Wilhelminenhofstraße

Streetview

Fährt man heute die Wilhelminenhofstraße entlang, lässt sich erahnen, wie gewaltig die Ausmaße der AEG-Stadt damals waren. An der Spreeseite erstreckt sich über fast zwei Kilometer ein geschlossenes Band von heute denkmalgeschützten, gelb geklinkerten Industriebauten. Viele der Gebäude wurden von berühmten Architekten entworfen und haben eine belebte Vergangenheit. Wissenswertes über besondere Orte, Fabriken und Läden in der Wilhelminenhofstraße...

Wilhelminenhofstraße: Streetview
Wilhelminenhofstraße: Streetview | © radioeins/Warnow

Peter-Behrens-Bau

Der Architekt, Künstler und Designer Peter Behrens gilt als einer der Erfinder des modernen Industriedesigns und des Corporate Design, dem einheitlichen Erscheinungsbild eines Unternehmens. Für einen seiner wichtigsten Auftragsgeber, die AEG, entwarf Behrens vom Briefbogen über diverse Produkte bis hin zu deren Fabrikbauten alles in einem einheitlichen Stil. Spätere berühmte Architekten des Bauhauses – unter anderem Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier – hatten vorher bei Behrens gearbeitet.

Der von ihm entworfene und nach ihm benannte Peter-Behrens-Bau am östlichen Ende der Wilhelminenhofstraße (eigentliche Adresse ist die Ostendstr. 1-4) wurde zwischen 1915 und 1917 erbaut. Am 1.10.1917 begann in der damals hochmodernen Automobilfabrik der AEG unter dem Label „Nationale Automobilgesellschaft“ (NAG) die Produktion von Luxuslimousinen,  Lastwagen und den weltweit ersten Elektroautos. Nach seiner Fertigstellung war der 58m hohe Wasserturm der Fabrik das höchste Gebäude Deutschlands.

Peter-Behrens-Bau
Peter-Behrens-Bau | © radioeins/Warnow

Hier wurde Mitte der 80er Jahre vom damaligen „RFT Werk für Fernsehelektronik“ (WF) ein Werksmuseum eingerichtet. „Technik im Turm“ galt als das höchste Museum der Welt. Die darin gesammelten Maschinen, Produkte, Werkzeuge wurden 2009 vom Industriesalon Schöneweide e.V. gerettet und sind seitdem dort in einer Dauerausstellung zu sehen.

Heute ist der denkmalgeschützte Peter-Behrens-Bau mit seinen beeindruckenden Treppenhallen und weitläufigen Gebäuden zum Teil vermietet – an Fachbereiche der Hochschule für Technik und Wirtschaft sowie klein- und mittelständische Unternehmen. Vieles steht aber auch leer. Und ein schlüssiges Gesamtnutzungskonzept seitens der jetzigen Besitzer, der irischen Comer-Brüder, gibt es derzeit noch nicht.

Am 1. Oktober 2017 organisierte der Industriesalon Schöneweide e.V. ein großes Straßenfest in der Wilhelminenhofstraße, um das hundertjährige Bestehen des Peter-Behrens-Baus zu feiern. Dazu gehörte auch eine aufwändige Lichtinstallation auf dem Turm des Gebäudes, die 100 Jahre Industriegeschichte vor Ort in beeindruckenden Bildern erzählte.

Kabelwerk Oberspree (KWO)

Auch dieses große Fabrikareal am Ufer der Spree ließ der Gründer der AEG, Emil Rathenau, Ende des 19. Jahrhunderts in der Wilhelminenhofstraße errichten. Und zwar aus den charakteristischen gelben Klinkersteinen („Oberschöneweider Klinker“), die diese Straße auf der Spreeseite prägen. Am 3. Oktober 1897 begann hier die Produktion von Kabeln und Leitungen aller Art. Sie endete in den späten 1990er Jahren, als auch die letzten Produktionsstrecken geschlossen wurden.

Kabelwerk Oberspree (KWO)
Kabelwerk Oberspree (KWO) | © radioeins/Warnow

Einige Gebäude wurden saniert und ein großer Teil des KWO gehört heute zum Campus der HTW. Aber es gibt auch viele Gebäude des denkmalgeschützten Areals, die leer stehen und verfallen.

Hochschule für Wirtschaft und Technik Berlin (HTW)

Erst AEG, dann KWO und nun HTW. Der heutige Campus Wilhelminenhof der HTW Berlin hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Für den Umzug der Hochschule wurden die noch erhaltenen, denkmalgeschützten  Verwaltungs- und Produktionsgebäude des alten Kabelwerks in vierjähriger Bauzeit aufwendig saniert. Das erste Gebäude wurde 2006 durch den Fachbereich Gestaltung und Kultur bezogen. Es folgten die Fachbereiche Ingenieurwissenschaften, Technik und Leben sowie Informatik, Kommunikation und Wirtschaft. 2009 wurde der Campus offiziell eröffnet.

