Orthodoxe und katholische Kirche - Geldmangel bei Kirchensendern in Sankt Petersburg

W Peterburge na tschastote 73.1 FM. C 1 no 31 awgusta 2022 g. westschanija net. Westschanije w Tichwine prekrastscheno. Bestschanije w Wyborge prekrastscheno.
Abschaltmeldungen von Grad Petrow | © grad-petrov.ru

Mit erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben die Hörfunksender der russisch-orthodoxen und der katholischen Kirche in Sankt Petersburg. Während letzterer seit dem 2. September wieder in vollem Umfang sendet, beschränkt sich ersterer jetzt auf eine Frequenz.

Die Petersburger Filiale des katholischen Radio Maria hatte ihr Programm vom 11. Juli 2022 an nur noch online verbreitet. Seit dem 2. September läuft die Ausstrahlung nun wieder täglich von 8.00 bis 24.00 Uhr Ortszeit, sowohl auf Mittelwelle in Sankt Petersburg als auch auf UKW in Wyborg.

Wie dauerhaft die erneute Aufschaltung sein wird, bleibt abzuwarten. In der Mitteilung zur Wiederaufnahme des Betriebs heißt es, die finanziellen Probleme seien in der Zwischenzeit nicht gelöst worden.

In einer kritischen Lage befindet sich auch Grad Petrow, die Station der Petersburger Eparchie der russisch-orthodoxen Kirche. Sie sendet jetzt nur noch auf ihrer Hauptfrequenz 73,1 MHz, die wegen des Geldmangels jeweils im Mai und August ebenfalls schon abgeschaltet war.

Eine Präsenz an weiteren Standorten kann sich Grad Petrow nicht mehr leisten. Nachdem die Ausstrahlung in Tichwin bereits zum 1. April abgekündigt wurde, folgte zum 1. September nun auch die Frequenz in Wyborg, die gerade erst, bis zum 31. August, die einzige terrestrische Ausstrahlung war.

Die Grad Petrow veranstaltende Kirche steht seit einigen Monaten unter erheblicher Kritik. Auch in diesem Fall lohnt es sich, den Blick zu weiten. Zu nennen ist hier Rumänien, wo die orthodoxe Kirche als einstiges Organ des Ceausescu-Regimes bezeichnet werden kann und diese Vergangenheit nie aufgearbeitet hat.

Bei der römisch-katholischen Kirche wiederum hat sich die Distanz zwischen der Problemzone und den Medienaktivitäten verringert, seit die ausgefeilte PR-Strategie des Erzbistums Köln bekannt wurde. Ein Journalist, dessen Vereinnahmung diese Strategie vorsah, kommentierte die Lage mit drastischen Worten.

Stand vom 04.09.2022



Radio Maria ist seit 1999 in Sankt Petersburg aktiv. Das Programm kommt aus bescheidenen Räumen. Die Mittelwellenausstrahlung mit 10 kW war in Mitteleuropa noch nie zu hören, da ihre Frequenz 1053 kHz nach wie vor mit hoher Leistung aus Rumänien und Großbritannien belegt ist.

Ursprünglich arbeitete hier eine Sendestation, die 1943, während der Leningrader Blockade, an der Wolodarskij-Brücke entstand. Die Schließung dieses Standorts führte 2016 zum Umzug nach Olgino am Nordufer der Newabucht. Nachgenutzt wird dort eine 77 Meter hohe Antenne, die von 1996 bis 2010 die Mittelwelle 1323 kHz abgestrahlt hatte. Dort sendete Grad Petrow, bis es auf UKW wechseln konnte.

Weithin zu sehen ist in Olgino vor allem ein 205 Meter hoher Mast, über den bis 2013 die kleine der beiden Petersburger Langwellen, 198 kHz, abgestrahlt wurde. Diesen Mast nutzt inzwischen eine UKW-Anlage, die den Petersburger Fernsehturm entlastet.

Wiederum seit 1999 hatte diese Anlage auf 91,5 MHz ein Petersburg-Programm von Echo Moskwy abgestrahlt. Wie in Moskau wurde auch dieser Sender am 9. März mit dem Programm von Radio Sputnik wieder eingeschaltet und damit die Neuausschreibung der Frequenzen, die offiziell bis zum 25. Mai lief, von vornherein als Farce kenntlich gemacht.

Radio Sputnik ist das Hörfunkprodukt der Informationsagentur Rossija Segodnja, die 2014 aus den Abwicklungsmassen der Nachrichtenagentur RIA Nowosti und der Stimme Russlands, dem früheren Radio Moskau, entstand. Ursprünglich waren diese Sendungen für das Ausland bestimmt.

Chefredakteurin auch von Rossija Segodnja ist Margarita Simonjan, die ab 2005 RT aufgebaut hatte und inzwischen zum engen Beraterkreis der russischen Führung gezählt wird. Die UKW-Aufschaltung „ihres“ Radioprogramms, das damit der Allrussischen Rundfunkgesellschaft (WGTRK) direkte Konkurrenz macht, war anscheinend Simonjans persönlicher Wunsch.

Sender Olgino
Impressionen aus der Sendestation Olgino | © RTRS

Über die Langwellenreuse in Olgino strahlt jetzt ein weiterer Mittelwellensender mit 10 kW auf 684 kHz. Diese Frequenz nutzt seit 2008 das zentral von der russisch-orthodoxen Kirche betriebene Radio Radonesh, wobei wiederum aus Kostengründen die Sendezeit nach letztem bekanntem Stand auf 19.00 bis 24.00 Uhr Ortszeit (18.00-23.00 Uhr MESZ) beschränkt bleibt.

Beim Umzug der verbliebenen Mittelwellen-Stadtfrequenzen war 2016 in Olgino auch noch ein dritter Sender auf 828 kHz aktiviert worden. Er ist seit dem 1. Januar 2022 nicht mehr in Betrieb. Übertragen wurde hier eine Mischung aus Programmen zweier Veranstalter.

Das war zum einen die 2001 gegründete Radiogaseta Slowo, deren Gründer 2021 verstorben ist. Mit vordergründig patriotischer Ausrichtung schien dieses Programm auf den ersten Blick auf Linie zu liegen. Als einen seiner Partner nannte der Sender allerdings auch die nicht zum Reigen der Astroturfing-Gründungen zählende Kommunistische Partei der Russischen Föderation.

Weitere Sendezeit belegte Prawoslawnoje Radio, wiederum eine orthodoxe Stimme, die es mindestens seit 1998 gab. Mit dem Verschwinden seines Frequenzpartners konnte sich der Sender wirtschaftlich nicht mehr halten.

Abgestrahlt wurde die Frequenz 828 kHz von jenem 102 Meter hohen Mast, über den zuvor im Gleichwellenbetrieb mit anderen Standorten die Mittelwelle 873 kHz lief. Sie übertrug Radio Rossii, das Leitprogramm der WGTRK, bis dessen AM-Verbreitung Anfang 2015 entfiel.

Am 5. April 2022 kam es hier nun zu einer Neuauflage in ganz anderer Form, der in der Ukraine tatsächlich ein fruchtbarer Boden bereitet worden sein könnte: Es gab Stimmen, die sich erfreut zeigten, im Radio mal wieder etwas anderes zu hören als die endlosen Durchhalteparolen des Kiewer Einheitsprogramms.

Offensichtlich ist in Kiew inzwischen erkannt worden, wie kontraproduktiv diese Art von Sendetätigkeit sein kann: Die am 24. Februar vorgenommene Zusammenschaltung aller Hörfunkwellen des ukrainischen Rundfunks wurde wieder rückgängig gemacht.

 

Autor: Kai Ludwig