Restbetrieb

Mittelwelle aus Westafrika

Nicht mehr viel übrig ist vom AM-Rundfunk inzwischen auch in Westafrika. Immerhin ermöglicht der generelle Niedergang der Mittelwelle es, heute an Empfangsversuche auf kaum noch aus Europa belegten Frequenzen zu denken. Das betrifft hier vor allem die Sendungen von Trans World Radio aus Benin.

Westafrika mit Benin
© UTexas

Dabei geht es nicht um das 1897 zerschlagene Königreich, das in Deutschland durch die von dort stammenden Kunstwerke ein Begriff ist. Dieses Königreich befand sich auf dem Gebiet des heutigen Nigeria. Seine Lage ist noch an der ebenfalls den Namen Benin tragenden Stadt erkennbar.

Beim heutigen Staat Benin handelt es sich hingegen um das bis 1975 als Dahomey bezeichnete Land, das mit einer erkennbar willkürlichen Grenzziehung westlich von Nigeria liegt. Seit 2008 betreibt Trans World Radio dort einen 100 kW starken Sender auf der Mittelwelle 1566 kHz.

Bei Radio Benin sind die einstigen Ausstrahlungen im 60-Meterband schon länger Geschichte. Vor einigen Jahren entfiel dann auch die Mittelwelle 1476 kHz. TWR nutzte die Gelegenheit, diese Frequenz zu übernehmen und so seine Programme für Nigeria – ausdrücklich auch besonders für Muslime – zu erweitern.

Auf die alten Sendeanlagen von Radio Benin griff TWR dabei nicht wieder zurück. Der zusätzliche, 200 kW starke Sender wurde über eine Antennenweiche mit an den bereits vorhandenen Mast angeschlossen.

Seit die Frequenz 1476 kHz Anfang 2020 in Betrieb ging, sendet TWR auf 1566 kHz nun tendenziell Programme für die frankophonen Länder Westafrikas. Das Sendeschema ist, wie bei den AM-Sendungen von TWR generell üblich, äußerst komplex. Teilweise variieren die zu einer bestimmten Uhrzeit laufenden Sprachen von Tag zu Tag.

Deshalb seien hier nur die Betriebszeiten der beiden Frequenzen angegeben, bezogen auf MESZ. Aus mitteleuropäischer Sicht ergeben sich, falls nicht zugleich Änderungen des Programmschemas vorgenommen werden, somit ab 30. Oktober wieder jeweils eine Stunde frühere Zeiten.

1476 kHz:
Mo-Fr 5.20-7.50 und 19.25-21.29 Uhr,
Sa nur 19.25-21.44 Uhr,
So 6.30-7.17 und 19.25-21.44 Uhr.
1566 kHz:
ca. 6.30-7.05 und 20.55-0.15 Uhr.
Radio ELWA, Liberia
Gebäude und Antennenkomplex von Radio ELWA, Zustand vor 1990

Fehlanzeige zu geben ist mittlerweile für Burkina Faso, die Elfenbeinküste, Gambia, Ghana, Guinea-Bissau, Kap Verde, Mauretanien, Niger, Senegal, Sierra Leone und Togo. In diesen westafrikanischen Ländern läuft der terrestrische Hörfunk inzwischen ausschließlich auf UKW.

Nur noch Erinnerung ist auch die 1964 eröffnete Großsendeanlage der Voice of America in Liberia. Ihr Untergang war besiegelt, als die Mitarbeiter der VOA wegen der sich zuspitzenden Bürgerkriegslage im Juli 1990 das Land verließen.

Zunächst wurde der Sendebetrieb noch von den einheimischen Technikern aufrechterhalten. Am 17. September 1990 erschienen jedoch Söldner des 2012 als Kriegsverbrecher verurteilten Charles Taylor, verhafteten alle Anwesenden und verhörten sie tagelang wegen der „Ausstrahlung von Propaganda“.

Parallel wurden auf der Sendestation, in der sich zu diesem Zeitpunkt bereits tausende Bürgerkriegsflüchtlinge aufhielten, alle technischen Einrichtungen durch die Taylor-Söldner zerschlagen. Als Mitarbeiter der VOA das Objekt erstmals Ende 1992 wieder aufsuchen konnten, blieb ihnen nur, den Totalverlust zu konstatieren.

