Saarland

Langwellenmasten Felsberg abgerissen

Am 31. Dezember 2019 war der Betrieb des Senders Felsberg bei Saarlouis und damit der letzten von einst fünf Sendeanlagen des Langwellenrundfunks in Deutschland eingestellt worden. Zehn Monate später verschwanden die Antennen dieses Senders nun aus der Landschaft.

Sender Felsberg
Die Masten des Senders Felsberg im Zustand von 2013 bis 2020 | © Zonk43, CC

Am 20. Oktober 2020 wurden die zuletzt, von 2015 bis 2019, zur Abstrahlung des Signals auf 183 kHz genutzten Masten gesprengt. [Nachtrag: Die noch verbliebenen Masten der früheren Hauptantenne folgten am 27. Oktober.]

Sender Felsberg
Blick aus Frankreich zum Sender Felsberg, wie er sich bis 2012 präsentierte | © Legrand, CC

Zum Aufbau des Senders Felsberg kam es, nachdem das Saarland ab 1947 zwar unter französischem Protektorat stand, jedoch nicht vollständig in den Staat Frankreich eingegliedert war. So wurde das Saarland neben Luxemburg und Monaco zum dritten Standort der „Peripherieradios“, die das staatliche Rundfunkmonopol in Frankreich umgingen.

Bei der „Peripherie“ ging es auch nur um die Ausstrahlung. Das aus Felsberg zu sendende, mit dem Namen Europe 1 versehene Programm wurde von Anfang an in Paris produziert und per Postleitung ins Saarland zugespielt.

Der Bau des Senders begann 1952. Eine internationale Frequenzzuteilung gab es für ihn ebenso wenig wie für die anderen Langwellensender in Deutschland: Bis zur Genfer Wellenkonferenz im Jahre 1975 war deren Betrieb eine reine Eigenmächtigkeit.

Als 1955 der Sendebebetrieb begann, versuchte man es zunächst auf 218 kHz und zog sich prompt eine Beschwerde aus Norwegen zu, da es zu erheblichen Störungen des ebenfalls hier aktiven Senders Oslo kam. Verträglich war dieser Gleichkanalbetrieb erst später vom wesentlich weiter entfernten Monaco aus.

Als nächster Schachzug wurde der Sender auf 245 kHz umgestellt und damit alles nur noch schlimmer gemacht, denn jetzt traf die Störung den dänischen Sender Kalundborg. Nach dem entschiedenen Protest aus Kopenhagen versuchte man noch, sich auf 239,5 und wenig später 238,5 kHz zu retten, brach diese Versuche aber nach wenigen Tagen ab.

Sender Felsberg
Detail der von 2015 bis 2019 in Felsberg betriebenen Langwellenanlage: Die für Sender der Telefunken-Bauart TRAM charakteristischen Transformatoren 20 kV / 210 V | © Jakob Roschy

Im April 1955 ging Europe 1 wieder auf Sendung, und diesmal könnte man fragen, ob die Idee für die nun gewählte Frequenz allein auf französischer Seite geboren wurde: 182 kHz, eben jene Frequenz, auf der, seinerzeit aus Königs Wusterhausen, der Rundfunk der DDR wieder den alten Deutschlandsender betrieb.

Dessen eigentliche Frequenz, 191 kHz, hatte Deutschland 1950 an Schweden verloren. Eine Handhabe für die DDR gab es gegen den Gleichkanalsender aus dem Saarland somit nicht: Nun störte eine eigenmächtige Frequenzbelegung die andere.

Sender Felsberg
Einfahrt der Sendestation Felsberg mit Zubehör des 2013 gesprengten Mastes (siehe unten) | © Jakob Roschy

Auch nach der Rückkehr des Saarlands unter deutsche Hoheit konnte Europe 1 seinen Sendebetrieb weiter fortsetzen.

