Österreich

Wolf Harranth verstorben

Eine der bekanntesten Stimmen der Medienkritik hat diese Welt kurz vor dem 80. Geburtstag verlassen. Wolf Harranth, langjähriger Mitarbeiter des Österreichischen Rundfunks, ist in der Nacht zum 4. August 2021 verstorben.

Wolf Harranth, 2003
2003 bei einem Hörertreffen in Dresden | © Kai Ludwig

Dem Andenken an Wolf Harranth widmet der ORF eine Sendung am 8. August 2021.

In der Medienszene bekannt wurde Wolf Harranth mit der Sendung „Kurzwellen-Panorama“ (zuletzt: „Intermedia“), die er ab 1974 im Auslandsdienst des ORF gestaltet hatte. Solche dem Kurzwellenhobby gewidmeten Sendungen gehörten seinerzeit zum Standardrepertoire des internationalen Rundfunks.

Das „Kurzwellen-Panorama“ blieb jedoch nicht in dem hinter vorgehaltener Hand als „Wasserstände und Tauchtiefen“ verspotteten Themenfeld stehen. Vielmehr entwickelte Wolf Harranth hier das, was heute landläufig als Medienjournalismus bekannt ist.

Besonders markant war die Rubrik „Brief an einen Funkfreund“, in der es an das sprichwörtliche Eingemachte ging. So ragte ein fulminanter Kommentar über das Verhalten der Medien am und nach dem 11. September 2001 weit aus dem allgemeinen Rauschen hervor.

Im Ausland machte der ORF sich mit dieser Sendung nicht unbedingt beliebt. Dazu erzählte Wolf Harranth von einer Vorladung in die Chefetage, wo ihm die Beschwerde einer diplomatischen Vertretung vorgetragen und für den Wiederholungsfall... und im Hinausgehen: „Einen Moment noch: Herr Harranth – weitermachen!“

Eine besondere, 1989 durchaus nicht obsolet gewordene Rolle spielte das „Kurzwellen-Panorama“ in Deutschland: Es war eine Stimme aus dem neutralen Österreich, die von den Befindlichkeiten des Kalten Krieges unbelastet blieb.

Wie breit das erreichte Publikum tatsächlich war, mag eine Anekdote von Anfang 2001 zeigen: Nach der Berichterstattung über die Abschaltung von Radioropa meldete sich überraschend der letzte Moderator selbst in Wien – und gab im Interview zu, die Abschiedssendung einen Tag vorher aufgezeichnet zu haben.

Wolf Harranth, 2003
© Kai Ludwig

Zu diesem Zeitpunkt war das Schicksal von Radio Österreich International selbst bereits besiegelt: Im Sommer 2000 ist der Vertrag zwischen ORF und Bundesregierung über die Veranstaltung des Auslandsdienstes aufgelöst worden – angeblich einvernehmlich.

Die ersten Folgen zeigten sich noch im selben Jahr. Der Sendekomplex von ROI im ORF-Zentrum Küniglberg wurde aufgelöst und nur noch aus einem mit alter Technik ausgestatteten Kellerstudio im Funkhaus Argentinierstraße ein weitgehend auf Europa beschränktes Restprogramm gesendet.

Belief sich das Budget von ROI für 2000 noch auf 230 Millionen Schilling, waren es 2001 noch 90 Millionen. Für 2002 wurde eine weitere Kürzung auf 45 Millionen Schilling vorgenommen.

Folglich endete im Oktober 2002 die Gestaltung der Mediensendung durch Wolf Harranth. Für die, wie sich bald zeigen sollte, letzten Monate übernahm es seine Kollegin Vera Bock, das zu produzieren, was im verbliebenen Rahmen noch möglich war.

Jahrzehnte vorher hatte Wolf Harranth leichtfertig versprochen, er werde „in Frack und Zylinder aufhören“. Folglich sah dieser letzte Auftritt (natürlich nicht im Radio, aber nachträglich im Internet zu betrachten gewesen) so aus:

Wolf Harranth und Marianne Veit
2002: Abschied von Wolf Harranth mit Produzentin Marianne Veit

Das völlige „Aus“ bahnte sich wenige Wochen später an. Der letzte ROI-Chef Michael Kerbler wurde von der Geschäftsführung des ORF beauftragt, einen Plan für die Abwicklung des Senders zu erarbeiten.

