Indianapolis und New York

Schlechte Karten für US-Großmittelwellen

Die USA gelten nach wie vor als Hochburg des Mittelwellenrundfunks. Doch auch hier ist es selbst für Großfrequenzen (was in den USA bedeutet: 50 kW Sendeleistung) immer öfter die beste Option, sie aufzugeben und die Grundstücke der Sendeanlagen zu verkaufen. Aktuelle Beispiele gibt es dafür in Indianapolis und New York.

Indianapolis, 1070 kHz
Bis 2021: Die Masten der Mittelwelle 1070 kHz an der Autobahn von Chicago als erster Gruß von Indianapolis | © Allen, CC-BY-SA

Die Großmittelwelle von Indianapolis gab es seit 1938. Von 1941 an lautete sie durchweg 1070 kHz. Zur Ausstrahlung diente ab 1966 eine Sendeanlage an der Autobahn Richtung Chicago, 20 Kilometer außerhalb der Innenstadt.

Da die Frequenz mit erheblichen Richtauflagen behaftet ist, wurde eine Antenne mit sechs Masten erforderlich. Davon waren tagsüber vier wirksam. Nachts war ein deutlich verschärftes Diagramm zu schalten und zusätzlich die Sendeleistung auf 10 kW abzusenken.

Dieses Nachtdiagramm konnte die Vororte im Norden von Indianapolis bereits nicht mehr erreichen. Auch die sehr scharfe Nebenkeule, die noch 100 Kilometer weit die Autobahn abdecken sollte, war eher Wunschdenken; im angeblich noch versorgten Lafayette dominierte nachts bereits ein weit entfernter Sender in Kanada.

Über Jahrzehnte lief auf 1070 kHz das Vollprogramm WIBC. Im Laufe der 80er Jahre entwickelte es sich zu einem reinen Wortprogramm, das an sich für eine Mittelwellenverbreitung prädestiniert war.

Trotzdem wurde dieses Programm 2008 auf das 1960 ursprünglich für Musikformate etablierte UKW-Beiboot umgezogen. Die Mittelwellenfrequenz nutzte der Betreiber Emmis (auch in New York sowie in der Slowakei und Ungarn aktiv) fortan dafür, in Zusammenarbeit mit ESPN das Sportprogramm „The Fan“ zu verbreiten.

1070 The Fan
2009: Emmis-Zentrale mit Werbung für das gerade auf Mittelwelle aufgeschaltete Sportprogramm

Seit 2013 läuft „The Fan“ auch über zwei UKW-Stützfrequenzen mit jeweils 300 Watt. Diese wurden von vornherein nicht an die Mittelwelle, sondern an Digitalradio (hier das US-amerikanische System IBOC/HD) angebunden.

Parallel wurde die Sendestation als zu verkaufen beschildert. Im Grunde verwundert deshalb, welches überraschte Aufsehen es erregte, als Emmis voller Enthusiasmus mitteilte, das Grundstück nun tatsächlich zu Geld machen zu wollen.

Der Sendebetrieb endete in der Nacht zum 3. August 2021 genau um Mitternacht. Danach verlor Emmis keine Zeit mehr: Die Demontage der Anlagen begann bereits am folgenden Morgen. Wenige Wochen später war nur noch das frühere Sendergebäude übrig.

Neueste Marktforschungsdaten bestätigen die Richtigkeit der Entscheidung, die Analogverbreitung von „The Fan“ auf die UKW-Kleinfrequenzen zu beschränken und den großen Mittelwellensender aufzugeben: Es gab keinen Rückgang der Hörerzahlen.

Nun trat tatsächlich ein Akteur auf den Plan, der die Mittelwelle 1070 kHz wiederbeleben will: Ein Radiounternehmer aus der Kleinstadt Warsaw, der sich bereits nach Fort Wayne ausgedehnt hat und dort 2021 durch Übernahme einer Corona-Konkursmasse weiter vergrößern konnte.

