Sendernetzbetreiber will nicht mehr

Schlechte Karten für die Mittelwelle in Moskau

In den letzten zweieinhalb Jahren gab es über die Situation bei den Mittelwellen-Sendeanlagen im Raum Moskau nur Geraune. Nun hat der letzte verbliebene Interessent zu diesem Thema Klartext gesprochen.

Radio Radonesh, FM 72,92 MHz, AM 612 kHz
„Sie erreichen das Sendegebiet“ | © Radio Radonesh

Das Ziel einer Mittelwellenverbreitung in Moskau aufgegeben hat inzwischen Radio Radonesh, die Hörfunkstation der russisch-orthodoxen Kirche.

Auf Sendung gegangen war Radio Radonesh am 31. März 1991, also noch zu Zeiten der Sowjetunion, aus dem Funkhaus in der uliza Pjatnizkaja. Diesem Standort ist es bis heute treu geblieben.

Ursprünglich nutzte Radio Radonesh in Moskau einen Sendeplatz auf der Mittelwelle von Radio Podmoskowja, dem Hörfunksender des Gebiets Moskau, dessen Geschichte bis zurück ins Jahr 1932 reicht.

Noch 2006 kam es hier zu einer größeren Investition: In Nowye Psarki bei Noginsk wurde eine Mittelwellenanlage mit 217 Meter hoher Antenne neu aufgebaut, um einerseits auf 846 kHz die abgängigen Altanlagen vor Ort und andererseits auf 549 kHz die seinerzeit aufgegebene Sendestation Tschkalowskaja bei Schtscholkowo abzulösen.

Für die Frequenz 549 kHz, die altbekannte Gleichwelle von Radio Majak, ging Ende 2012 noch ein neuer Transistorsender (TRAM 100) in Betrieb. Nur wenige Wochen später kam die große Ernüchterung: Die gesamte AM-Verbreitung von Radio Majak wurde abgekündigt.

Dem folgte sogleich der nächste Schlag: Auch Radio Podmoskowja beendete 2013 seine Ausstrahlungen auf Mittelwelle. 2016 gab das Programm sich einen neuen Namen und sendet nun als Radio 1.

Damit waren auf 846 kHz nur noch die abendlichen drei Stunden Sendezeit von Radio Radonesh verblieben. Um die Station nicht allein dafür weiter betreiben zu müssen, arrangierte die Moskauer Niederlassung des Sendernetzbetreibers RTRS eine andere Lösung und beendete den Betrieb in Nowye Psarki.

Die dortigen Techniker wurden entweder entlassen oder zu Handlangern degradiert. Das Technikgebäude blieb ungeheizt zurück, schon im Frühjahr 2014 war auch sein Dach undicht. In Bezug auf den neuen Sender lautete seinerzeit die Beschreibung der Lage: 18 Millionen Rubel stehen im Regen.

01.11.2013: Radio Podmoskowje prekraschtschajet weschtschanije na srednich wolnach
Der Abschalthinweis des damaligen Radio Podmoskowja

Ohne die Mittelwelle 846 kHz stand Radio Radonesh in Moskau zwar nicht mit leeren Händen da: Es verfügt seit 2011 über jene UKW-Großfrequenz (72,92 MHz), auf der einst das erste Programm des Allunionsradios lief.

Seit der Umbenennung in Radio Odin (in der Schriftform „Radio-1“) im Jahre 1991 hatte dieses Programm wegen Geldmangel immer größere Teile seines Sendernetzes verloren. Gleichzeitig wurde Radio Odin nachgesagt, vor allem Hörerschichten zu erreichen, deren Leben in der damaligen Lage völlig aus den Fugen geriet.

Da nicht sein konnte, was nicht sein durfte (und dann bekanntlich in den Putinismus mündete), schritt Boris Jelzin 1997 zur Tat: Er verfügte als „Verbesserung der Struktur des staatlichen Rundfunks in der Russischen Föderation“ die Liquidierung von Radio Odin.

Ganz so einfach abwickeln lassen wollte sich die Redaktion nicht: Sie gründete eine Firma mit Sitz im GDRS, jenem Moskauer Funkhaus mit seinen großen Studios, das nun selbst einer Immobilienrochade zum Opfer fällt.

Mangels Geldquellen konnte diese Firma jedoch nur Schulden anhäufen, bis es nicht mehr ging. Auch eine Unterstützung durch Michail Gorbatschow, von der seinerzeit zumindest Gerüchte wissen wollten, half da nicht mehr.