Zunächst äußerten die Gremien des ORF sich dazu noch kritisch. Ihre Vertreter zeigten sich im Interview zu diesem Thema jedoch weitgehend uninformiert. Letztlich legten sie der Geschäftsführung bei der Schließung des Auslandsdienstes keine Steine in den Weg.

Was somit am 30. Juni 2003 geschah, schilderte Wolf Harranth für die Öffentlichkeit (seine persönliche Verbitterung machte er nur im persönlichen Kontakt deutlich) so:

„08:30 - Noch etwas müde (wir sind gestern erst am späten Abend von der Ham Radio in Friedrichshafen zurückgekommen) im Funkhaus eingetroffen.
10:30 - Nach zwei Stunden sind der Kastenwagen und der Kombi entladen. Auf dem Flur stapeln sich die Schachteln und Boxen. Wir haben schätzungsweise 200.000 Karten aus knapp 60 Konvoluten übernommen. Heute ist der heißeste Tag des Jahres. Das Thermometer zeigt 36 Grad im Schatten an.
Alle sind am Packen. Der letzte Büroraum muss noch diese Woche besenrein übergeben werden. Das Problem: Einige haben an ihrem neuen Arbeitsplatz noch keine Bleibe.
Marianne Veit, zum Beispiel, unsere Produzentin. Sie räumt die Schränke leer. Da steigen mit jedem Ordner, mit jeder Mappe, mit jedem Bild Erinnerungen auf. Aufheben? Aber wo? Wegwerfen? Unmöglich.
Die letzte Gelegenheit, aus dem System Dateien zu speichern. "Hotline" schaffen wir komplett, Aufatmen: Alle Sendungen auf CD konserviert. Bei "Intermedia" schaffen wir nur das Jahr 2002. Daumen halten, dass der Server nicht schon morgen abgewürgt sein wird.
Zwischendurch kommen die letzten verbliebenen Mitarbeiter(innen) und fragen: Wie war's? Wir erzählen vom Hörertreffen, von den schmerzlichen Abschieden am Stand. Robert Theiler berichtet, dass pro Tag 200 Mails empörter Hörer eintreffen, die nun ihren Seewetterbericht nicht mehr bekommen.
Wir lesen Mails. Ein Hörer: Als wir begonnen hatten, war er gerade drei Jahre alt. Ein anderer: Als junger Mensch 1960 zu uns gestoßen, wir sind "ein Teil seines Tages und Lebens" geworden. Ein österreichischer Missionar aus Brasilien, für den wir der einzige Kontakt zur Heimat waren...
Die APA hat eine Adieu-Meldung gebracht, zwei Tageszeitungen übernehmen sie: Wir sind kein Thema mehr.
12:00 Mittagspause. Johannes Stuhlpfarrer hat nur wenig Zeit. Er muss noch die aktuellen Nachrichten ins Netz stellen. Unsere Website ist bereits gewaltig abgemagert, aber wir haben uns vorgenommen, bis zum bitteren Ende ordentliche Arbeit zu liefern. Johannes ist ab morgen arbeitslos - einer der "freien" Mitarbeiter, die auf der Strecke bleiben.
Gerhard Hoyer (der für unseren Internetauftritt sorgt) wurde überraschend aufgefordert, ein Projekt zu beginnen, das mehrere Tage in Anspruch nehmen würde. Aber: in fünf Stunden fährt er zum letzten Mal den Rechner herunter; auch er ist ab morgen arbeitslos.
Sabrina Adlbrecht, hören wir, hat doch noch eine Aufgabe im ORF erhalten. Auch sie war eines der Opfer. Jetzt darf sie als Karenzaushilfe noch ein paar Monate bleiben...
12:45 Zurück in die Redaktion, den Maurern und Malern ausweichend: Schon werden unsere Studios und Redaktionsräume für die künftige Verwendung adaptiert.
17:00 Ich stehe da, den Karton mit den QSLs von OE1M in den Händen. Die Hörerbetreuung macht dicht, übergibt die "Erbmasse". Wohin damit? Die Aufkleber für die Abschieds-Bestätigung sind noch nicht eingetroffen. Ich kann die Schachtel quer über den Flur in die Räume der QSL COLLECTION bringen. Aber ab morgen ist ROI für die Poststelle nicht mehr existent.
