Xinjiang

Großmittelwellen Ürümqi-Hutubi außer Betrieb

Über Jahrzehnte wurden Auslandssendungen aus Peking über eine Mittelwellenanlage bei Ürümqi bis hinüber nach Europa abgestrahlt. Damit könnte es nun vorbei sein.

China mit Ürümqi
© Sammlung University of Texas

Da originale Informationen über solche Themen nicht zu beschaffen sind, bleibt nur eine vom British DX Club zusammengetragene Sammlung von Empfangsbeobachtungen. Demnach scheinen die Großmittelwellen in Hutubi, etwa 60 km nordwestlich von Ürümqi, mittlerweile seit Monaten nicht mehr aktiv zu sein.

Wie das Satellitenbild zeigt, existieren auch in Hutubi jene Richtantennen sowjetischer Bauart, wie sie bei Durrës (Albanien) ebenfalls durch China errichtet wurden und dort von 1968 bis 2017 in Betrieb waren.

Von dieser 2019 eliminierten Sendestation gibt es aus dem Jahre 2010 eine Fotoserie und weitere Motive. Wenn man vom Erhaltungszustand absieht, dürften die Anlagen in Hutubi recht ähnlich aussehen.

Die dortigen Antennen lassen sich im Satellitenbild unschwer der Frequenznutzung zuordnen. Offensichtlich zur 1323 kHz gehören zwei der Systeme: Ein kleines mit vier Masten für Sendungen in die Mongolei und nach Sibirien, ein großes mit acht Masten für Sendungen nach Afghanistan, Pakistan und Indien.

Eine weitere große Antenne strahlte in Richtung Nordwesten, und zwar auf 1521 kHz. Diese Frequenz war stets exklusiv für das russische Programm von Radio Peking bzw. China Radio International bestimmt und wurde dafür zuletzt elf Stunden pro Tag betrieben.

In Europa wird die Frequenz schon seit den frühen 90er Jahren kaum noch genutzt. Dominierend ist seitdem ein Sender am Roten Meer, der nicht der Inlandsversorgung, sondern wiederum der Außendarstellung von Saudi-Arabien dient und somit auch mit Richtantennen, hier für Nordafrika, ausgestattet ist (das zweite, größere Exemplar gehört zur Tagfrequenz 594 kHz).

Wenn dieser Platzhirsch „schwächelt“, vor allem in der Abenddämmerung, war die Ausstrahlung aus Hutubi öfters bis nach Mitteleuropa zu hören. Der mitunter überraschend gute Empfang führte zu Vermutungen, es handele sich um eine Ausstrahlung aus dem postsowjetischen Raum. Das war jedoch zu keinem Zeitpunkt der Fall.

Die Resultate führten außerdem zu Zweifeln an der offiziellen Angabe der Sendeleistung, die für beide Hutubi-Frequenzen 500 kW lautet. Auch das entspricht den Gegebenheiten bei der durch China gebauten Anlage in Albanien; bei den dortigen Ausstrahlungen mit 1000 kW handelte es sich um eine Parallelschaltung zweier Sender.

Raum für Spekulationen bliebe trotzdem: Mit der Weiterentwicklung der Röhrentechnik wurden Sender dieser als „Buran“ bekannten Bauart in der Sowjetunion vielfach auf 1000 kW, in Einzelfällen auch auf 2000 kW verstärkt.

Sender Hutubi
Die Sendeantenne 1521 kHz in Hutubi

Bis hierher ging es tatsächlich nur um die Mittelwelle. Soweit bekannt, kamen die Kurzwellensendungen von Radio Peking, vielleicht abgesehen von wenigen Kleinfrequenzen, über viele Jahre ausschließlich aus der Osthälfte von China.

Das änderte sich Mitte der 90er Jahre. US-amerikanische Auftragnehmer ergänzten die Mittelwellenanlage in Hutubi um einen Kurzwellenkomplex mit einem umfangreichen Antennenpark und einer Anzahl von Sendern, davon acht mit einer Leistung von 500 kW.

Für die Lieferanten blieb das allerdings eine Sackgasse. Ihre Sendertechnik wurde von einer chinesischen Firma kopiert, die damit auch Aufträge im Ausland realisierte. Umfangreiche weitere Projekte in China wiederum sicherte sich der französische Rüstungskonzern Thales, der erst 2000 überhaupt in die Rundfunktechnik eingestiegen war.

Auch das ist längst Geschichte: Nach Abwicklung der chinesischen Aufträge trennte sich Thales schon 2005 wieder von dem aufgekauften Geschäftsfeld. Eine solche Bereinigung des Portfolios steht gerade wieder an: Thales wird sich nun auch aus der Stellwerkstechnik zurückziehen.