Somit war auch den Beobachtern im Ausland alles klar, als schließlich am Morgen des 15. Mai 2000 die Langwelle 171 kHz nach ihrer nächtlichen Sendepause nicht mehr eingeschaltet wurde. Das vorgefundene Rauschen erinnerte an eine bekannte Formulierung: Es wird eine Stimme weniger geben.

Snos wyschki AM-353, radiozentr Sosnowy
21.10.2017: Sprengung der Antenne des als letztem bis zum 14.10.2000 von Radio Odin genutzten Langwellensenders Sosnowy/Belarus | © vk.com/radioby

Inzwischen nützt Radio Radonesh das stolze Erbstück von Radio Odin immer weniger: Heutige Rundfunkgeräte, vor allem Autoradios, sind nicht mehr für das alte OIRT-Band eingerichtet.

Deshalb hielt Radio Radonesh an einer ergänzenden Mittelwellenverbreitung fest. Als neuer Partner vermittelt wurde ihm Narodnoje Radio, eine ebenfalls im orthodoxen Glauben verwurzelte Station, die auf ihre Kindersendungen besonders stolz ist.

Das neue Mittelwellenfenster für Radio Radonesh fand seinen Platz auf der seit 1998 von Narodnoje Radio genutzten Frequenz 612 kHz. Sie kam aus der Station Kurkino bei Chimki, die für den Rundfunk in den 90er Jahren als Standort von Moskauer Stadtmittelwellen erschlossen wurde.

Von diesem ursprünglichen Zoo an Frequenzen waren 2015 noch drei verblieben. Nun versuchte RTRS, das Gelände der Sendestation zu Geld zu machen und kündigte den Programmveranstaltern die Ausstrahlungen mit einem Vorlauf von ganzen zwei Tagen.

Offener, in diesem Fall noch einmal erfolgreicher Widerstand bekannt wurde dazu nur von Radio Radonesh. Es akzeptierte die Abkündigung nicht und machte den Vorgang öffentlich.

2016 entfiel in Kurkino als nächste die Frequenz 1134 kHz, da die Mittelwellenlizenz des Radio Teos der US-amerikanischen Far East Broadcasting Company nicht mehr verlängert wurde. Wie es hieß, hätten „bestimmte Personen“ darauf hingewirkt, weil die evangelikale Organisation „so viele Menschen mit dem Evangelium erreicht“ habe.

2017 verschwand auch die Ausstrahlung des Frequenzpartners von Radio Radonesh. Der Grund war keine Überraschung, nachdem 2006 ein Versuch von Narodnoje Radio, mit 150 kW auf der alten Frequenz von Radio Leningrad (801 kHz) zu senden, schon nach wenigen Monaten sein Ende fand: Auch hier schlichter Geldmangel.

Narodnoje radio prekratilo weschtschanije na tschastote 612 kHz.
2017: Vergeblicher Aufruf von Narodnoje Radio für Spenden zur Wiederaufnahme der Ausstrahlung auf 612 kHz | © VK

Was 2015 noch einmal verhindert werden konnte, wurde am 1. Mai 2019 schließlich zur Tatsache: Die Sendestation Kurkino ist tot und zur Verwertung als Bauland freigegeben.

Damit hatten die Bestrebungen von Radio Radonesh, auf der Mittelwelle zu bleiben, ihr Ende gefunden. Ein Mitarbeiter nannte die eingetretene Entwicklung „eine Tragödie“.

Sender Kurkino
Die Einfahrt der nun ehemaligen Sendestation Kurkino kurz nach 2010

In den Fokus rückte nun der andere zuletzt noch verbliebene Nutzer der Sendestation: Der russische Kanal von World Radio Network, heute eine der Hörfunklösungen des Technikdienstleisters Encompass.

Die Idee von World Radio Network war, mit Sammelkanälen den auf Kurzwelle ausgestrahlten Sendungen internationaler Hörfunkstationen einen neuen Verbreitungsweg zu bieten. Von 1997 bis 2013 gab es einen solchen Kanal auch in deutscher Sprache, als Höhepunkt von 2003 bis 2010 mit stundenweiser UKW-Aufschaltung in Berlin.

