Album der Woche

Comfort To Me von Amyl And The Sniffers

"Comfort To Me" heißt das zweite Album der Australier, die 2019 mit ihrem Debüt eingeschlagen sind wie eine Bombe. Für Amy Taylor, die Frontfrau der Band, lässt sich ein Vergleich finden, der so treffend ist wie ungenau: Sie ist eine Mischung aus Wendy O. Williams und Dolly Parton.

Comfort To Me von Amyl & The Sniffers
Comfort To Me von Amyl & The Sniffers | © Rough Trade/Beggars Group

Von beiden Ikonen ist sie auch begeisterter Fan. Die drei Herren ihrer Band stammen, wie sie selbst auch, aus den ländlichen Regionen Australiens. Man wohnte zusammen und beschloss 2016 in einem Melbourner Pub eine Band zu gründen, um passenderweise Pub-Rock und Punk zu machen. Die ersten beiden EPs sind innerhalb von 12 Stunden entstanden und genauso roh klang die Musik der Autodidakten dann auch. Ihr Look lehnt sich ebenso wie die Musik an den Stil der Sharpies an. Einer punkigen und rockigen Jugendkultur der 60er und 70er Jahre in Melbourne. Mit deren Drogenmissbrauch und Ganggewalt will die Band aber nichts zu tun haben. Sie beschränken sich vor allem auf den Look: Das heißt auf High Waisted Jeans, Pickup-Trucks, ausgewaschene Metal-Shirts und auf ausgereifte Vokuhila-Frisuren!



Das mitunter Vulgäre ihrer Auftritte und Songtexte gehöre einfach zum ausgestellten Bekenntnis der Band zur Arbeiterklasse. Ihre Konzerte sind eine lärmende, schweißtreibende Angelegenheit, bei der Amy Taylor wie ein Derwisch über die Bühne tobt und mitunter auch in den Moshpit geht. Ihr erstes Album 2019 wurde produziert vom Sheffielder Urgestein Ross Orton, eine Vermittlung ihres Labels Rough Trade und das brachte ihnen eine ziemlich große Fanschar in UK ein. So sind auch die Sleaford Mods begeistert, die Amy gleich als Gast-Shouterin auf ihr letztes Album "Spare Ribs" einluden. Amy ist auch eindeutig der Dreh- und Angelpunkt ihrer Band. Sie hält alle Songs mit ihren ausgespuckten, sprech-gesungenen Texten zusammen. Das ist auch auf dem neuen Album „Comfort to me“ so, das der australische Produzent Dan Luscombe produziert hat, den man von Courtney Barnett und Ariel Pink kennen kann. Gemixt wurde das Album von Nick Launay (Nick Cave, Idles, Yeah Yeah Yeahs) und gemastert von Bernie Grundman (Michael Jackson, Dr. Der, Prince).

"Ich will doch einfach nur in den Pub" und "Freaks to the Front" spuckt Frontfrau Amy Taylor in Rage unter dem infernalen Gitarrenlärm ihrer Band ins Mikro. So weit, so bekannt vom Debüt. Es geht der Australierin um Selbstbehauptung und um Selbstermächtigung im Trotz gegen Sexismus. Doch es geht auch vermehrt um Selbstvergewisserung. Die ausgiebige Welttour hat Spuren hinterlassen. Auch im versierteren Spiel der Autodidakten.

Claudia Gerth, radioeins