Nach wie vor aktiv ist die US-amerikanische Kurzwellentechnik in Hutubi. Zum Teil wird damit jedoch nur noch sinnlos Elektroenergie verheizt: China Radio International hat seit 2019 zahlreiche Programme eingestellt und bespielt die betreffenden Sendeplätze nur noch mit Musik.

Bis zum 30. Oktober 2021 sieht der Sendeablauf in Hutubi, bezogen auf MESZ, so aus:

(22.30)-00.27 Uhr: 9570 kHz; Französisch
00.00-00.57 Uhr: 7260 kHz; (Portugiesisch)
00.00-00.57 Uhr: 7395 kHz; Chinesisch
00.00-01.57 Uhr: 7250 kHz; Spanisch
01.00-01.57 Uhr: 9865 kHz; Chinesisch
02.00-02.57 Uhr: 9470 kHz; Mongolisch
03.00-03.57 Uhr: 11650 kHz; Chinesisch
04.00-04.57 Uhr: 9825 kHz; Chinesisch
05.00-05.57 Uhr: 15435 kHz; Russisch
06.00-07.57 Uhr: 15665 kHz; Russisch
07.00-08.57 Uhr: 17615 kHz; (Deutsch)
10.00-11.57 Uhr: 15665 kHz; Russisch
11.00-11.57 Uhr: 17570 kHz; Englisch
11.00-12.57 Uhr: 15525 kHz; Chinesisch
13.00-13.57 Uhr: 11635, 15110 kHz; (Esperanto)
13.00-13.57 Uhr: 11985 kHz; Mongolisch
13.00-14.57 Uhr: 11650 kHz; Englisch
14.00-14.57 Uhr: 13575 kHz; Russisch
14.00-14.57 Uhr: 15110 kHz; Chinesisch
14.00-16.57 Uhr: 15590 kHz; Englisch
15.00-15.57 Uhr: 6100 kHz; Mongolisch
15.00-15.57 Uhr: 11675 kHz; (Hindi)
15.00-15.57 Uhr: 13650 kHz; Chinesisch
16.00-16.57 Uhr: 11675, 11765, 11815 kHz; Englisch
16.00-16.57 Uhr: 11780 kHz; Burmesisch
16.00-16.57 Uhr: 12025 kHz; Chinesisch
17.00-17.57 Uhr: 7225 kHz; (Hindi)
17.00-17.57 Uhr: 7395, 9720 kHz; Englisch
17.00-17.57 Uhr: 9570 kHz; Persisch, Paschtunisch
17.00-17.57 Uhr: 11790 kHz; Russisch
18.00-18.57 Uhr: 6165 kHz; Türkisch
18.00-18.57 Uhr: 9770 kHz; (Hakka-Chinesisch)
18.00-18.57 Uhr: 15250 kHz; Englisch
18.00-19.57 Uhr: 11875 kHz; Russisch
19.00-19.57 Uhr: 7265 kHz; Russisch
19.00-19.57 Uhr: 9800 kHz; (Kantonesisch)
19.30-20.27 Uhr: 7275, 9685 kHz; Chinesisch
20.00-20.27 Uhr: 7210 kHz; Russisch
20.00-21.57 Uhr: 11650 kHz; (Deutsch)
20.30-20.57 Uhr: 7265 kHz; (Bulgarisch)
20.30-22.27 Uhr: 7350 kHz; Französisch
21.00-21.27 Uhr: 9560 kHz; Ungarisch
21.00-21.57 Uhr: 6090 kHz; (Rumänisch)
21.00-21.57 Uhr: 7415 kHz; (Tschechisch)
21.30-22.27 Uhr: 7265, 9745 kHz; (Esperanto)
22.00-22.27 Uhr: 7325 kHz; Serbisch
22.00-22.57 Uhr: 7305 kHz; (Polnisch)
22.30-22.57 Uhr: 9720 kHz; (Bulgarisch)
22.30-23.27 Uhr: 7265 kHz; (Italienisch)
22.30-(00.27) Uhr: 9570 kHz; Französisch
23.30-23.57 Uhr: 7445 kHz; Ungarisch

Bei den Ausstrahlungen mit Sprachangaben in Klammern handelt es sich um jene Zombiesendungen, die bis auf Programmansagen in der Regel keinerlei Wortbeiträge mehr enthalten.

Darüber hinaus gilt Hutubi auch als einer der Standorte, von denen aus die chinesische Rundfunkverwaltung ihre – inzwischen gegenüber früheren Jahren sehr in Richtung Unauffälligkeit verfeinerte – Störung von „Feindsendern“ betreibt. Zu diesem Thema sind natürlich erst recht keine Informationen aus China selbst zu beschaffen.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 09.09.2021