Mittelwelle

Sender aus Berlin-Britz jetzt wohl in Buenos Aires

Am 11. August 2020 hatte La 990 – Radio de Verdad in Buenos Aires seine Hauptmittelwelle mit einer neu eingebauten Telefunken/Transradio-Senderanlage auf 100 kW verstärkt. Diese Anlage ist gebraucht erworben worden. Dazu erschien in Argentinien auch eine Nennung des vorherigen Betreibers: „Radio Sender Berlin“.

TRAM/P 100
Steuereinheit des Senders 990 kHz in Berlin-Britz | © Kai Ludwig

Wie es weiter hieß, sei der jetzt von La 990 für seine Mittelwellenstation übernommene Sender vom Lieferanten umfassend überholt worden und damit neuwertig.

Vertraut man auf die Nennung von Berlin, dann führt die Spur nach Britz: Es dürfte sich um jenen Sender handeln, den das Deutschlandradio hier bis 2013 betrieben hatte; zufälligerweise auch schon auf 990 kHz.

Als kleine Unstimmigkeit bleibt die jetzige Angabe des Sendertyps als „TRAM-100“. Die exakte Bezeichnung in Britz lautete TRAM/P 100. Der zusätzliche Buchstabe kennzeichnete die Konfiguration aus zwei unabhängigen Senderblöcken und einer Koppelstufe.

Von rechts nach links gesehen folgte der Steuereinheit diese Koppelstufe. Daneben waren die beiden Einzelsender á 50 kW aufgebaut. Die Schränke ganz links enthielten einen dritten Sender mit 25 kW AM-Trägerleistung, der von 2003 bis 2012 ein Digitalsignal auf 855 kHz abstrahlte.

TRAM-Senderanlage in Berlin-Britz
© Kai Ludwig

Ihren Platz fand die TRAM-Senderanlage in jenem Raum, in dem sich der 300 kW starke Sender befand, zu dessen Inbetriebnahme im Jahre 1953 Ernst Reuter persönlich erschienen war.

1980 erhielt das Sendergebäude einen Anbau, in dem schrittweise neue Sender für die beiden Mittelwellen sowie die Kurzwelle 6005 kHz Einzug hielten. Der Sender von 1953 hatte damit ausgedient.

Mitte der 90er Jahre waren noch Reste der alten, in klassischer Weise mitten im Raum aufgebauten Endstufe vorhanden. Auch 2013 ließ sich deren Standort immer noch am abweichenden Fußbodenbelag erkennen.

Ursprünglich hinter diese alte Endstufe gequetscht wurde 1988 der nächste technologische Schritt: Ein Transistorsender der ersten Generation (Nautel Ampfet) mit 100 kW für die RIAS 2-Mittelwelle 855 kHz. Zu diesem Zeitpunkt waren die damaligen 300 kW der RIAS 1-Frequenz 990 kHz eine noch der Röhrentechnik vorbehaltene Leistungsklasse.

Mittelwellensaal in Berlin-Britz am letzten Sendetag
© Kai Ludwig

Neben diesem Senderraum befand sich der Leitplatz und bot einen Anblick, auf den mancher eintretende Besucher mit Heiterkeit reagierte: Die vorhandenen Uhren für Weltzeit und USA gingen aus unerfindlichen Gründen beide (also nicht einfach der Sommerzeit geschuldet) eine Stunde vor.

Unter „USA“ verstand sich natürlich unausgesprochen die Ostküstenzeit. Das weckte Erinnerungen an den letzten Intendanten des RIAS, Helmut Drück, der bis 2006 die Voice of America in Berlin vertreten hatte.

Als National Public Radio als letztlich erfolgreicher Mitbewerber auftrat, führte Drück einen aus seiner Sicht bestehenden Vorzug der VOA ins Feld: Deren Sicht auf die USA beschränke sich nicht auf die Metropolen der Ostküste ...

Leitplatz Sender Berlin-Britz
© Kai Ludwig

Die Mittelwelle 990 kHz war die letzte in Britz verbliebene Ausstrahlung. Die Signale auf den Kurzwellen 6005 und 6190 kHz verschwanden 2007 bzw. 2012 durch Havarien.

Ebenfalls 2012 beendete das Deutschlandradio den Versuch, digitale Ausstrahlungen auf Mittelwelle zu etablieren. Zugleich zog die Ausstrahlung auf UKW 89,6 MHz, die bis zuletzt ebenfalls noch auf der „Anwesenheitskontrolle“ in Britz erschien, zum Fernsehturm um.

Berlin-Britz: Aussteuerungsanzeigen für UKW 89,6 MHz (Fernsehturm) und Mittelwelle 990 kHz (eigene Ausstrahlung)
© Kai Ludwig

Als schließlich die finale Einstellung des Sendebetriebs in Britz anstand, hatte das Deutschlandradio noch die Idee, aus der Abschaltung der Mittelwelle 990 kHz eine Presseveranstaltung über sein DAB-Engagement zu machen.

Folglich verschwand das Signal, indem der damalige Intendant Willi Steul, umringt von Fotografen, am 4. September 2013 um 11.38 Uhr den Notaus-Taster an der Steuereinheit des Senders betätigte.

Für die anderen Interessenten an ihren Lautsprechern gab es – und das mag charakteristisch für die deutsche Medienpolitik und ihre Begleitung sein – noch eine kurze Erwähnung in den Kulturnachrichten. Einige Zeit später brach dann mitten im Wort der Träger ab.

Berlin-Britz: Abschaltung 990 kHz als Medienevent
© Kai Ludwig
Willi Steul am Notaus-Taster; links einer der beiden Senderblöcke, hinter der Glastür die Verstärkermodule mit jeweils eigenen Kontroll-LED
© Kai Ludwig

Zu diesem Zeitpunkt war der Südostmast der Sendestation Britz bereits verschwunden. Er ist 2012 mit dem Wegfall der digitalisierten Mittelwelle 855 kHz demontiert worden, und zwar noch gewissenhaft per Kran.

Nach der völligen Einstellung des Sendebetriebs war man beim Nordwestmast dann nicht mehr zimperlich: Er wurde 2015 gesprengt.

Wie bei seinem Zwilling wirkte auf Mittelwelle auch hier der gesamte Mast als Antenne. Er stand deshalb auf einem isolierenden Porzellankörper. Eingespeist wurde die Sendeenergie aus einem Antennenhäuschen. Gesondert herangeführt waren die Speiseleitungen von den UKW-Sendern, deren Strahler mit an diesem Mast montiert waren.

Nordwestmast Berlin-Britz mit Mittelwellen-Antennenhaus, Speiseleitung von den UKW-Sendern und Stromversorgung der Mastbefeuerung
© Kai Ludwig

Im Antennenhaus befand sich eine Schaltung aus regelbaren Spulen und Kondensatoren, mit denen die Einspeisung auf die Eigenschaften des Mastes abgestimmt wurde.

Diese Anordnung stammte aus den Zeiten der ersten Sender und erinnerte deshalb an das Erscheinungsbild von deren Endstufen. Hier handelte es sich aber um eine rein passive Schaltung, also keinen Verstärker. Deshalb gab es hier auch nach Jahrzehnten nichts zu modernisieren.

Interview mit Deutschlandradio-Intendant Willi Steul im Antennenhaus des Nordwestmastes der Sendestation Berlin-Britz
© Kai Ludwig

Nach der Abschaltung des Senders bot der Raum noch eine attraktive Kulisse für ein Interview mit Willi Steul.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 05.02.2021