234 kHz

Die letzte französische Langwelle

Nachdem Radio France, Europe 1 und RMC ihre Ausstrahlungen auf Langwelle eingestellt haben, ist RTL seit 2020 der einzige Rundfunkveranstalter, der diesen Frequenzbereich noch für Frankreich nutzt. Die Betreiber des Senders in Luxemburg sind optimistisch, in der überschaubaren Zukunft weitermachen zu können.

Sender Beidweiler
Langwellenantenne Beidweiler; links weit hinten der alte Sender Junglinster | © Jwh, CC

Gemeint sind damit die kommenden Jahre. Immerhin hat der Sender bereits den Zeithorizont überstanden, den ihm erste Gerüchte über eine Abschaltung noch 2020 zugestehen wollten.

Von den verstummten Sendern ist der im zentralfranzösischen Allouis ironischerweise immer noch in Betrieb. Grund ist dessen Mitnutzung durch den französischen Zeitsignaldienst. Zur Frage der Betriebskosten gab es jedoch nie eine Vereinbarung, weshalb Radio France die Frequenz trotzdem abkündigte.

Entsprechend wurde der Programmton von France Inter genau mit Ablauf des Jahres 2016 vom Sender genommen. In Hörfunkgeräten erscheint das auf 162 kHz verbliebene Signal nur noch als stummer Träger. Für die Betriebskosten hat nun die ANFR, das französische „Gegenstück“ zur Bundesnetzagentur, aufzukommen.

Nicht mehr aktiv, aber in der – eigentlich erstaunlichen – Hoffnung auf eine erneute Vermietung weiter in betriebsfähigem Zustand erhalten ist der im März 2020 von RMC aufgegebene Langwellensender in Südfrankreich.

Ganz anders verhält sich das bei der zum Ende des Jahres 2019 abgeschalteten Sendeanlage von Europe 1 im Saarland: Sie wurde im Oktober 2020 eliminiert.

Auch jetzt noch auf 234 kHz im regulären Einsatz ist hingegen der Sender Beidweiler in Luxemburg. Er strahlt seit 1972 das französische RTL über drei jeweils 290 Meter hohe Masten ab.

Die ursprüngliche Senderanlage wurde 1994 durch einen erneut von Thomson-CSF gelieferten neuen Typ ersetzt. An dessen Stelle wiederum trat 2011 eine 1500 kW starke Transistoranlage aus Berlin (Bauart TRAM).

Stand vom 21.06.2021

Sender Junglinster
Junglinster: Zwei der drei Langwellentürme, dazwischen der kleine Kreuzdipol für die Kurzwelle 6090 kHz | © allispossible.org.uk, CC-NC

Die Anlage Beidweiler hatte auf Langwelle die traditionelle, wenige Kilometer entfernte Sendestation Junglinster abgelöst. Neben einer als Reserve weiter vorgehaltenen Langwellenanlage gab es hier ab 1972 eine 500 kW starke Telefunken-Kurzwellenanlage für das deutschsprachige Radio Luxemburg.

In der DDR erfreute sich das auf 6090 kHz abgestrahlte Gute-Laune-Schlagerformat bis weit in die 80er Jahre größerer Popularität. Unverkennbar war das stets präsente Schwebungspfeifen, mit dem der nur 5 kHz tiefer sendende Bayerische Rundfunk das Signal aus Junglinster „verzierte“.

Zum Ende des Jahres 1991 entfiel diese Übertragung. Danach gab es für drei Jahre einen Parallelbetrieb mit der Langwelle 234 kHz, bis die Kurzwellenanlage Ende 1994 zunächst abgeschaltet wurde.

2003 wurde sie noch einmal aktiviert, nun für einen ambitionierten Versuch, den AM-Bändern mit digitalen Ausstrahlungen wieder zu ihrer alten Bedeutung zu verhelfen. Nachdem diese Bemühungen nur sehr verhaltene Resonanz fanden, endete 2011 der Sendebetrieb in Junglinster sang- und klanglos.

Das deutschsprachige RTL-Programm aus Luxemburg seinerseits wurde 2015 ebenfalls eingestellt. An dessen Stelle trat, auch auf den UKW-Frequenzen in Luxemburg, eine Adaption des Berliner 104.6-Formats.

Bemerkenswert offen äußerte sich dazu Programmdirektor Arno Müller in der von ihm moderierten Morgensendung: „So toll und populär RTL-Radio über viele Jahre war, mit über zehn Millionen Zuhörern: in den letzten Jahren sind es doch ein paar weniger geworden.“ Dies habe „viele verschiedene Gründe“, über die er „jetzt gar nicht lange sprechen und nachdenken“ wolle.

Die „paar weniger“ beliefen sich zuletzt auf 600.000 pro Arbeitstag, entsprechend einem Marktanteil von 0,8 Prozent. Dabei wurden immer wieder Zweifel an diesen Daten laut und in erheblichem Umfang unterlaufene Verwechslungen mit 104.6 RTL bzw. den ebenfalls unter „RTL“ laufenden UKW-Programmen aus Dresden und Halle vermutet.

Sender Marnach
Deutschland-Antenne des Senders Marnach, abgerissen 2016 | © Legrande, CC

Mit Ablauf des Jahres 2015 wurde in Luxemburg dann auch die Mittelwelle 1440 kHz abgeschaltet. Die letzten Masten des Senders bei Marnach verschwanden im Februar 2016.

Damals formulierte der Chefingenieur des AM-Betriebs in Luxemburg, Eugène Muller, seine Beobachtung eines Trends bei der Ausgestaltung terrestrischer Rundfunkversorgungen. Er führt zu dem sich inzwischen abzeichnenden nächsten Trend, solche Rundfunktechniken generell obsolet erscheinen zu lassen:

„Es werden nur noch die Gebiete innerhalb der Staatsgrenzen bedient. Weitreichender Overspill darüber hinaus wie auf Mittelwelle, Langwelle und teils auch UKW scheint zunehmend unerwünscht zu sein.“

Ganz im Vordergrund stand in Marnach zuletzt die Nutzung der Frequenz durch China Radio International. Ab 2013 handelte es sich um ein ausschließlich für Deutschland bestimmtes Programm im Umfang von zehn Stunden pro Tag. Einen Ersatz für die Luxemburger Mittelwelle gab es dafür ab 2016 indes nicht mehr.

Im Gegenteil wurden 2019 auch die verbliebenen Ausstrahlungen auf Kurzwelle sowohl technisch (durch Aufgabe der Sendestation in Albanien) als auch inhaltlich weiter marginalisiert. Inzwischen dürfte die Lage bei China Radio International als schleichende Selbstabwicklung zu beschreiben sein.

 

Autor: Kai Ludwig