Na ja, zum Glück gibt's ja Postämter. Und für die vielen treuen Hörer, die aufs Rückporto "vergessen" haben oder die deutsche Briefmarken beilgelegt haben, werden wir eben aus unserem Taschengeld das Porto beisteuern.
18:30 Christiane Eichberger, die das Sekretriat betreut, geht stumm, nur mit einem Kopfnicken, an uns vorbei. Ein einziges Wort würde sie aus der mühsam gewahrten Balance bringen.
Kollegin Tosegi packt den Wasserkocher ein. Den haben wir immer gemeinsam benutzt, daher blieb er uns auch nach Einstellung der Esperanto-Sendungen erhalten.
Gerhard Hoyer bedankt sich bei mir für die gute Zusammenarbeit; er habe eine Menge gelernt. Er, der so viele unbezahlte und unbedankte Stunden in unseren Intermedia- und Hotline-Auftritt investiert hat, bedankt sich bei mir! Der Kerl spinnt. Ich schulde ihm Dank.
Da kommen wir eben darauf zu sprechen, wie wir all die Zeit miteinander umgegangen sind: Wie selbstverständlich wir uns die Arbeit geteilt haben, all die Jahre ohne ein einziges lautes Wort! Jetzt hängt Marianne die letzten Bilder ab; da druckst es auch sie.
Kein Brief, kein E-Mail von der Generaldirektion, von der Hörfunkdirektion. Unser Chefredakteur auf Dienstreise in seiner neuen Funktion. Niemand da, der Adieu sagt. Wir lassen nicht die Gläser kreisen, denn wir wollen uns am Wochenende noch einmal treffen, alle, die dazu gehört haben, privat natürlich.
Es ist ein Abend, wie jeder anderer: Der letzte dreht das Licht aus und sperrt zu. Und in ein paar Stunden wird die Automatik (hoffentlich) Ö1 zuschalten, wenn bisher eines unserer Programme kam. Abschiedsworte oder irgendwas dergleichen sind nicht geplant.
Ich habe in Friedrichshafen Baldur Drobnica DJ6SI interviewt. Das war meine letzte Aktion für ROI. Ich speichere zum letzten Mal eine Datei ab, fahre zum letzten Mal die Software runter.
Im Unterschied zu den anderen werde ich, der Pensionist, morgen wieder ins Funkhaus kommen, nun aber definitiv auf die andere Seite des Flures, dorthin, wo die QSL COLLECTION residiert. Ich weiss noch nicht, wie die Infrastruktur funktionieren wird (von der Eintragung im Telefonbuch bis zum Leeren der Papierkörbe...), aber das wird sich weisen.
Jedenfalls ist dies, wenngleich nur ein halber Abschied, doch einer. Ich rechne ein bisschen nach: Februar 1946 bis Juni 2003, das macht knapp 57 Jahre. Davon fast 33, mehr als mein halbes Leben, beim Auslandsdienst.
Und jetzt steh ich halt so da und hab den Schlüssel in der Hand und mach den Laden dicht. Denn ich bin der Letzte. Und der Letzte macht das Licht aus.
Danke, Euch allen, von uns allen.“
Wolf Harranth, 2003
© Kai Ludwig

Die einstige „QSL-Collection“ besteht nach wie vor und widmet sich, nun als Dokumentationsarchiv Funk, intensiv der Bewahrung des Erbes der Rundfunkgeschichte.

Hier beginnen die Bestandsangaben zum „Kurzwellen-Panorama“ mit einem Vermerk, der für sich spricht:

„Nach Schließung des Auslandsdienstes im Jahr 2003 wurden das digitale Archiv gelöscht und das Bandarchiv entsorgt. Nur Teilbestände konnten gerettet oder aus Kopien wiederhergestellt werden. Dabei gingen die Metadaten (Sendedatum, Gestalter, Inhalt, Stoppzeiten...) verloren.“
Wolf Harranth, 2003
© Kai Ludwig

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 05.08.2021