Wohl auch jetzt noch

VOA und RFE/RL in Afghanistan auf Sendung

Programme von Voice of America und Radio Free Europe / Radio Liberty dürften auch jetzt noch über zwei leistungsfähige Mittelwellensender in Afghanistan ausgestrahlt werden. Nach den letzten Entwicklungen ist das inzwischen ausgesprochen bemerkenswert.

USAGM Generator Repair, Overhaul, Rebuild and Procurement Services for Diesel Caterpillar Electrical Generators in Afghanistan
© sam.gov

Auf Anordnung der Taliban haben afghanische Fernsehsender in den letzten Märztagen die Übernahme von Produktionen ausländischer Partner, darunter die Deutsche Welle, eingestellt. Das fand ein breites, letztlich ritualisiertes Echo.

Wie ein Taliban-Sprecher der dpa sagte, würden die Hörfunkübertragungen der VOA jedoch weitergeführt. Das dürfte sich auf die unten näher beschriebenen Mittelwellensender beziehen.

Zuletzt von diesem Thema zu hören war im Oktober 2021: Im Ausschreibungsportal der US-Regierung erschien (Abbildung) eine Markterkundung für Wartung und Betriebsführung der Dieselaggregate, mit denen der Mittelwellensender bei Chost sowie eine Anzahl von UKW-Anlagen arbeiten.

Solche Arrangements setzen zwangsläufig Vereinbarungen der USA mit den Taliban-Behörden voraus. Auf die sich damit stellenden Fragen gibt es weiterhin keinerlei Antworten.

Stand vom 31.03.2022



Die nach wie vor laufenden Übertragungen von VOA und RFE/RL kommen zum einen aus der AM-Sendestation von Kabul. Dort hatte die Sowjetunion für überregionale Ausstrahlungen auf Mittelwelle einen 1000 kW starken Sender und eine dazu passende Antennenanlage aufgebaut.

2001 wurden die Technikgebäude der Station in der auch aus Kuwait, dem Irak und Serbien bekannten Weise gezielt bombardiert. Anschließend ließ es sich das Pentagon nicht nehmen, den Medien einschlägige Luftbilder zu präsentieren.

Den Ersatz durften die US-amerikanischen Steuerzahler mit 10,5 Millionen Dollar finanzieren. Dabei wurden zwei jeweils 400 kW starke Senderblöcke beschafft und an die unbeschädigt gebliebenen ARRT-Reusenantennen angeschlossen.

Somit konnte ab 2003 zum einen Radio Afghanistan wieder auf seiner Hauptfrequenz 1107 kHz senden. Für die Produktion kam Unterstützung aus Wien: Der ORF schenkte Radio Afghanistan einen Teil der Studiotechnik des seinerzeit gerade in der Abwicklung befindlichen Radio Österreich International.

Der zweite neue Sender wurde für eigene Zwecke der USA reserviert und auf 1296 kHz in Betrieb genommen. Auf dieser Frequenz läuft seitdem ein Mischprogramm aus den Afghanistan-Marken von VOA (Ashna Radio) und RFE/RL (Radio Azadi).

Sendestation Kabul; von links nach rechts die ARRT-Mittelwellenantennen, die nicht mehr genutzten Kurzwellenantennen und die Technikgebäude, davon das südlichste nach der Bombardierung nicht wieder hergerichtet:

Der zweite Sender, um den es hier geht, steht in Tanai bei Chost, unweit der Grenze zu Pakistan. Seine Existenz verdankt sich einer Idee der VOA, neben den regulären paschtunischen Sendungen ein gesondertes Programm für die damaligen Rückzugsgebiete der Taliban, also auch die angrenzende Region von Pakistan, zu schaffen.

Dieses Deewa Radio ging 2006 zunächst über Kurzwelle und einige UKW-Frequenzen auf Sendung. Schon einige Monate zuvor war der Vertrag über die Ausstrahlungen von VOA und RFE/RL in Afghanistan um die völlig neu in Betrieb zu nehmende Mittelwelle 621 kHz erweitert worden.

Wie aus der Vereinbarung hervorgeht, wurde für den 200 kW starken Sender von vornherein ein autarker Betrieb mit Dieselaggregaten und satellitengestützter Fernsteuerung vorgesehen. Die Wartung sollten ausschließlich US-Amerikaner oder direkt von den USA beauftragte Personen übernehmen.

Auch dieser Sender soll nach wie vor in Betrieb sein. Es gibt nicht einmal Ansätze einer Antwort auf die Frage, wer jetzt eigentlich mit wessen Geld nach wie vor das Dieselaggregat betankt.

Bei der Umsetzung des Projekts 621 kHz kam es zu erheblichen Verzögerungen, die, wie seinerzeit zu vernehmen war, von den Verantwortlichen des Auslandsrundfunks der USA selbst „verschuldet“ wurden: Sie lehnten es ab, die üblichen persönlichen Zuwendungen an afghanische Offizielle zu leisten. Somit konnte der Sender erst 2010 in Betrieb gehen.

Einige Monate zuvor war bereits RFE/RL auf den Plan getreten: Wie beim US-Auslandsrundfunk üblich, konnte eine Aufsplitterung der Ressourcen nicht unterbleiben. Auch auf 621 kHz läuft nun also ein Mischprogramm. Der VOA-Marke setzt RFE/RL hier ein Radio Mashaal entgegen.

Bei der Regierung von Pakistan stieß das nicht auf Wohlwollen: Wegen dieses Programms wurde 2018 das Büro von RFE/RL (jedoch nicht das der VOA) in Islamabad geschlossen.

Der Sender 621 kHz; bemerkenswert die massive Einfriedung des Objekts:

Verlassen will man sich in Washington auf einen weiteren Betrieb der Sender bei Kabul und Chost offensichtlich nicht: Die Afghanistan-Programme von VOA und RFE/RL werden inzwischen auch aus Tadschikistan auf 972 kHz abgestrahlt.

Dabei handelt es sich letztlich um eine Rückkehr: Auf der Frequenz hatte RFE/RL bereits sein Radio Azadi (anfangs vor allem als „Radio Free Afghanistan“ bekannt) verbreitet, bis die Sendemöglichkeit aus Kabul zur Verfügung stand.

Anschließend nutzte die VOA diese Mittelwelle für einen starken Ausbau ihres Pakistan-Programms. Dazu vereinbarten die USA mit Tadschikistan einen exklusiven Zugriff auf die Frequenz und stellten eine neue, 800 kW starke Senderanlage bereit.

Über anderthalb Jahrzehnte strahlte die VOA damit täglich zwölf Stunden am Tag nach Pakistan. In den letzten Monaten wurde das Angebot drastisch auf nur noch drei Stunden an Arbeitstagen beschränkt und nun ganz geopfert.

Das ist bemerkenswert, da die VOA zwar inzwischen Sendepartner in Pakistan fand, die bei der Weiterverbreitung der Beiträge aus Washington jedoch Selbstzensur praktizieren.

Afghanistan
© Sammlung University of Texas

 

Autor: Kai Ludwig