Das war jedoch an die Maßgabe geknüpft, keinerlei Beiträge in deutscher Sprache auszustrahlen. Noch vor rund zehn Jahren legten die Mitarbeiter in Felsberg größten Wert auf die Feststellung, das Programm sei ausschließlich für Hörer in Frankreich bestimmt.

Ganz so war das ursprünglich nicht gedacht: Tatsächlich in deutscher Sprache gestaltete Europe 1 ein Fernsehprogramm, Telesaar. Dieser Fernsehableger durfte dann auch nicht mehr weiter betrieben werden.

Das ließ der damalige Bundespostminister Richard Stücklen von der Polizei durchsetzen. Am 25. Januar 1958 wurde auf der Station Felsberg der Fernsehsender versiegelt und durch Zerschneiden des Antennenkabels unbrauchbar gemacht. Zurück blieb bis heute der Betonturm, auf dem sich die Antenne dieses Senders befand.

Sender Felsberg
Sendeanlage Felsberg 2015 bis 2019 mit einem der beiden Masten, vorn die Reusenleitung zum zuletzt als Notantenne nutzbaren Mast der früheren Hauptantenne | © Jakob Roschy

1964 kam es zu einer ersten Verstärkung der Langwellenanlage. Sie bestand ursprünglich aus zwei gekoppelten, jeweils 200 kW starken Sendern. Mit Beistellung eines dritten Senders erhöhte sich die Gesamtleistung des Blocks nun auf 700 kW.

Später wurden die Leistungen dieser Sender jeweils verdoppelt und damit eine Gesamtleistung von 1400 kW erzeugt. Eine Modernisierung der Technik brachte schließlich 1976 den finalen Ausbaustand mit 2000 kW.

Parallel dazu entstand eine komplexe Richtantenne. Vier Masten mit einer Höhe von 270 bis 280 Meter wurden nach bestimmten Parametern mit 2, 56, 41 bzw. 1 Prozent der Sendeenergie gespeist. Dadurch lag die effektive Strahlungsleistung in Richtung Frankreich beim Dreifachen der Sendeleistung, während nach hinten, in Richtung DDR, nur ein Tausendstel abgestrahlt wurde.

Dies galt so allerdings nur für die Frequenz des Trägers. Die Seitenbänder des Sendesignals wurden bereits deutlich weniger gedämpft. In den „hinter“ der Antenne liegenden Gebieten, beginnend beim Ende des Nahfeldbereichs wenige Kilometer entfernt vom Sender, war das Langwellensignal von Europe 1 dadurch nur stark verzerrt zu hören.

Sender Felsberg
Südwestlichster Mast der früheren Hauptantenne, wurde 2015 stillgelegt | © Jakob Roschy

In der Zwischenzeit hatte die DDR auf jene Lösung zurückgegriffen, die Europe 1 nach dem Protest aus Kopenhagen nicht geholfen hatte: Der neue Langwellensender in Zehlendorf bei Oranienburg arbeitete auf 185 kHz, zwischen den Kanälen der Sender Felsberg und Motala (Schweden).

Ab 1970 wich nun auch der Sender Felsberg seinerseits um zwei Kilohertz nach unten aus und sendete fortan auf 180 kHz. Damit ergab sich zwischen den Sendern Felsberg und Zehlendorf ein Abstand von fünf Kilohertz, der das Problem der gegenseitigen Störung sehr abmilderte.

Die auf der Genfer Wellenkonferenz erreichte Legalisierung der deutschen Langwellensender zwang ab 1978 zunächst dazu, dieses Ausweichmanöver noch einmal aufzugeben. Vorübergehend arbeiteten die Sender Felsberg und Zehlendorf wieder beide auf 182 kHz.

1980 konnte der Splitbetrieb schließlich wieder aufgenommen werden, jetzt in umgekehrter Konstellation: Der Sender Zehlendorf änderte seine Frequenz um drei Kilohertz nach unten auf 179 kHz, der Sender Felsberg um drei Kilohertz nach oben auf 185 kHz.

