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Gute oder schlechte Nachricht? ABBA angeblich vor einer Reunion

Ein Kommentar von Jens Balzer

Abba stehen vor einem Comeback – 39 Jahre nach ihrem letzten Auftritt 1982. Noch in diesem Jahr sollen neue Songs erscheinen, hat eins der vier Abba-Mitglieder, Björn Ulvaeus, jetzt in einem Interview verkündet.

Jens Balzer © IMAGO/Votos-Roland Owsnitzki
Jens Balzer | © IMAGO / Votos-Roland Owsnitzki

Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht? Die Antwort darauf gibt es von Jens Balzer, Berliner Kulturjournalist.

Jens Balzer © IMAGO/Votos-Roland Owsnitzki
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Ich finde, dass ist zunächst eine äußerst beruhigende Nachricht. Ich bekam sofort ein wohliges Gefühl, als ich das hörte. Ich bin ja schon sehr alt und habe die ersten Abba-Platten noch gekauft, als sie gerade rauskamen, insofern spielt Kindheitsnostalgie eine Rolle. Aber ich finde, dass diese Meldung auch Zuversicht stiftet. Alles ändert sich auf der Welt, nur auf eines kann man sich verlassen: Alle paar Jahre wieder wird von wechselnden Abba-Mitgliedern ein Comeback von Abba angekündigt, zu dem es dann doch nicht kommt. Es werden – wie jetzt – neue Lieder versprochen, die dann niemals geschrieben werden.

Es werden Konzerte versprochen, die niemals stattfinden, nicht mal, wenn es sich - wie bei der letzten Comeback-Ankündigung aus dem Jahr 2019 - nur um Hologramm-Konzerte handeln soll. Das muss man sich zur Einschätzung der Lage vielleicht nochmal in Erinnerung rufen: Beim letzten Mal haben es die vier Mitglieder von Abba nicht mal so lange in einem Raum miteinander ausgehalten, dass man von ihnen Hologramme programmieren konnte, die dann an ihrer statt auf Tournee gehen können. Was ich schade fand – gerade unter Corona-Bedingungen wäre das ein interessantes Experiment gewesen: eine Abba-Tournee, die nicht nur ohne Publikum stattfindet, sondern eben auch ohne Abba.

Das würde man sich doch für viele andere Musiker auch wünschen, ich sag mal: Die Toten Hosen, Coldplay, Sting. Ein Sting-Konzert ohne Sting und ohne Zuhörer, das wäre ein einsamer künstlerischer Höhepunkt für den Mann. Im Fall von Abba wurde nichts aus dem Vorhaben – soll aber jetzt 2022 zum 50-jährigen Bühnenjubiläum der Band passieren. Sagt Björn Ulvaeus, 76 Jahre alt. Und außerdem soll es fünf neue Songs geben. Sagt er. Aller Wahrscheinlichkeit wird daraus natürlich auch diesmal nichts, aber das Gedankenexperiment ist schon interessant: Wie die wohl klingen würden? Nach Früh- oder nach Spätwerk? Eher wie "Mamma Mia" oder eher wie "The Visitors"?

Auf jeden Fall gäbe es Anlass, das Verhältnis zu dieser Band nochmal zu überdenken. Abba galten ja unter Musikliebhabern und Liebhaberinnen lange Zeit als der letzte Schrott, bevor die Stimmung irgendwann ins Gegenteil kippte und sie mit vier Jahrzehnten Abstand jetzt meistens als große Avantgardisten gefeiert werden. Die letzte Debattenrunde bei mir zuhause, in der dieser Irrglaube aufkam, musste sich zur Strafe die ersten drei Abba-Platten in voller Länge anhören, unter besonderer Berücksichtigung von "Fernando" und "Chiquitita". Da waren dann alle wieder sehr still.

Nun ist das Abba-Comeback ja nicht das einzige, das gerade im Schwange ist. Eine ganze Welle scheint da auf uns zuzukommen, wenn die Konzerthallen wieder geöffnet werden. Wollen es die ganzen Rock- und Pop-Rentner jetzt nochmal wissen?


Offensichtlich! Nicht nur Abba sind am Start, sondern auch die Spice Girls, die No Angels und Genesis, und vielleicht auch mal wieder Take That mit Robbie Williams. Und es ist ja auch ein guter Moment für sowas, weil: Bei den Corona-Impfungen werden ältere Menschen und Rentner bekanntlich konsequentermaßen bevorzugt. Die sind bald alle durch. Ganz im Gegensatz zu den Jungen, also: Wann Menschen unter 30 großflächig immunisiert sind und also auch wieder legal in Popkonzerte gehen dürfen, ist völlig offen. Für aktuelle Musik gibt es also bis auf weiteres kein Publikum beziehungsweise: das muss zuhause bleiben oder im Volkspark Friedrichshain lauwarmen Wodka trinken.

Als Zielgruppe für Popkonzerte bleibt erstmal nur Ü60 übrig wie im Fall von Abba und Genesis. Letztere kommen im Herbst, aber auch diesmal wieder ohne Peter Gabriel und vor allem ohne Steve Hackett, und Phil Collins kann wegen Rücken- und Fußproblemen auch nicht mehr Schlagzeug spielen, deswegen übernimmt das sein Sohn, und er sitzt daneben und singt ein bisschen, so lange die Puste reicht. Das ist für den Zustand der Kultur nach anderthalb Jahren Corona-Pandemie doch eigentlich ein ganz schönes Bild.