Hoffnungslosigkeit

Reporter von RFE/RL melden sich aus Kabul

Seit 2002 betreibt Radio Free Europe / Radio Liberty ein umfangreiches Programm für Afghanistan und hat dort ein entsprechendes Korrespondentennetz aufgebaut. Diese Journalisten melden sich nun in eigener Sache.

RFE/RL: „To be honest, I don’t even know if I have a chance to get out, how I would go to the airport“
© RFE/RL

Auf Twitter ist zu lesen:

„Ich stecke mit meiner Frau und meinem Kind aussichtslos in Kabul fest. Hunderte anderer Journalisten stecken auch fest. Ich habe eine elf Monate alte Tochter. Bitte beten Sie für ihre Sicherheit.“
„Ich habe, seit sich diese Lage in Kabul entwickelt hat, über 100 Interviewanfragen bekommen. Nur eine Handvoll der Journalisten zeigte sich solidarisch. Die meisten bestanden darauf, ihr Interview zu bekommen. Keiner von ihnen sagte, sie würden jemanden anrufen, um mir dabei zu helfen, Kabul zu verlassen!“
„Nach einem Interview zu fragen gehört zu unserer Arbeit, es ist nichts falsch daran. Es wird aber ein wenig unsensibel, wenn Sie dabei ignorieren, wie jemand versucht, seine kleine Tochter und seine Frau vor den Taliban zu schützen. Das Interview kann ihn zum Hinrichtungskandidaten machen. Seien Sie menschlich.“
„Die Taliban haben damit begonnen, von Tür zu Tür zu gehen, um nach Regierungsvertretern, Angehörigen von Sicherheitsbehörden und denen, die für ausländische NGO oder Infrastrukturen gearbeitet haben, zu suchen. In der vergangenen Stunde wurden die Häuser von mindestens drei Journalisten durchsucht. Kabul wird nun tödlich.“
„Viele haben begonnen, die letzten Stunden ihres Lebens in Kabul zu zählen. Niemand weiß, was als nächstes kommt. Betet für uns.“
„Auf dem Kabuler Flughafen sieht es jetzt wie in dem Spielfilm ‚World War Z‘ aus.“
[Bislang letzter Eintrag vom 17.08.2021, 6.01 Uhr MESZ:] „Wir sind okay. Immer noch in der Falle. Immer noch keine Evakuierung.“

[Nachtrag: Auch den 18. August hindurch erschienen keine weiteren Lebenszeichen von diesem Journalisten.]


Von RFE/RL veröffentlicht wurde eine Sprachnachricht:

„Ich weiß nicht, wie lange ich hier sicher sein werde. Mancherorts gehen sie jetzt herum, um Haus für Haus zu durchsuchen. [...]
Einer unserer Kollegen sah, wie die Taliban von Haus zu Haus gingen, um diesen bestimmten Block zu durchsuchen. Sie haben die gesuchte Person vor seinen Augen erschossen, vor der Wohnung, in der sie lebten.
Unsere Kollegen sind fertig. Mental und psychisch geht es ihnen nicht gut. Aber physisch ist ihnen gottseidank bis jetzt nichts passiert.
Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob ich eine Chance habe, herauszukommen und wie ich zum Flughafen gelangen könnte, weil ich mir nicht vorstellen kann, dort hinzufahren, wenn die Taliban auf der Straße sind.“


[Korrektur: Die ursprünglich an dieser Stelle erwähnte Ausstrahlung auf 7600 kHz hat nichts mit der BBC zu tun; dazu siehe hier.]


Der Geschäftsführer der Sendergruppe um Tolo-News in Kabul wiederum hat mit NPR gesprochen:

„Der Präsident hatte sich ja offensichtlich entschlossen, wegzurennen. Seine abrupte, geheime Abreise löste dann den Zusammenbruch des Systems aus. Ironischerweise waren es wir, die diese Nachricht verbreiteten. Und dann war es für die Regierung eben vorbei. Minister verließen ihre Posten, Polizeioffiziere verließen ihre Posten, und so brach alles zusammen.“

Zu der Frage, ob Tolo-News seine Berichterstattung nun in irgendeiner Weise geändert habe, sagte der Geschäftsführer:

„Nein. Das wird passieren, aber nicht jetzt. Aber wie Sie sich denken können, wird es mich nicht überraschen, wenn ziemlich schnell Restriktionen eingeführt werden. [...] Es ist wie eine Konfrontation mit Außerirdischen. Wir wissen nicht, wie sie reagieren werden.“

Zum Vergleich mit der Lage vor zwanzig Jahren:

„Heute haben wir Social Media. Wir haben richtige Medien. Wir haben Satellitenfernsehen. Die Leute haben seit 2001 so viel mehr gesehen, auch die Mitglieder der Taliban. [...] 65 Prozent der [heute lebenden] Afghanen haben nie eine Herrschaft der Taliban erlebt. Ich denke, es wird eine schockierende Erfahrung für sie werden.“

Zu der Frage, ob er Restriktionen im Bereich Social Media erwarte:

„Absolut. Wir unterschätzen die Taliban. Sie sind ziemlich klug. [...] Wenn sie einmal den Staat betreiben, werden sie leistungsfähige Überwachungssoftware beschaffen. Und sie sind sehr transparent, was die Frage betrifft, welche Art von Afghanen sie sehen wollen. Es wird viel restriktiver und konservativer werden. [...]
Eine Schlüsselfrage ist auch, wer sich bei den Taliban durchsetzen wird. Es gibt dort verschiedene Flügel. Sie haben moderate, pragmatische Flügel. Und sie haben harte Ideologen. In den nächsten zwei bis drei Monaten wird sich herausstellen, wer dieses Tauziehen gewinnt.“

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 17.08.2021