Er versuchte, eine Baugenehmigung für einen Standort auf landwirtschaftlichen Flächen, einige Kilometer westlich des abgerissenen Senders, zu erhalten. Sein Antrag sprach von sechs Masten mit einer Höhe von 200 Fuß, also 60 Meter. Das Ansinnen wurde jedoch abgewiesen.

Als kalte Dusche empfanden einige Rundfunkfreunde die zitierte Aussage eines Vertreters der Gemeinde Zionsville: Die Mittelwelle sei, wie allgemein bekannt, „ein Dinosaurier“. Der Antragsteller habe „keinen anderen Bedarf als seine persönlichen Wünsche“ nachweisen können.

Dieser Radiounternehmer war noch nicht einmal an Emmis herangetreten, um die Sendelizenz zu erwerben. Völlig unklar bleibt auch, wie er eigentlich die Investitionen in siebenstelliger Höhe finanzieren wollte, mit denen die Erfüllung seines Wunsches verbunden wäre.

Das Thema könnte sich bald von selbst erledigen: Wenn bis zum 3. August, also innerhalb eines Jahres, nicht wenigstens ein notdürftiger Kleinsender wieder auf 1070 kHz aktiv ist, erlischt die Lizenz. Zwar sprach Emmis im vergangenen Jahr noch von einer vorübergehenden Abschaltung der Frequenz, ohne bis heute jedoch irgendetwas erkennbar zu veranlassen.

Der Tag des Jüngsten Gerichts: 21. Mai 2011 – Kostenlose Radioprogramme auf Eutelsat Hotbird
In Deutschland nur in geringer Zahl aufgetaucht: Die Weltuntergangswerbung von Family Radio

Ein solcher Behelf ist derzeit bei New York aktiv. Hier geht es um Family Radio; jenen Missionssender, der einst einen umfangreichen internationalen Dienst betrieb und massiv einen angeblich 2011 eintretenden Weltuntergang propagiert hatte.

Die Folgen reichten bis zum Versuch einer Mutter, ihre beiden Kinder zu töten. Was sie da angerichtet hatten, war den Mitarbeitern von Family Radio völlig gleichgültig. Sie interessierte nur eines: Der zu erwartende Bruch ihrer Opfer mit dem christlichen Glauben.

Zwar blieben Forderungen, Family Radio die Sendelizenzen zu entziehen, vergeblich. Doch auch so hatte die verantwortungslose Programmpolitik einschneidende Konsequenzen: Nach dem ausgefallenen Weltuntergang stürzte Family Radio wirtschaftlich ins Bodenlose.

Zuerst gekürzt wurde beim internationalen Dienst. Schon drei Wochen nach dem ersten „Termin“ entfielen die terrestrischen Frequenzen der Sendungen in deutscher Sprache. Kurz darauf endete deren Produktion ganz. Übrig blieb eine Sammlung der über die Jahre aufgezeichneten Bibellesungen, die nun auch abgeschaltet zu sein scheint.

Auch die UKW-Frequenzen in New York, Washington und Philadelphia machte Family Radio zu Geld. Die Käufer, denen die unmittelbar drohende Insolvenz natürlich bekannt war, drückten die Preise auf 40, 8,5 bzw. 22,5 Millionen Dollar. Bis zum Eingang der Zahlungen konnte Family Radio schon nur noch mit einem Überbrückungskredit von 30 Millionen Dollar überleben.

Harold Camping guarantees it
Hohn und Spott über den 2013 verstorbenen Gründer von Family Radio

Bei der Abschaltung seiner UKW-Frequenz in New York ließ Family Radio bereits die Absicht durchblicken, einen großflächigen Mittelwellen-Ersatz zu organisieren.

Die Gelegenheit dafür eröffnete sich, als Disney 2014 entschied, sein ab 1996 zusammengekauftes, größtenteils aus Mittelwellen bestehendes Hörfunknetz aufzugeben. Das erwies sich als Anfang vom Ende: Im Schatten einer Massenentlassung wurde Radio Disney 2021 eingestellt.

