Wohnhaus, Atelier und Kino

Tilsiter Lichtspiele

in Friedrichshain

Die Tilsiter Lichtspiele waren eines der ersten Kinos in Berlin und haben eine bewegende Geschichte vorzuweisen. 2024 ist das Kino so lange geöffnet, wie es zuvor geschlossen hatte – 30 Jahre.

Tilsiter Lichtspiele
Tilsiter Lichtspiele | © W. Gladow

Gelegen im Erdgeschoss eines Altberliner Wohnhauses, hat das Kino seit 1908 eine wechselhafte Geschichte erlebt. Ursprünglich in privatem Familienbesitz befindlich, musste der letzte Betreiber 1961, zu DDR-Zeiten, seine letzte Vorstellung geben, als im gleichen Jahr die Berliner Mauer errichtet wurde. 30 Jahre lang stand das Kino anschließend leer. Die Projektoren seien Anfang der 1960er Jahre von einem film- und kinobegeisterten sowjetischen Offizier abgebaut worden. Bei seiner Rückkehr in die russische Exklave Kaliningrad habe er die Maschinen mitgenommen, um damit in dem ehemaligen Tilsit ein Kino aufzubauen.

Drei Jahre lang hatten die drei Filmschaffenden das leerstehende Kino als Atelier, Spielplatz und Versteck genutzt. Nach über 30 Jahren, in denen das Kino leer stand, nutzten drei Filmschaffende das Kino zunächst als Atelier. Am 18. Februar 1994 eröffnete eine Gruppe junger Künstler, der in den Wendejahren das Kino als konspirative Adresse diente - Spielplatz, Versteck, Atelier und Ort für Verschwörungen zugleich - das Kino wieder. Die drei Filmschaffenden hatten mit der Eröffnung des Kinos mit dazugehöriger Kneipe, die ihr Bier aus eigener Brauerei bezieht, großen Erfolg. Seit 2015 werden in einem zweiten, kleineren Saal ebenfalls Filme präsentiert. Das Kinoprogramm umfasst Arthouse- und Independent-Kino in Originalfassungen mit deutschen Untertiteln und deutsches Kino, vor allem Filme aus Berlin. Darüber hinaus wird Kinderkino mit Kinder- und Jugendfilmen und ein umfangreiches Dokumentarfilmprogramm angeboten. Jeden Monat finden in den Tilsiter Lichtspielen Filmkonzerte unter dem Titel „film in sounds. acoustic cinematic experiments“ statt.

Tilsiter Lichtspiele 1961
Tilsiter Lichtspiele im August 1961 | © W. Gladow


Zu verdanken hat das Kino seinen Namen der an Tilse und Memel gelegenen ostpreußischen Stadt Tilsit, nach der 1883 eine von vielen Berliner Straßen erstmalig einen Namen anstelle einer Nummer erhielt - die Tilsiter Straße im späteren Stadtteil Friedrichshain. Noch später wurde es dann üblich, Straßen regelmäßig umzubenennen, so erhielt 1969 die Tilsiter ihren heutigen Namen Richard-Sorge-Straße. 1946 wurde ein Drittel Ostpreußens von den Sowjets zum Kaliningradskaja Oblast erklärt und in die UdSSR eingegliedert, Tilsit wurde in Sowjetsk umbenannt.