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Corona-Deutsch

Ein Kommentar von Jenni Zylka

Corona hat die Welt und die Gesellschaft verändert, darüber sind wir uns wahrscheinlich alle einig. Aber auch unsere Sprache wurde durch die Pandemie nachhaltig geprägt, das behauptet jedenfalls das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache.

Jenni Zylka © imago images/Sven Simon
Jenni Zylka | © imago images/Sven Simon

Die Mannheimer Stiftung, die sich seit den 60er Jahren der Sprachforschung widmet, hat seit der Pandemie über 1500 neue Worte ausgemacht und dokumentiert, mehr als 880 weitere Ausdrücke werden momentan noch geprüft. Auf der veröffentlichten Liste finden sich Wörter wie Herdenschutz, Distanzklausur oder auch Gesichtsschlüpfer. Man hört förmlich schon die romantischen Gedichte, die aus solchen Begriffen entstehen.

Was machen diese Corona-Wörter mit der deutschen Sprache? Dazu ein Kommentar von der Berliner Kulturjournalistin Jenni Zylka.

Jenni Zylka © imago images/Sven Simon
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Was machen diese Corona-Wörter mit der deutschen Sprache?

Ja, gute Frage, die zwingend daran anschließende Frage wäre dann auch noch: Und was machen die Wörter überhaupt mit uns? Denn ich bin ja überzeugte Anhängerin der unter Linguist*innen viel diskutierten so genannten Sapir-Whorf-Hypothese, benannt nach den Ideen des genialen und leidenschaftlichen Hobbylinguisten Benjamin Whorf und seinem Lehrer Sapir, die These besagt, dass Sprache das Denken formt.

Allerdings beziehen die sich tatsächlich eher auf linguistische Strukturen, gar nicht so sehr auf die Semantik also die Inhalte, und dazu muss man ja auch sehen, dass diese vom Leibniz-Institut liebevoll dokumentierten Wörter fast allesamt Neologismen sind, das heißt, es sind keine echten neu gebildeten Worte wie bei Pippi Langstrumpf, wenn sie einen Käfer Spunk nennt. Sondern es werden zwei existierende Worte neu zusammengesetzt, und / oder es wird etwas durch den gesellschaftlichen Kontext neu geprägt.

Die Distanz kennen wir als Wort, Klausuren haben wir auch alle schonmal verhauen, zusammen ergeben die beiden eine Bedeutung, die jetzt in Pandemiezeiten aktuell wurde und durch diese neue Verbindung unsere Situation spiegelt. Genauso wie Impftourist, das ist auch auf der Liste, hat nichts mehr mit dem Urlaub zu tun, sondern ist eher abfällig gemeint. Das heißt dann aber weiter, dass Benjamin Whorfs „Sprache generiert Denken“-These tatsächlich nur bedingt zum Einsatz kommen kann, denn hier geht es eben eher um den Kontext als um Sprachstrukturen, Grammatik und so weiter.

Ich würde als meinerseits schon lange exmatrikulierte Hobbylinguistin jetzt mal vermuten, dass diese neu zusammengesetzten und größtenteils ja auch überhaupt nicht hübschen Begriffe wieder verschwinden, wenn man sie nicht mehr braucht, weil man den Gesichtsschlüpfer hoffentlich bald nicht mehr anziehen muss. Statt Impftourismus haben wir dann wieder den guten alten, umweltzerstörenden total nervigen Pauschaltourismus mit all dem Rollkoffergedöns. Ein von mir gerade erfundener Neologismus by the way. Dennoch bin ich sicher, dass eben weil Corona sich tief in unsere kollektive Erinnerungsmatrize eingefräst hat, diese Worte auch rein psychologisch nicht unwichtig sind, sie spiegeln eben auch Angst und Zweifel und Verschwörungstendenzen und diese ganze Entwicklung wieder, die unsere Gesellschaft in den fast anderthalb Jahren erlebt hat. Dazu die vielen unterschiedlichen Wege, die die Politik beschritten hat, ich glaube so ungefähr gefühlt 70% dieser neuen Worte sind irgendwelche Verbindungen mit dem Wort Lockdown, Brückenlockdown, Lockdownfrise, Lockdownverweigerer und so weiter. Und ich muss Euch ja nicht weiter erklären, dass es wahrscheinlich noch nie in der Beobachtung von durch äußere Umstände entstandene Neologismen so viele Beispiele unter dem Buchstaben Q gab, mein Liebling, selbstredend, der „Quarantini“.

Ich hatte monatelang herrliche „Quarantini Wednesdays“ per Zoom. Insofern denke ich, dass die neuen Begriffe unser Denken und unsere Sprache hoffentlich nicht nachhaltiger prägen, als es die „Quarantinis“ mit meinem Denken und meiner Sprache dann ganz gern kurzfristig tun. Und irgendwann wird der Tag kommen, an dem wir kichernd über diese komischen Wörter sinnieren, die uns mal so leicht von der Zunge gingen. Vielleicht schreiben wir dann wirklich ein paar Gedichte darüber, und als Übung bildet Ihr beide jetzt mal einen sinnvollen Satz aus den Begriffen, ich machs Euch thematisch ganz leicht, Abstandsbier, Coronawampe und Spucktest. Bitte schön. Muss sich nicht reimen.

Ein Kommentar von Jenni Zylka