Indien

Rajkot 1071 kHz wieder analog

Neben China könnte ein weiteres Land mit mehr als einer Milliarde Einwohner erneut in Reichweite mitteleuropäischer Autoradios gerückt sein, sofern sie noch für AM-Empfang eingerichtet sind: Der Hochleistungssender bei Rajkot, im Westzipfel von Indien, wird wieder zur analogen Programmverbreitung genutzt.

Rajkot
© University of Texas

Offen bleibt noch die Frage nach den Sendezeiten. Bestätigt ist der Einsatz für Auslandssendungen nach Pakistan zunächst nur von 6.00 bis 9.45 und von 11.30 bis 15.30 Uhr MESZ.

Sollte das alles sein, braucht man sich mit diesem Thema nicht weiter zu befassen. Die in der letzten Phase des jetzt aufgegebenen Digitalbetriebs angegebenen Sendezeiten entsprachen allerdings 3.30 bis 16.30 Uhr MESZ, was im Winter (dann entsprechend ab 2.30 und bis 15.30 Uhr MEZ) doch interessant wäre.

Die Sendestation bei Rajkot war 1971 für den Auslandsdienst von All India Radio in Betrieb gegangen. Deshalb erhielt sie eine Viermastantenne, deren gebündelte Strahlung in den ersten Jahren, als bei hiesigen Rundfunkstationen noch nächtliche Sendepausen üblich waren, in mitunter spektakulärer Weise bis nach Mitteleuropa durchkam.

Die ursprüngliche Senderanlage stammte von Radio Industrija Zagreb. Sie bestand aus zwei Blöcken mit jeweils 500 kW Leistung und ähnelte der seinerzeit von RIZ auch zum Bayerischen Rundfunk nach Ismaning bei München gelieferten, dort bis 1994 betriebenen Technik.

1991 reihte sich der Hochleistungssender Rajkot in den „Club“ der Sendeanlagen ein, deren Antennen in Flugunfälle verwickelt wurden. Bis zum Wiederaufbau des zerstörten Mastes war nur noch ein Rundstrahlbetrieb möglich, indem zwei der verbliebenen Masten geerdet blieben.

Darüber hinaus konnte ab 1994 nur noch einer der Senderblöcke betrieben werden, da für die mittlerweile vom Hersteller abgekündigte Technik keine Ersatzteile mehr zu erhalten waren. 2003 kam der Sendebetrieb zunächst ganz zum Erliegen.

Als schon kaum noch jemand daran glaubte, ging die Sendeanlage 2012 doch noch einmal in Betrieb. Möglich machte das der Einbau neuer Technik, und zwar dreier Senderblöcke französischer Bauart, wie sie jetzt unter anderem auch noch in Polen (225 kHz) und Nordmazedonien (810 kHz) im Einsatz sind.

Da somit wieder volle 1000 kW abgestrahlt werden konnten, wiederholte sich hierzulande das Spektakel der 70er Jahre. Heute ist die Frequenz dafür nicht mehr nur nachts offen: Auf 1071 kHz sind in Europa inzwischen nur noch zwei Füllsender in Großbritannien aktiv.

Nach dem Projekt Rajkot realisierte der Lieferant auch noch die Neuausstattung einer für Auslandssendungen nach Bangladesch bestimmten Sendeanlage bei Kalkutta. Sie ist auf 594 kHz ebenfalls weiterhin im Einsatz. In Europa kommt davon natürlich nichts mehr an.

Anders verhielt sich das beim dritten Sender der Megawattklasse, den All India Radio bei Nagpur aufgebaut hatte. Diese Sendeanlage war dafür bestimmt, von ihrem zentralen Standort aus das Land auf der hohen Frequenz 1566 kHz mit einem Nachtprogramm zu versorgen.

Hier kam es möglicherweise schon zu keiner Modernisierung mehr. Ihre vollen 1000 kW soll die Sendeanlage seit den späteren 90er Jahren nicht mehr erreicht haben, und in der Tat war seitdem von ihr in Europa kaum noch etwas zu hören (bei günstigen Empfangsbedingungen macht sich stattdessen nun gleich ein Sender aus Südkorea bemerkbar).