Nicht besser erging es der bereits 1893 gegründeten Sudan Interior Mission, die 1954 in Liberia ihr Radio ELWA gestartet hatte. Poetische Deutungen des Akronyms sind jüngeren Datums; ursprünglich war es schlicht der Landeskenner von Liberia mit der zugesetzten Abkürzung von Westafrika.

Ab 1960 betrieb Radio ELWA einen umfangreicheren internationalen Dienst. Die dafür aufgebaute Sendeanlage fand bereits am 30. Juli 1990 ihr Ende. In diesem Fall verrichteten Regierungstruppen das Zerstörungswerk, nachdem die Station von Rebellen eingenommen und genutzt worden war.

Im Gegensatz zur VOA, die sich aus Liberia zurückzog und als Ersatz seit 1996 eine Sendestation auf São Tomé betreibt, hat Radio ELWA seinen Betrieb wieder aufgenommen. Dabei beschränkte man sich jedoch auf UKW und seit 1993 auch noch einen Kleinsender auf Kurzwelle.

Die Weiterführung der Station geriet zur regelrechten Sisyphusarbeit: Radio ELWA wurde 1996 und erneut 2011 weitere Male attackiert, jedoch stets wieder aktiviert.

Der Kurzwellen-Kleinsender arbeitete über längere Zeit auf der traditionellen ELWA-Frequenz im 60-Meterband, 4760 kHz. Vor einigen Jahren wurde er ins 49-Meterband auf 6050 Hz umgestellt und soll dort abends bis mindestens 0.30 Uhr MESZ (23.30 Uhr MEZ) laufen.

Wegen der geringen Sendeleistung von nur einem Kilowatt ist davon in Europa, durchaus im Gegensatz zur Situation bis 1990, allerdings höchstens mit Außenantenne etwas zu hören.

Sender Lugbe bei Abuja
Bei Abuja: Die letzte noch von der Voice of Nigeria genutzte Kurzwellenantenne

Aus weit weniger spektakulären Gründen Geschichte ist der Auslandsdienst von Radio Télévision Guinéenne: Er wurde 1988 schlicht eingestellt.

2011 entfiel in Guinea dann auch die Kurzwellenausstrahlung des Inlandsprogramms. Völlig überraschend ging 2016 die Frequenz 9650 kHz noch einmal in Betrieb und verblüffte mit teils spektakulär gutem Empfang in Europa und Nordamerika. Inzwischen scheint der Sender aber höchstens noch unregelmäßig zu laufen.

Tatsächlich noch aktiv ist der terrestrische Auslandsrundfunk hingegen in Nigeria. Damit steht die Voice of Nigeria, wenn man das nordafrikanische Algerien ausklammert, inzwischen in Afrika allein auf weiter Flur.

Von der sendetechnischen Infrastruktur, die seit den 70er Jahren zunächst bei Lagos und 2009 dann bei der neuen Hauptstadt Abuja aufgebaut wurde, ist inzwischen nur noch ein einziger Sender betriebsfähig. Er läuft nach MESZ von etwa 8.00 bis 13.00 Uhr auf 7255 kHz und von 18.00 bis 23.00 Uhr auf 11770 kHz.

Nach MEZ ergeben sich wiederum jeweils eine Stunde frühere Zeiten. Teilweise wird der Sender, falls er nicht wieder einmal ganz ausgefallen ist, auch auf einer anderen der traditionellen Frequenzen eingeschaltet. Dritte Möglichkeit ist dabei 9690 kHz. Die Überseefrequenz 15120 kHz ist seit 2020 verschwunden.

Ansonsten ist in Nigeria noch ein umfangreicheres Mittelwellennetz aktiv. Erwähnenswert ist davon der 200 kW starke Sender der Regionalstation Kaduna. Er läuft auf der in Europa nur noch von einem italienischen Kleinsender belegten Frequenz 594 kHz. Allerdings fehlt für die Aufrechterhaltung des Betriebs oft das Geld.

Bis vor kurzem hätte hier außerdem noch Mali genannt werden können. Mit der Mittelwelle Bamako 540 kHz scheint es nun allerdings ebenso vorbei zu sein wie mit der Ausstrahlung von Radio Mali auf Kurzwelle. Übrig sind nur noch – im Umfang inzwischen ebenfalls eingeschränkte – Übertragungen des Auslandshörfunks aus Peking.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 02.07.2021