183 kHz

Langwellensender Felsberg abgeschaltet

Am 31. Dezember 2019 endete nun auch der Betrieb des letzten der einst fünf Langwellen-Rundfunksender in Deutschland. Der Sender in Felsberg bei Saarlouis, über den seit 1955 das Programm des französischen Europe 1 lief, wurde um 23.28 Uhr (in den letzten Sekunden dieser Minute) abgeschaltet.

Sender Felsberg
Die Sendeanlage 183 kHz bei Felsberg | © Jakob Roschy

Dieses Ende nach 65 Jahren gestaltete sich denkbar schäbig: Ohne jeden Kommentar wurde mitten im Satz das Trägersignal gekappt.

Am Silvestertag erschienen dazu noch einige Anmerkungen der Leiterin des Lagardère-Hörfunks, Anne Fauconnier. Sie verwies auf einen seit 15 Jahren anhaltenden Rückgang der Hörerzahlen und erklärte, man wolle das Langwellenpublikum auf moderne Verbreitungswege umlenken.

Wie das praktisch aussieht, zeigt die FAQ-Seite von Europe 1. Sie enthält nicht nur eine veraltete Angabe der Astra-Frequenz, sondern empfiehlt auch noch das Worldspace-System, das mit der Insolvenz des Betreibers schon vor einem Jahrzehnt aus dem europäischen Markt verschwand.

Vom 1. bis 3. November 2019 war der Sender Felsberg schon einmal versuchsweise abgeschaltet worden. Wie „Radios du monde“ berichtet, führte das zu einer durchaus nennenswerten Zahl von Reaktionen. Sie kamen jedoch hauptsächlich aus Regionen, deren kostspielige Versorgung für Lagardère wirtschaftlich nicht interessant ist.

Gemeint ist der ländliche Raum von Frankreich. Das UKW-Netz von Europe 1 besteht aus Sendern kleinerer Leistung, die in erster Linie die Städte abdecken. Hier soll angestrebt sein, künftig noch Verbesserungen zu erreichen, möglicherweise auch in Zusammenarbeit mit einem neuen Sendedienstleister.

Mit dem Artikel vom 10. Dezember wurde die Entscheidung zur Abschaltung der Langwelle erstmals öffentlich. Tags darauf diffamierte Europe 1 den Bericht zunächst als Falschmeldung und korrigierte sich noch einen Tag später zu der Formulierung, man werde die Langwellensendungen „nicht dauerhaft weiterführen“.

Die tatsächlich unmittelbar bevorstehende Einstellung des Sendebetriebs wurde schließlich erst am 23. Dezember bestätigt. Dies geschah ausschließlich in einzeln verschickten Antworten auf Anfragen. Eine aktive Kommunikation, eingeschlossen Ansagen bzw. Hinweise auf die Abschaltung im Sendeprogramm, war nicht wahrzunehmen.

Die Langwelle von Europe 1 stand 2015 schon einmal kurz vor dem „Aus“. Seinerzeit kam es noch nicht dazu, nachdem das Luxemburger Unternehmen BCE eine Lösung zur Reduzierung der Betriebskosten entwickelt hatte: Die riesige Senderanlage wurde rigoros aufgegeben und von neuer Technik in einem kompakten Leichtbau an der früheren Reserveantenne abgelöst.

Spätestens damit endete auch die Ära der einst mit 2000 kW ebenfalls riesigen Sendeleistung. Im Laufe des Jahres 2019 war entweder von 750 kW oder, dies möglicherweise bezogen auf bestimmte Tageszeiten, von noch 375 kW die Rede.

Schon während des Abschaltversuchs gab es Branchenklatsch: Sollte Europe 1 seine Langwellenverbreitung beenden, dann werde RTL alsbald nachziehen. „Radios du monde“ verweist hier jetzt ausdrücklich auch auf RMC, das dritte der einstigen französischen „Peripherieradios“.

Ein Wegfall der RMC-Langwelle 216 kHz würde zu der Frage führen, ob Trans World Radio für seine Einzelsendungen auf 1467 kHz die gesamte Vorhaltung der Sendestation bei Roumoules künftig allein tragen will. In Zypern, wo France Médias Monde seine Mittelwellensendungen beendet, ist das offenbar nicht der Fall.

Der Sender bei Felsberg, hart an der Grenze zu Frankreich, war ab November 2016 der letzte leistungsfähige Rundfunksender, der in Deutschland noch auf Mittel- oder Langwelle aktiv war. Ansonsten sind hier nur noch Kurzwellenanlagen (mit hoher Leistung bei Nauen, Biblis und Lampertheim) verblieben.

Stand vom 01.01.2020

Frequency 183 kHz, transmit power 375 kW
© Sammlung Mauno Ritola


Bericht vom 10. März 2019:

Für Europe 1 bleibt ein massiver Verstoß gegen Datenschutzrecht ohne Folgen. Der Sender führte ab 2002 eine zuletzt mehr als 573.000 Rufnummern umfassende Datenbank über Höreranrufe. Zahlreiche Einträge enthielten herabwürdigende Kommentare über die betreffenden Personen.

Wie Mediapart.fr weiter berichtet, verwendete Europe 1 eine Software namens Chamane. In diesem Programm wurden die jeweiligen Hörer mit Noten von „ausgezeichnet“ bis „schlecht“ versehen. Weiter festgehalten wurden Angaben zu ihrer ethnischen Zugehörigkeit und sexuellen Orientierung wie auch Einstufungen etwa als „Idiot“, „Faschist“ oder „Rassist“.

Angesichts einiger Freitexteinträge, die Mediapart.fr ebenfalls zitiert, fällt zumindest die letztgenannte Einstufung auf die Mitwirkenden selbst zurück:

„Unverständlicher nordafrikanischer Akzent“
„Akzent eines Juden aus Tunesien“
„Stimme eines alten Idioten“
„Hat Krankheiten, möchte über seinen Krebs sprechen“
„Alkoholiker“
„Patrice mit HIV-Infektion“

Dazu gab es eine „schwarze Liste“ von 448 Personen, die nicht mehr auf Sendung genommen werden durften. Den Betroffenen war das jedoch nicht bekannt, weshalb sie immer wieder zwecklos die kostenpflichtige (50 Cent pro Minute) Rufnummer von Europe 1 anriefen.

Ein besonders schwerwiegender Rechtsverstoß waren die ohne Zustimmung aufgenommenen Einträge über Gesundheitszustand, ethnische Zugehörigkeit und sexuelle Orientierung. Für solche Datensammlungen kann in Frankreich ein Bußgeld von bis zu 1,5 Millionen Euro verhängt werden.

Die Datenschutzbehörde CNIL hatte, als der Vorgang 2017 bei ihr anhängig war, jedoch sowohl auf eine Ahndung als auch auf die Veröffentlichung ihres Berichts verzichtet. Das Thema wurde erst durch investigative Recherche aufgedeckt.

Verantwortliche von Europe 1 sagten Mediapart.fr dazu, man habe „die inakzeptablen Verstöße“ behoben. In Zukunft gelte „Respekt vor den Hörern“.

 

Autor: Kai Ludwig