Zu einer letzten Frequenzänderung kam es 1986 durch die Angleichung der Langwellenkanäle an Vielfache von 9. Damit rückte das ganze Muster um zwei Kilohertz nach unten, was für die Sender Felsberg und Zehlendorf zu den finalen Frequenzen 183 und 177 kHz führte.

 

Sender Felsberg
Aufgetrennte Reusenleitung zur früheren Reserveantenne, in der Konfiguration 2015 bis 2019 links Abgang vom neuen Sender zur nunmehrigen Betriebsantenne, rechts Abgang zum nunmehrigen Notmast | © Jakob Roschy

In den 90er Jahren wurde dieses Thema unvermutet noch einmal akut. Nachdem Schweden und die Sowjetunion den Splitbetrieb der Sender Felsberg und Zehlendorf konstruktiv ermöglicht hatten, traten nun auf einmal die Niederlande auf den Plan, die sich auf der Genfer Wellenkonferenz eine Zuteilung der Frequenz 171 kHz gesichert hatten.

Die Öffnung des niederländischen Rundfunks für private Veranstalter führte zu der Idee, tatsächlich einen 1000 kW starken Langwellensender zu errichten. Das konnte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr für sich beanspruchen, etwas anderes als eine unrealistische Spinnerei zu sein.

Trotzdem kündigten die Niederlande gegenüber Deutschland an, im Falle des Baus eines solchen Senders auf einer Räumung der Frequenz 177 kHz zu bestehen. Vorsorglich wurde bei der 1999 realisierten Modernisierung des Senders Zehlendorf der damit latent drohende Wechsel auf 180 kHz berücksichtigt.

Sender Felsberg
Von 2015 bis 2019 noch einzeln als Notantenne nutzbar gewesener Mast der früheren Hauptantenne; auch im Bild der Turm der Antenne des Fernsehsenders | © Jakob Roschy

Zu einem schicksalhaften Tag für den Sender Felsberg wurde der 8. August 2012. An einem der Masten brach in einer der Pardunen (Abspannseile) ein Isolator. Die Durchtrennung der Pardune führte zu einer einseitigen Zugbelastung. Dadurch knickte das obere Drittel des Mastes ab und stürzte zu Boden.

Wegen der genau abgestimmten Kombination der Masten war damit die Antenne unbrauchbar, also kein Sendebetrieb mit den verbliebenen Masten mehr möglich. Das hätte einen langen Ausfall oder aber schon zu diesem Zeitpunkt die finale Aufgabe der Sendestation nach sich ziehen können.

Sender Felsberg
Sender Felsberg 2012, am Gebäude (Mitte links) der Stumpf des zerstörten Mastes | © anonym via Wikipedia, CC

Als weitsichtig erwies sich in dieser Situation eine Investition, die zum letzten Ausbau 1975/1976 gehörte: In etwa anderthalb Kilometer Entfernung von Sendergebäude und Hauptantenne entstand eine Reserveantenne mit zwei Masten. Sie fand ihren Platz im letzten Zipfel Deutschland; den Anker einer Pardune trennten keine zehn Meter von der Staatsgrenze zu Frankreich.

Über diese Antenne konnte der Betrieb weiterlaufen. An der Hauptantenne wurde zunächst der nach der Havarie zurückgebliebene Maststumpf beseitigt. Im Juni 2013 folgte die Sprengung eines weiteren Mastes, um die so verbliebenen zwei Masten wieder als nutzbare Antenne einrichten zu können.

Sender Felsberg
Die Senderhalle Felsberg mit dem früheren Abgang der Speiseleitung zur Reserveantenne | © Jakob Roschy

Parallel begann, eine Rolle zu spielen, was der „Spiegel“ schon in seiner Berichterstattung über die Abschaltung von Telesaar auf den Punkt gebracht hatte, indem er die Sendestation Felsberg einen „abgelegenen, pompösen Sendepalast“ nannte.