Zum Niedergang führte hier die Kombination zweier Faktoren. Einerseits ist ein erheblicher Teil der einstigen Kurzwellendienste inzwischen ganz eingestellt. Andererseits hat sich die Medienlandschaft seit dem 90er Jahren, als Satellitenhörfunk noch die Zukunft zu sein schien, weiter gewandelt.

Dadurch standen nach Meinung von immer mehr Programmveranstaltern die Kosten des Dienstes in keinem Verhältnis zum Nutzen mehr. Auch die ursprünglich als Vorzug beworbene Zusammenfassung mit anderen Anbietern wurde zunehmend als Nachteil gesehen.

Das zeigt sich auch beim russischsprachigen Kanal, Wsemirnaja Radioset, bei dessen Betrieb russische Partner mitwirken. Dieser Kanal wurde ab 2006 aus Kurkino auf 738 kHz abgestrahlt, was man inzwischen für medienpolitisch brisant halten könnte.

Ein Blick auf das Programmschema zeigt indes, warum diese Ausstrahlung völlig unter dem Radar flog: Politischen Anstoß erregen könnte hier, nachdem inzwischen auch die Übernahmen von Polskie Radio entfallen sind, allenfalls noch NHK World.

Ebenfalls keinen Anstoß erregen konnte, was die Betreiber zur Abschaltung ihrer Mittelwelle zu sagen hatten. Die dazu veröffentlichte Mitteilung beließ es bei einem Verweis auf „Gründe, die außerhalb unserer Kontrolle liegen“.

S 1 Maja 2019 g. weschtschanije w efirje na SW 738 kHz budjet wremenno priostanowleno po nesawisjaschtschim ot redakzij pritschinam.
Der unverfängliche Abschalthinweis | © wrn.ru

Hinter dieser Zurückhaltung verbargen sich tatsächlich Bemühungen, eine neue Lösung zu arrangieren. Ans Licht kamen sie schließlich nach fast zwei Jahren, im April 2021, in Form von Strahlungsversuchen.

Erprobt wurde nichts anderes, als die Frequenz 738 kHz von der noch vorhandenen Anlage in Nowye Psarki zu betreiben. Nach diesen Sendeversuchen trat zunächst wieder Stille ein – bis die russischen Mitarbeiter von Wsemirnaja Radioset im November Klartext sprachen.

Demnach hat die Geschäftsleitung der Moskauer Niederlassung von RTRS nach den Sendeversuchen jegliche weitere Aktivitäten verboten. Offensichtlich will man sich dort nach knapp acht Jahren nun endgültig von dem Standort trennen.

Für nochmalige Mittelwellensendungen von Wsemirnaja Radioset gibt es damit (theoretisch) noch zwei Möglichkeiten: Entweder RTRS das gesamte Objekt abzukaufen oder eine komplette Sendeanlage selbst zu erstellen.

Sender Krasny Bor, 1089 kHz
Aus der Sammlung von Michail Timofejew: Der als letztes bis 2016 auf der Station Krasny Bor betriebene Sender von Radio Teos; ganz rechts einer der schon seit 2013 nicht mehr genutzten Kurzwellensender

Offensichtlich ist bei den Entwicklungen in Moskau der Kontrast zur Situation in Sankt Petersburg. Dort betreibt RTRS für die nach wie vor interessierten Programmveranstalter, darunter wiederum Radio Radonesh, bis heute drei Stadtmittelwellen.

Zu einiger Bekanntheit über die Grenzen des Landes hinaus kam einst die Vorgängerstruktur dieser Niederlassung. Zu ihr gehörte bis 2003 auch die Großsendestation Bolschakowo (Groß Skaisgirren), die heute der Niederlassung Kaliningrad zugeordnet ist.

Für diese Bekanntheit gesorgt hatte der Mitarbeiter Michail Timofejew. Trotz – oder gerade wegen – seiner sowjetischen Sozialisation pflegte er eine Offenheit auch gegenüber Ausländern, die selbst in Ländern, die sich ihrer Freiheit rühmen, keine Selbstverständlichkeit (mehr) ist.

Michail Timofejew wurde nur 56 Jahre alt. 2019 erlag er den Folgen eines Herzanfalls, den er auf seinem anderthalbstündigen, wie immer zu Fuß zurückgelegten Weg zur Arbeit erlitt. Online verbleibt die Sammlung seiner Beiträge zu Rundfunkgeschichte und aktuellen Themen.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 28.11.2021