worden.

Danach sendete das Fernsehprogramm mit französischer Lizenz als Medya TV und startete 2001 seinen Hörfunkableger unter dem Namen Dengê Mezopotamya. 2004 kam es mit der aus London bekannten Begründung auch in Paris zum Lizenzentzug.

Nächster Schachzug war der Erwerb einer Lizenz in Dänemark. Damit erschien die bekannte Marke Roj TV, während das Radioprogramm seinen Namen behielt.

Dieses Arrangement funktionierte bis 2012. Dann wurde Roj TV in Kopenhagen erneut zum Organ der PKK erklärt und durch Eutelsat abgeschaltet.

Dem folgte eine Lizenz in Schweden. Neben dem Fernsehprogramm, das nun als Newroz TV auftrat, erhielt auch die Hörfunkseite einen neuen Namen: Dengê Kurdistanê.

2016 zog Eutelsat erneut den Stecker. Diesmal geschah das auf Veranlassung des türkischen Rundfunkregulierers RTÜK.

Außenpolitische Folgen hatte das nicht. Inzwischen kann sich RTÜK auch solche Aktionen wie die Sperrung des Internetangebots der Deutschen Welle oder gerade erst die Verhängung einer Nachrichtensperre leisten, ohne von den Kollegen in der Europäischen Union als gleichberechtigter Partner in Frage gestellt zu werden.

Nach Auseinandersetzungen vor Gericht kam es schließlich 2017 zu einem nochmaligen Neustart mit Einführung der heutigen Namen: Stêrk für das Fernsehen und Dengê Welat im Radio.

Dabei wird kein Geheimnis daraus gemacht, wer man eigentlich ist (Abbildung). Auch die Sendeabwicklung blieb über die Jahre und Lizenzen hinweg wohl stets in Denderleeuw bei Brüssel.

Wichtigster Senderstandort der heutigen Dengê Welat war von 2001 bis 2021 die Sendestation Grigoriopol in der einstigen Moldawischen Sowjetrepublik, unmittelbar an der Grenze zur Ukraine, was jetzt weit mehr als eine geographische Angabe ist.

Im April nahm das sehr konkrete Formen an: Zum Ziel einer Serie von Anschlägen wurden, neben einem Behördengebäude in Tiraspol und einem Lager mit hierher aus dem Raum Dresden abtransportierter Munition der GSSD, auch die auffälligen Kurzwellenantennen der Sendestation.

Die Region um Tiraspol ist in russischer Sprache als Pridnestrowje, in Rumänisch als Transnistru und inzwischen in Deutsch unter dem altbekannten Transnistrien bekannt. Hier kollabierte die Sowjetunion sofort in einen Krieg, der 1992 eingefroren wurde und einen nun brisant gewordenen Status hinterließ.

Einen Eindruck vermittelt die 2010 aufgedeckte Art und Weise, in der bis dahin der Nachschub an Senderöhren organisiert wurde: Durch einen Ring von Schiebern, die für den Rundfunk bestimmte Mittel aus dem russischen Staatshaushalt in ihre Taschen umlenkten.

In die Rundfunkgeschichte führt auch eine durch Litauen im März vorgenommene Einstufung von Pridnestrowje als „Feind“: Die aus Moskau organisierte Übertragung von Auslandssendungen aus Vilnius, deren zeitweise Unterbrechung 1990/1991 für Aufsehen gesorgt hatte, kam nicht etwa aus der Russischen Föderation, sondern – aus Grigoriopol.

Die Dengê Welat war das letzte Programm, das – und zwar wohl konkret mit dem hier abgebildeten Sender – noch aus Grigoriopol auf Kurzwelle ausgestrahlt wurde. Mit dem Ende dieser Übertragung am 18. April 2022 könnte der Kurzwellenbetrieb dort insgesamt sein Ende gefunden haben.

SenderöhrenSenderöhren GU-88A, eingebaut in einem Mittelwellensender | © Leo Cultuclu
Kurzwellensender RW-943 in Grigoriopol | © Leo Cultuclu

Das hat nicht zwingend etwas mit der ganz großen Konstellation zu tun: Schon vorher hatten sich die BBC und andere, für den Iran aktive Programmveranstalter aus Grigoriopol zurückgezogen, um Angebote mit 100 kW Sendeleistung in Bulgarien und Usbekistan wahrzunehmen.

Bei der erst Mitte der 80er Jahre modernisierten und erweiterten Kurzwellentechnik in Grigoriopol (siehe Blicke auf eine Schrankreihe und offene Schränke) handelt es sich hingegen um Hochleistungssender mit einer Nennleistung von 1000 kW. Sie lassen sich nicht sinnvoll mit weniger als 300 kW betreiben.

Kostinbrod
Antennen der jetzt von der Dengê Welat genutzten Kurzwellenstation Kostinbrod bei Sofia | © Kiril Kapustin

Beim Umzug nach Bulgarien entschied sich die Dengê Welat gleich für eine Absenkung der Sendeleistung auf ein Sechstel, von 300 auf 50 kW. Damit wird das Programm aus Kostinbrod derzeit von 4.00 bis 7.00 Uhr auf 7245 kHz, anschließend den Tag hindurch bis 18.00 Uhr auf 11775 kHz und von 18.00 bis 22.00 Uhr auf 7425 kHz übertragen.

Der Verzicht auf fast acht Dezibel Sendepegel macht die Dengê Welat nun allerdings auch umso anfälliger für eine auf türkischer Seite seit Oktober 2019 laufende Maßnahme – jene Praktik, von der Beobachter eigentlich dachten, sie wäre in Europa (warum Europa: siehe oben) 1988 aus der Mode gekommen.

Gemeint sind Störsendungen, die aus der Türkei auf die gerade von der Dengê Welat genutzte Frequenz gelegt werden. Das geschieht mit einem Sender der Rundfunkgesellschaft TRT, die dazu eine Musikschleife ausspielt.

Dieses „Programm“ enthielt zumindest in der ursprünglichen Fassung auch Fragmente aus Erdoğan-Reden und sollte wohl einschüchternd wirken. Maschinengewehrsalven und die türkische Variante der altbekannten Spielmannszüge hinterließen allerdings vor allem den Eindruck ausgesuchter Geschmacklosigkeit.

Die früheren Partner der Dengê Welat ergriffen noch die bekannten Abwehrmaßnahmen: Häufige Frequenzwechsel sowie zeitweise auch die Einschaltung eines zweiten Senders. Seit dem Wechsel nach Bulgarien geschah aber weder das eine noch das andere.

Dabei erwies sich gerade die 2020 vorübergehend praktizierte Belegung einer zweiten Frequenz als wirksam: So weit, neben dem Reservesender auch noch einen der Betriebssender für den Störbetrieb heranzuziehen und damit zwangsläufig Teile des TRT-Auslandsradios zu opfern, wollte die türkische Seite dann doch nicht gehen.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 25.11.2022