Lagardère, der heutige Betreiber von Europe 1, war nicht mehr bereit, die hohen Kosten dieser Anlagen weiter aufzubringen. Eine kurzfristige Einstellung des Sendebetriebs stand im Raum.

Dessen Weiterführung für weitere sechs Jahre ermöglichte ein Konzept von BCE, dem technischen Dienstleister von RTL, der bereits die Sendeanlagen in Luxemburg betreibt. Im Zentrum dieses Konzepts stand die rigorose Trennung von dem auch für die Maßstäbe der Röhrensenderanlage völlig überdimensionierten Technikgebäude.

Hierfür griff BCE auf die Reserveantenne zurück. Direkt an dieser Antenne entstand ein Leichtbau. Er beherbergte eine 1500 kW starke Senderanlage jener Konstruktion, wie sie BCE zuvor bereits in Luxemburg zum Betrieb der RTL-Langwelle 234 kHz einbauen ließ.

Die alten Röhrensender stellten am 19. Oktober 2015 um 8.21 Uhr endgültig ihren Betrieb ein. Das Technikgebäude wurde für 120.000 Euro an die Gemeinde Überherrn veräußert. Die Suche nach einem Nutzungskonzept für das Gebäude läuft nach wie vor.

Sender Felsberg
Gegen die alte Senderhalle ein Zwerg: Die von 2015 bis 2019 in Felsberg betriebene Langwellenanlage | © Jakob Roschy

Das völlige Ende der Langwelle Felsberg zeichnete sich ab, als sie vom 1. bis 3. November 2019 schwieg. Diesmal handelte es sich weder um eine Havarie noch um Wartungsarbeiten. Vielmehr hatte Europe 1 einen klassischen Abschaltversuch gestartet, der zeigen sollte, wie viele Leute das Sendesignal tatsächlich vermissen.

Im Programm war die Rede von Erstaunen darüber, wie gering die Resonanz ausfiel. Man habe mit einer größeren Zahl an Rückfragen gerechnet.

Eine erste Meldung über die bevorstehende dauerhafte Abschaltung sprach von einem nicht ganz so geringen Echo. Die Anfragen seien jedoch hauptsächlich aus dem ländlichen Raum gekommen, dessen kostspielige flächendeckende Versorgung bei Lagardère als wirtschaftlich uninteressant gilt.

Diese erste Meldung vom 10. Dezember diffamierte Europe 1 am folgenden Tag zunächst als „Fakenews“. Noch einen Tag später wurde daraus die Formulierung, man werde die Langwellensendungen „nicht dauerhaft weiterführen“.

Eine Bestätigung der unmittelbar bevorstehenden Einstellung des Sendebetriebs kam schließlich erst am 23. Dezember. Sie wurde ausschließlich in einzeln verschickten Antworten auf Anfragen gegeben. Eine aktive Kommunikation, eingeschlossen Ansagen bzw. Hinweise im Sendeprogramm, war nicht wahrzunehmen.

Entsprechend gestaltete sich auch die Abschaltung am 31. Dezember 2019: Ohne jeden Kommentar wurde um 23.28 Uhr mitten im Satz der Träger gekappt.

Frequency 183 kHz, transmit power 375 kW
© Sammlung Mauno Ritola

Zuletzt lief die Sendeanlage bereits nur noch mit reduzierter Leistung. Im Laufe des Jahres 2019 gab es die Angaben 750 kW und auch, möglicherweise bezogen auf die dunklen Stunden des Tages, lediglich 375 kW.

Genau diese Werte kursieren jetzt wieder für die RTL-Frequenz 234 kHz. Folgt man dem, was aus der Gerüchteküche der Medienszene in Frankreich wabert, dann wird es 2021 möglicherweise auch diese mittlerweile letzte französische Langwelle nicht mehr geben.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 21.10.2020