Nun ist der Sender Nagpur ganz außer Betrieb. Das zentrale, als „National Channel“ bezeichnete, in dieser Form 1987 gestartete Nachtprogramm wurde – nicht nur auf 1566 kHz, sondern insgesamt – in der Nacht zum 10. Januar 2019 letztmals ausgestrahlt.

Wenn auf 1566 kHz trotzdem noch indische Klänge zu hören sind, kommen sie aus viel geringerer Entfernung, nämlich von einem Kleinsender in den Niederlanden.

Vom Auslandsdienst wiederum sind bei All India Radio seit 2020 insgesamt nur noch Reste übrig. Eingestellt ist und bleibt insbesondere das englische Programm.

Beim verbliebenen Angebot auf Kurzwelle gibt es immer wieder Änderungen der Sendezeiten und Frequenzen, so zuletzt erst am 5. Juli. Hier das damit eingeführte Schema; weitere Änderungen gehen jeweils aus dieser Seite hervor:

01.45-03.15 Uhr: 15050 kHz; Chinesisch
03.00-03.30 Uhr: 7380 kHz; Sindhi
03.00-04.30 Uhr: 9910* kHz; Tibetisch
03.30-04.30 Uhr: 13710 kHz; Indonesisch
03.45-06.15 Uhr: 11560 kHz; Nepales., Burmes.
05.00-08.00 Uhr: 9950* kHz; Belutschi, Dari
06.00-08.30 Uhr: 15030 kHz; Farsi, Arabisch
06.30-08.00 Uhr: 11560*, 15285 kHz; Paschtunisch
11.00-12.30 Uhr: 9910*, 11560*, 15030 kHz; Nepal.
12.30-14.00 Uhr: 15050 kHz; Chinesisch
12.45-14.15 Uhr: 9950*, 11560* kHz; Tibetisch
14.15-15.15 Uhr: 15030 kHz; Suaheli
14.30-16.00 Uhr: 11560 kHz; Paschtunisch
14.30-17.00 Uhr: 9950* kHz; Belutschi, Dari
18.00-22.30 Uhr: 9620 kHz; Farsi, Arabisch, Digitalsdg.

Die mit einem Stern markierten Frequenzen kommen aus der Sendestation Delhi/Kingsway, die anderen Frequenzen aus der Station bei Bangalore, die zwar mit moderner Technik ausgestattet, jedoch nur mit schlechten Übertragungsleitungen angebunden ist.

Alle anderen Kurzwellenanlagen des Auslandsdienstes sind mittlerweile stillgelegt. Zuletzt geschah das zum Ende des Jahres 2020 mit der Station Aligarh bei Delhi, die einst für ihre Ausstrahlungen nach Europa bekannt war.

Mit einer Ausnahme stillgelegt sind inzwischen auch die rund 30 regionalen Kurzwellen, die es bei All India Radio einst gab. Zuletzt traf es zum Jahresende 2021 den Standort Jeypore sowie den Sender Srinagar in Kaschmir. Zugleich eingestellt wurde auch ein Sonderprogramm für Kaschmir, das seit 2003 für drei Stunden am Tag aus Delhi-Kingsway kam.

Die eine jetzt noch verbliebene Ausnahme befindet sich ebenfalls in Kaschmir, und zwar in Leh. Dabei fallen Sendeleistung (wohl nur noch wenige Kilowatt) und Sendezeiten inzwischen sehr bescheiden aus.

Für Empfangsversuche in Europa kommt von vornherein nur die Nachtfrequenz 4760 kHz in Betracht. Sie soll jetzt noch von 4.10 bis 6.30 und von 13.30 bis 19.00 Uhr MESZ, im Winter dann voraussichtlich von 2.55 bis 5.30 und von 12.30 bis 17.30 Uhr MEZ zum Einsatz kommen.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 18.07.2022