Nach dem Lizenzentzug - Weitere Entwicklung bei Doshd

„... wurde von einem ausländischen Agenten erstellt und/oder verbreitet.“
Ein Bild aus „alten Tagen“ | © tvrain.ru

Für den nunmehr exilrussischen Fernsehsender Doshd entwickelt sich der spektakuläre Entzug seiner lettischen Lizenz zum völligen Rauswurf aus Riga. Aufhören will man trotzdem nicht.

Doshd hatte sich in Riga beim Privatsender TV3 eingemietet. Dieser hat jetzt die Räume kurzfristig gekündigt und ließ seinen Pressesprecher erklären, keine andere Wahl zu haben.

In der Sache selbst hat Doshd die Vorwürfe der lettischen Medienanstalt NEPLP weitgehend zurückgewiesen (siehe Mitschnitt und Übersetzung) und in einem Fall implizit als Lüge eingestuft. Das betrifft eine angeblich gezeigte Wetterkarte mit Darstellung der Krim als russisches Staatsgebiet: Man habe seit 2014 schlicht keine Wettervorhersagen mehr im Programm.

Seinerzeit hatte – und daran fühlen die Mitwirkenden sich jetzt ausdrücklich erinnert – Doshd seine zentrale russische Lizenz verloren. Dabei ging es um ein Thema, bei dem auf russischer Seite gerade versucht wird, es in den Vordergrund zu rücken: Die Leningrader Blockade.

Nach längerem Totalausfall ist nun der eigene Internetauftritt tvrain.ru wieder aktiv, auch mit einem Stream des nach wie vor ausgespielten linearen Programms. Dabei präsentiert sich der Sender im Seitenkopf jetzt mit der englischen Namensfassung „TV Rain“.

Das dafür verwendete Logo enthält die bekannten drei diagonalen Striche, im Original der stilisierte Buchstabe Ж. In traditioneller ostdeutscher Wiedergabe wird (ähnlich wie in englisch-internationaler Umschrift) dieser Buchstabe mit Rücksicht auf seine Aussprache differenziert von Ш, dem russischen Gegenstück zum deutschen „Sch“.

Stand vom 28.12.2022



Bericht vom 9. Dezember 2022:

Der Lizenzentzug ist auch eine Reaktion auf Appelle aus der Ukraine, wo die Weiterverbreitung von Doshd bereits seit 2017 verboten ist. Irritiert äußerten sich Reporter ohne Grenzen und das Team Nawalny.

Unmittelbarer Auslöser des Schrittes war eine zweideutige Moderation. Als Panikreaktion beendete Doshd fristlos die Zusammenarbeit mit diesem Redakteur. Darauf verließen die Moderatorin einer Wirtschaftssendung und zwei weitere bekannte Mitarbeiter von sich aus den Sender, da Doshd seine eigenen Werte verraten habe.

Die Panik dürfte dabei umfassenderer Art sein: Wie der lettische Verteidigungsminister Artis Pabriks sagte, sei auch ein Widerruf der Visa bereits eingeleitet worden. In seinen Worten solle das Doshd-Team „nach Russland zurückgehen“. Auch das entspricht ukrainischen Vorstellungen.

Die Gründerin des Senders, Natalja Sindejewa, zeigte sich in einer Art Interview unter Schock. Sie „bedauere alles“ und sagte weiter, man habe „viele dumme Fehler gemacht“, indem Entscheidungen rein emotional getroffen wurden.

Da Interviewanfragen schon im Frühjahr unbeantwortet blieben, kann hier nur dahingestellt bleiben, warum man sich überhaupt für Riga entschieden und so in die Sackgasse manövriert hat. Die immer kritischere Haltung der dortigen Behörden ist allerdings auch eine relativ neue Entwicklung.

Zunächst stand wohl Berlin zur Wahl, wo nun auch tatsächlich ein Ersatz für Echo Moskwy arbeitet. Bei Doshd scheiterte das nach damaliger Darstellung an nicht kurzfristig erhaltenen Arbeitsvisa.

Youtue: Kotrikadse i DsjadkoErste Lebenszeichen aus Tiflis

Den Betrieb in Moskau hatte der – zufälligerweise gerade durch einen Dokumentarfilm bekannt gewordene – Sender wegen des eskalierenden Drucks der Behörden am 3. März eingestellt und seine Zentrale anschließend geräumt.

Erste Lebenszeichen kamen danach aus Tiflis. Von dort aus legte die Journalistin Jekaterina Kotrikadse großen Wert auf ihre Feststellung, es sei nicht wahr, dass der größte Teil der Russen die „Sonderoperation“ unterstützt. Man könne sehen und fühlen, dass das nicht stimmt.

Nach dem Erwerb der lettischen Lizenz erschien zunächst wieder ein Sendesignal entsprechend der alten Distributionsstrategie, mit Satellitenübertragung in einem verschlüsselten, zur (nach wie vor bestehenden) russischen Marktpräsenz von Discovery gehörenden Paket auf dem Astra 5B.

Dort wurde Doshd am 30. November abgeschaltet. Neu war eine unverschlüsselte Übertragung auf der ukrainisch-baltischen Direktempfangsposition 4,8° Ost, die wohl ebenfalls hauptsächlich als Kabelzuführung gedacht war.

Dabei fiel zumindest anfangs eine Beibehaltung von Konformität mit russischem Recht auf: Im Programm prangten erneut (Abbildung) die Warnhinweise vor dem Material „ausländischer Agenten“, deren behördlich vorgegebener, extremer Ausmaß wohl gezielt Zuschauer vergrämen sollte.

Online anschauen konnte man sich das auch schon vor dem Lizenzentzug nicht mehr. Der Internetauftritt tvrain.ru ist nur noch eine leere Hülle, die allerorts meldet: „Das angeforderte Material wurde nicht gefunden.“

Damit verbleibt die Präsenz auf Youtube. Sie ist auch in Russland ohne weiteres zu sehen. Alle Unkenrufe über eine Sperrung der Videoplattform haben sich bis heute nicht bewahrheitet, obwohl kremlkonforme Medienhäuser von Google keineswegs einen Freifahrschein bekommen.

Laut Natalja Sindejewa führt der Entzug der Sendelizenz vor allem zum Verlust der mit der Kabelverbreitung erzielten Einnahmen. Diese seien nicht mehr sehr groß gewesen. Sindejewa nannte ohne Angabe des Bezugs die Zahl „20 Prozent“.

 

Beitrag von Kai Ludwig