Wieder einmal

Mittelwellen-Großsender in Indianapolis wird abgerissen

Ein bereits aus New York bekanntes Szenario tritt nun auch in Indianapolis ein: Der lukrativen Möglichkeit, das Grundstück zu verkaufen, fällt ein Mittelwellensender zum Opfer – und zwar nicht irgendein randständiger, sondern einer der höchsten in den USA zulässigen Leistungsklasse 50 kW.

Indianapolis, 1070 kHz
Mittelwellensender 1070 kHz bei Indianapolis: Sendergebäude mit Richtfunktechnik und fünf der sechs Antennenmasten | © Allen, CC-BY-SA

Der betroffene Mittelwellen-Sendeplatz besteht seit 1938. Drei Jahre nach dessen Etablierung kam es noch einmal zu einem Wechsel der Frequenz. Sie lautet nun seit acht Jahrzehnten unverändert 1070 kHz.

Seit 1994 befindet sich die Frequenz im Besitz von Emmis Communications. Im Hörfunk ist diese Unternehmensgruppe außer in Indianapolis derzeit vor allem in New York sowie in der Slowakei und Ungarn aktiv.

Über Jahrzehnte lief auf 1070 kHz das Vollprogramm WINP. Im Laufe der 80er Jahre entwickelte es sich zu einem reinen Wortprogramm, das an sich für eine Mittelwellenverbreitung prädestiniert war. Trotzdem wurde dieses Programm 2008 auf sein 1960 für Musikformate etabliertes UKW-Beiboot umgezogen.

Die damit geräumte Mittelwellenfrequenz nutzte Emmis dafür, das in Nordamerika inzwischen verbreitete Genre des Sportradios auch in Indianapolis zu etablieren und in Zusammenarbeit mit ESPN das neue Programm „The Fan“ zu schaffen.

1070 The Fan
2009: Emmis-Zentrale mit Werbung für das gerade auf Mittelwelle aufgeschaltete Sportprogramm

Seit 2013 läuft „The Fan“ auch auf UKW, und zwar über zwei Stützfrequenzen mit jeweils knapp 300 Watt. Diese sind jedoch nicht, wie es in den USA inzwischen möglich und üblich ist, dem Mittelwellensender zugeordnet.

Mutter der Stützfrequenzen ist vielmehr der UKW-Sender WINP, der im US-amerikanischen Digitalradioverfahren als zusätzlichen Kanal „The Fan“ mit überträgt. Ein Verzicht auf die Mittelwelle 1070 kHz ist deshalb ohne weitere Konsequenzen möglich.

Trotzdem formulierte WINP am 19. Juli, die Mittelwelle werde am 2. August „vorerst verstummen“. Weiter zeigte sich Emmis-Chef Jeff Smulyan begeistert:

„Als langjährige Inhaber der 1070 arbeiten wir sorgfältig daran, die nächste großartige Nutzung für das Signal zu finden. Wir bekamen eine wunderbare Gelegenheit geboten, das Grundstück zu monetarisieren, und sahen es als unsere Pflicht an, das zu prüfen. Es machte schließlich den meisten Sinn.“

Die, so ebenfalls formuliert, „beste Lösung für die Zukunft des 1070-Signals“ wird nach Einschätzung von Beobachtern jedoch tatsächlich so aussehen, es in der Versenkung verschwinden zu lassen.

Das hat auch mit den komplexen Richtauflagen zu tun, mit denen die Frequenz insesondere nachts behaftet ist. Selbst mit diesen starken Ausblendungen kann dann nur mit 10 kW gesendet werden. Der nochmalige Bau einer für diese Betriebsweise eingerichteten Sendeanlage, wie sie seit 1966 existiert, gilt als ausgeschlossen.

Indianapolis, 1070 kHz
Bald nicht mehr: Die sechs Masten der Mittelwelle 1070 kHz, an der Autobahn von Chicago als erster Gruß von Indianapolis | © Allen, CC-BY-SA

Die Anlage an der Autobahn Richtung Chicago, 20 Kilometer außerhalb der Innenstadt von Indianapolis, braucht sechs Masten, von denen tagsüber vier und nachts alle geschaltet sind. Das scharfe Nachtdiagramm versorgt die inzwischen im Norden von Indianapolis entstandenen Vorstädte bereits nicht mehr.

Der immer weitere Wachstum des „Speckgürtels“ hat auch die Sendestation selbst erreicht. Entsprechend ist hier schon zwischen 2012 und 2019 ein Verkaufsschild aufgetaucht, was angesichts der Zuordnung der UKW-Stützfrequenzen nicht überraschen konnte.


Seinen Mittelwellen-Großsender zu Geld gemacht hat bereits Family Radio in New York und dabei sogar in Kauf genommen, vorerst mit leeren Händen dazustehen.

Nun erwarb Family Radio eine temporäre Zulassung dafür, die Mittelwelle 1560 kHz von der UKW-Station zu betreiben, die es auch nach dem schon 2012 vollzogenen Verkauf dieser Frequenz nach wie vor besitzt.

Aus rechtlichen Gründen ist bei solchen provisorischen Mittelwellenanlagen ein Viertel der regulären Sendeleistung möglich, in diesem Fall also 12,5 kW. Zur Abstrahlung wird, wenn es überhaupt dazu kommt, jedoch nur eine Behelfsantenne mit schlechtem Wirkungsgrad realisierbar sein.

Angesichts der Lage des Standorts, 20 Kilometer westlich der Stadtgrenze von New York, ist hier also kaum mehr möglich als ein Alibibetrieb, der den sonst nach Ablauf eines Jahres automatisch eintretenden Verlust der Sendelizenz verhindert.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 25.07.2021