In New York hatte Disney ab 1998 den in einem Industriegebiet an der Grenze zwischen Brooklyn und Queens stehenden Großsender 1560 kHz genutzt. Die Anlage ging nun für 13 Millionen Dollar an Family Radio, das damit ab 2015 auf dieser Frequenz zu hören war – bis es wie Emmis in Indianapolis ein Angebot bekam, das es nicht ablehnen konnte.

Hier war das Grundstück inzwischen von erheblichem Interesse für die Logistik der umliegenden Betriebe. Somit konnte Family Radio einen guten Gewinn erzielen, indem es das Objekt nach nur fünf Jahren für nun 51 Millionen Dollar wieder verkaufte. Der Sender wurde am 15. Februar 2021 abgeschaltet. Die vier Türme fielen kurz danach.

Als der Verkaufsplan bekannt wurde, unterstellte die Fachöffentlichkeit eine erneute Inbetriebnahme der Frequenz als selbstverständlich. Die Spekulationen stützten sich auf die vor der Abschaltung gesendeten Hinweise, die unspezifisch von der Planung eines Ersatzes sprachen.

Dieser Ersatz wurde auch tatsächlich geschaffen – allerdings in ganz anderer Form: Mit dem Kauf einer neuen UKW-Frequenz, die eine bereits vorhandene periphere Ausstrahlung ergänzte.

2013 hatte Family Radio zwar die Rechte zur Nutzung seiner langjährigen Frequenz 94,7 MHz verkauft, nicht jedoch die Sendeanlage in Newark. Das ermöglichte eine Lösung, die den Verfall der Lizenz für die Mittelwelle 1560 kHz verhindert: Vom Turm wurde eine Schrägdrahtantenne zum Technikgebäude gespannt und dort ein Sender mit 1 kW angeschlossen.

Berichte über dessen Einschaltung am 25. Oktober 2021 wurden aus New York zunächst zur Ente erklärt: Das Signal ist in Manhattan nur noch tief im Rauschen zu erahnen, der Bereich brauchbaren Empfangs beschränkt sich auf drei Kilometer um die Sendeanlage.

Nicht abzusehen ist, was mit der Mittelwelle 1560 kHz letztlich geschehen wird. Der in dieser Form nun wirklich verzichtbare Betrieb ist als temporäre, technisch begründete Abweichung von den Lizenzbedingungen genehmigt. Eine feste zeitliche Begrenzung gibt es für solche Genehmigungen dabei nicht, Dauerprovisorien sind also nicht von vornherein ausgeschlossen.

Entercom rebrands WNSH-FM as New York’s Country 94.7
Diese Anpassung an die sich wandelnde Medienlandschaft war nach zwei Jahren schon wieder hinfällig. | © Entercom

Drei Tage zuvor, aber völlig unabhängig davon gab es eine Änderung bei der Bespielung der verkauften Frequenz: Das hier ausgestrahlte „New York’s Country 94.7“ wurde als moderiertes UKW-Programm eingestellt, da sein Marktanteil bei 1,9 Prozent herumkrebste und keine Chancen mehr gesehen wurden, mit dieser Musik nachwachsende Hörerschichten zu erreichen.

Durch eine Vorwarnzeit von wenigen Stunden kam es zu einer ungewöhnlichen emotionalen Abschiedssendung. Sonst ist es in den USA üblich, derartige Einstellungen von Hörfunkformaten völlig unvermutet zu vollziehen und keinen der bisherigen Mitwirkenden nochmals an ein Mikrofon zu lassen.

Dem folgten noch einige Country-Titel, bevor als Gag ein Oldie zum neuen Programmkonzept für diese Frequenz überleitete: „94.7 The Block“.

Damit erreicht werden sollen (ob das gelingen wird, bleibt noch abzuwarten) Hörerschichten, die mit New Yorks Hiphop-Kultur aufgewachsen sind. Bei den somit einzusetzenden, rund zwei Jahrzehnte alten Musiktiteln möchte natürlich niemand von „Oldies“ sprechen, weshalb inzwischen ein neuer Begriff kreiert wurde: „Throwbacks“.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 08.05.2022