Ein weiterer Blick auf das Thema - Youtube und Al Jazeera

Shireen Abu Akleh: ‘Assassinated in cold blood’: Dieses Video hat eine Altersbeschränkung und ist nur auf Youtube verfügbar.
Die gesperrte Sendung vom 14.05.2022 | © aljazeera.com

Im vergangenen Mai fiel eine von Youtube vorgenommene Beschränkung des Zugriffs auf die Mediensendung von Al Jazeera auf. Wie sich noch zeigte, ist dieses Thema etwas umfangreicher und komplexer.

Bei der Mediensendung traf es nach der Ausgabe vom 14.05.2022 auch die folgende vom 21.05.2022.

Der von Youtube eingeblendete Verweis auf Jugendschutzgründe ist nicht nachvollziehbar. Zwar stellte Al Jazeera der ersten betroffenen Ausgabe selbst einen Warnhinweis voran. Tatsächlich enthält aber auch diese Sendung regelmäßig Bildmaterial, das deutlich verstörender ist als das in diesem Fall gezeigte Standfoto.

Uneingeschränkt abrufbar war erst wieder die Sendung vom 28.05.2022, in der sich die scharfe Kritik „nur noch“ gegen Deutschland richtete. Diese Ausgabe ging auch auf die von Youtube vorgenommenen Beschränkungen ein. Demnach entsprechen die eingeblendeten Hinweise den Begründungen, die Al Jazeera selbst erhielt.

Dabei sind die Einschränkungen offenbar nicht überall von der Art wie in Deutschland, wo die betreffenden Videos lediglich für eingeloggte Inhaber eines Youtube-Kontos zugänglich sind. Der Produzent von Al Jazeera zeigte, mutmaßlich von London aus, dieses Bild:

The following content has been identified by the YouTube community as inappropriate or offensive to some audiences.
© Al Jazeera

Anscheinend kann man, im Gegensatz zu der Beschränkung in Deutschland, über die Schaltfläche auf dieser Hinweisseite auch ohne Youtube-Konto zu dem Video gelangen.

So verhält es sich zumindest in den USA, wo ein ähnlicher Hinweis auf „möglicherweise unangemessene“ Inhalte erscheint, in diesem Fall allerdings ohne Verweis auf eine „Identifizierung durch die Youtube-Gemeinschaft“:

This video may be inappropriate for some users.
© Kim Andrew Elliott

Als Lösung empfahl der Produzent, in künftigen Fällen die Berichterstattung von Al Jazeera auf anderen Wegen zu verfolgen.

Mit keinem Wort ging er auf die Frage ein, warum sich die Mediensendung „The Listening Post“ jetzt freiwillig von der Drittplattform Youtube abhängig macht. Bis Ende 2021 stellte Al Jazeera diese Sendung auch über das eigene, für andere Produktionen weiterhin genutzte Abrufvideo-System zur Verfügung.

Stand vom 31.07.2022


25.02.2021: Right Now with Stephen Kent S1E1
Der erste Beitrag von „Rightly“ | © Youtube

Von vornherein auf Youtube zugeschnitten war ein im Februar 2021 gestartetes Produkt, mit dem Al Jazeera anscheinend versucht hatte, auch das politisch rechte Spektrum in den USA anzusprechen.

Vom Start dieses Formats mit dem Titel „Rightly“ erfuhr die Redaktion des englischen Programms erst aus der Zeitung und reagierte entsetzt. Ein Protestschreiben an die Geschäftsführung sprach von einem „Affront“, der „die Marke irreparabel beschädigen“ werde, und einem „Verrat an der Mission des Senders“.

Auf dieses Thema war „The Listening Post“ nur knapp eingegangen, und auch das in einer zurückhaltenden Weise, die im Vergleich mit der sonstigen Meinungsfreudigkeit dieser Sendung durchaus auffiel.

Was Al Jazeera mit „Rightly“ überhaupt erreichen wollte, blieb unklar. Im Dezember 2021 wurde das Format jedenfalls wieder eingestellt. Auch dessen Gestalter erhielten dazu nur einen vagen Verweis auf „Budgetgründe“.

Damit beschränkt sich Al Jazeera in den USA wieder auf das Digitalformat „AJ+“. Es ist eine bescheidene Weiterführung des US-Programms, das Al Jazeera wegen schlechter Einschaltquoten 2016 abrupt eingestellt hatte.

IIeana Ros-Lehtinen
Die heutige Lobbyistin als Abgeordnete bei einem Besuch von Radio/TV Martí | © Büro Ros-Lehtinen

Das verbliebene Digitalformat von Al Jazeera soll – und das wurde während dessen kurzer Existenz auch auf „Rightly“ ausgedehnt – in den USA als „ausländischer Agent“ eingestuft werden.

Eine maßgebliche Rolle spielt dabei IIeana Ros-Lehtinen, eine frühere Abgeordnete des Repräsentantenhauses, die sich 2018 aus der Politik zurückgezogen hat und nun als Lobbyistin für die Vereinigten Arabischen Emirate tätig ist. Mother Jones beschreibt das so:

„2020 schrieb sie einen Bericht, der behauptete, die katarische Regierung, die ebenfalls [wie die Emirate] eine Autokratie ist und Al Jazeera finanziert, kontrolliere die Berichterstattung des Senders. (Al Jazeera bestreitet das.) Der Bericht enthält Sätze wie ‚Katar nutzt Al Jazeera, um die Hamas zu fördern‘. [...]
Das wirkte. Im September 2020 gab das Justizministerium von Bill Barr der in den USA angesiedelten Social-Media-Abteilung von Al Jazeera, AJ+, die Anweisung, sich zu registrieren. Das Schreiben schien an mindestens einer Stelle direkt aus dem Bericht von Ros-Lehtinen entnommene Wortlaute zu enthalten.
Die Anweisung übernahm auch die Kritik des Berichts an der politischen Ausrichtung von Al Jazeera: Artikel von AJ+ würden ‚eine positive Sicht auf den Iran einnehmen‘ sowie ‚die Palästinenser unterstützen und die Unterstützung der USA für Israel in Frage stellen‘. [...]
Was auch immer man von Al Jazeera und seinen redaktionellen Entscheidungen halten mag: Es besteht kaum ein Zweifel, dass der Schritt, es zu einer Registrierung als Agent von Katar zu zwingen, von einer Agentin der Vereinigten Arabischen Emirate beeinflusst wurde. Das stinkt zum Himmel.“

 

Autor: Kai Ludwig