Kino statt Kuchenherstellung

Brotfabrik Kino

in Weißensee

Ein Kino in einer ehemaligen Brotfabrik zaubert ein ganz besonderes Ambiente für die Zuschauer. Seit mehr als 30 Jahren begeistert Dr. Claus Löser die Besucher des Brotfabrik Kinos mit einem abwechslungsreichen und anspruchsvollen Programm aus aktuellen und historischen Filmen.

Brotfabrik 2020
Brotfabrik | © radioeins

Das Brotfabrik Kino ist ein Teil der Brotfabrik in Berlin-Weißensee. Neben dem Kino beherbergt das Kunst- und Kulturzentrum eine Galerie, ein Inkulsivatelier, eine Bühne und eine Kneipe mit mehreren Salons. Das Programmkino gehört zu den Gründungsprojekten der Brotfabrik und ist seit 1990 in Betrieb.

Dr. Claus Löser, Leiter des Brotfabrik Kinos, kommt aus einer Kinofamilie in Sachsen. Seine Verwandten betrieben in den 1930er Jahren bis zum Ende des zweiten Weltkriegs ein Kino in Chemnitz. Löser gründete in der DDR einen Filmclub und arbeitete als Filmvorführer, bevor er in Potsdam Film studierte. Sein ausgeprägtes Interesse an Filmen führe 1990 dazu, dass er mit anderen Kulturinteressierten die Brotfabrik gründete. Nach der Wende lag es Löser am Herzen Kino zu machen und Filme zu zeigen, die in der DDR nicht gezeigt wurden. Schon als Filmstudent leitete er das Kino in der Brotfabrik und gestaltete das Programm.

Brotfabrik 1990
Brotfabrik 1990 | © Glashaus e.V.

Vielseitiges Kinoprogramm

Das Brotfabrik Kino wurde als eines der ersten unabhängigen Programmkinos im Ostteil Berlins gegründet. Zunächst standen vorrangig Filme auf dem Spielplan, die aus Gründen der Zensur nicht in der DDR gezeigt werden konnten, berichtet Löser. Diese Filme erfreuten sich eines enormen Zulaufs. Später beinhaltete das Programm eine Mischung aus Klassikern der Weltfilmkunst und aktuellen, künstlerisch anspruchsvollen Werken. Wenig später kamen Uraufführungen von deutschen Produktionen hinzu, die von jungen, unangepassten Filmemachern gedreht worden waren und die anderswo nur schwer ihren Weg auf die Leinwand fanden.

Auch bei der Gestaltung des aktuellen Programms legt Löser großen Wert auf ein unabhängiges Filmangebot, bestehend aus neusten Spiel- und Dokumentarfilmen, ergänzt durch filmhistorische Sonderveranstaltungen, Vorträge, Lesungen, besondere Filmreihen und -festivals. Die Kinoleinwand in der Brotfabrik wurde zunehmend zu einem Podium, auf dem junge Filmemacherinnen und Filmemacher ihre eigenen oder andere Arbeiten vorstellen und zur Diskussion stellen können. Viele Filme, die in der Brotfabrik ihre Premiere feierten, bekamen im Nachhinein zahlreiche Auszeichnungen auf Festivals.

Engagement auch über die Leinwand hinaus

Das Pflegen der Filmgeschichte liegt Löser am Herzen. Nicht zufällig befindet sich das Haus am Caligariplatz. Namensgeber ist „Das Cabinet des Dr. Caligari“, ein deutscher Spielfilm von Robert Wiene aus dem Jahr 1920 - ein Meilenstein in der Filmgeschichte. Dieser Film wurde 1919 in Weißensee gedreht. Die Benennung des Platzes geht auf eine Initiative der Brotfabrik zurück, die am 2. Januar 2001 startete. Mehr als ein Jahr später, im Herbst 2002, wurde der vorher namenlose Platz mit einem kleinen Festakt als Caligariplatz benannt. „Es ist nicht der erste nach einer Filmfigur benannte Platz in Deutschland. Aber bestimmt der erste Platz, der nach einem Bösewicht benannt wurde“, sagt Löser. Immer wieder werden im Kino Stummfilme gezeigt, um an die Tradition des frühen deutschen Films zu erinnern.

Auch in der Berliner Kulturlandschaft engagiert sich Claus Löser mit dem Brotfabrik Kino. Durch die Zusammenarbeit mit internationalen Kulturinstituten, beispielsweise dem Institut Français, dem Deutsch-Bulgarischen Forum, der Deutsch-Namibischen Gesellschaft oder der Schweizer Botschaft, werden Sonderprogramme ins Leben gerufen und ein besonderes kulturelles Programm gestaltet.

Kino statt Kuchenherstellung

1876 wurde das Gebäude, in dem sich die Galerie des Kulturzentrums heute befindet, zum ersten Mal erwähnt. Damals war es ein Pferdestall. 1890 errichtete Michael Kohler eine Brotfabrik in dem Haus. 100 Jahre später öffnet, nach mehreren Umbauten und unterschiedlichen Nutzungen, das „Jugend- und Kulturzentrum Brotfabrik“ seine Türen.

Heute wie auch 1990, hat das Kino 60 Sitzplätze und befindet sich im Bereich der ehemaligen Kuchenherstellung der Brotfabrik. Diese Anzahl sei perfekt, um den Zuschauern ein intimes Kinoerlebnis zu bieten und eine besondere Atmosphäre zu gestalten, sagt Löser. Er selbst sieht die Filme im Brotfabrik Kino gern aus der vierten Reihe. Von dort hat er auch seinen Lieblingsfilm des Jahres 2019 „Die Ziege“, eine Tragikomödie von Sherif El Bendary, gesehen.

 

Die Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens.

Jean Paul