Hochschule für Wirtschaft und Technik Berlin (HTW)
Hochschule für Wirtschaft und Technik Berlin (HTW) | © radioeins/Warnow

Aus dem einstigen Industrieareal am Spreeknie ist im Laufe der letzten Jahre ein moderner Wissenschaftsstandort geworden. Rund 9000 Studenten entwickeln hier heute regenerative Energiesysteme, tüfteln an Computerspielen und forschen an der Industrie 4.0. Der Umzug der HTW nach Oberschöneweide wird als wichtigster Entwicklungsmotor der Gegend verstanden, die vielen Studenten beleben das Bild der Wilhelminenhofstraße.

Auch als Besucher lohnt sich ein Rundgang über das Campusgelände, denn er ist zugleich eine Reise durch die hundertjährige, spannende Industriegeschichte des Areals. Auf der Homepage der HTW befindet sich eine hörenswerte Audiotour, bei der Experten, Zeitzeugen, Architekten und Studierende persönlich zu Wort:

Quellen:
https://www.htw-berlin.de/campus/campus-wilhelminenhof/audiotour/
https://www.htw-berlin.de/
https://idw-online.de/de/news336651

Das Transformatorenwerk Oberschöneweide (TRO)

Die "Deutsche Niles AG" lässt 1899 in der Wilhelminenhofstraße nach den Plänen des Architekten Paul Tropp Verwaltungs- sowie Produktionsgebäude und eine Montagehalle errichten, um hier unter anderem Werkzeugmaschinen und hydraulische Pressen herzustellen, im 1.Weltkrieg dann auch Granaten. 1920 wird die Fabrik an die ebenfalls hier ansässige AEG verkauft.

Nach Ende des 2. Weltkrieges wird aus dem Transformatorenwerk ein Volkseigener Betrieb (VEB) und ein wichtiger Lieferant für die Energiewirtschaft der DDR. 1991 erwirbt AEG das TRO zurück und produziert hier weiter, bis 1996 das endgültige Aus kommt. Ein Jahr später kauft der Privatinvestor Peter Barg das TRO-Gelände und gründet das „Kultur- und Technologiezentrum Rathenau“, muss dieses aber nach der Insolvenz 2006 an die irische Investorengruppe Toruro weiterverkaufen.

Heute gibt es auf dem Gelände eine Mischung von produzierendem Gewerbe, Handwerk und Künstlern, wie die XTRO Ateliers.

Die Spreehöfe

Zwischen 1897 und 1900 entstand an der Ecke Edison-/Wilhelminenhofstraße 87–90 die Lampenfabrik Frister – heute wie so viele Gebäude in der Straße ein Industriedenkmal.

1952 übernahm das „RFT VEB Funkwerk Köpenick“ die Produktion in diesem Gebäude. 1963 zog das “Institut für Nachrichtentechnik” mit zusätzlichen Umbauten ein. Nach der Wende übernahm die Investorengruppe ADMOS das Gelände und machte aus der alten Lampenfabrik und der angrenzenden früheren Gasanstalt das Freizeit- und Gewerbezentrum Spreehöfe mit Restaurants, Sportstudio, Tanzstudio, Dienstleistern, Arztpraxen, Büros und Geschäften.

BAE Batterien GmbH

Die ersten Fabrikhallen der neuen Akkumulatorenwerke Oberspree AG wurden 1899 von der Gesellschaft für elektrische Unternehmungen errichtet, um hier tragbare Akkumulatoren und Batterien zu produzieren. Im Jahr 1904 erfolgte die Gründung der Vertriebsgesellschaft VARTA GmbH (Vertrieb, Aufladung, Reparatur transportabler Akkumulatoren). 1905 übernahm die Accumulatoren Fabrik Aktiengesellschaft (AFA) des Geschäftsmanns Gustav Quandt das Werk. Ab den 1920er Jahren kamen Starterbatterien für Autos hinzu.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Fabrikbesitzer enteignet, das Unternehmen in eine Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG) umgewandelt. Sie produzierte nun fast ausschließlich Taschenlampen und Batterien für den Bedarf der Roten Armee. Ab den 1950er Jahren ging das Werk in das Eigentum der neu gegründeten DDR über.

Nach der Umwandlung der VVB in Großkombinate Ende der 1970er Jahre wurden die BAE-Produkte unter der neuen Markenvertriebsorganisation AKA electric angeboten.

BAE Batterien-Fabrik
BAE Batterien-Fabrik | © radioeins/Warnow

Nach der deutschen Wiedervereinigung entstand die BAE GmbH mit einer Lizenzproduktion für die VARTA AG, die jedoch keine Gewinne einbrachte. Durch ein Management Buy Out von Ostberliner Betriebsdirektoren und Brancheninsidern konnte die Firma im Jahr 1993 vor der Schließung bewahrt werden. Im Jahr 2005 übernahm der niederländische Wirtschaftsfachmann Jan IJspeert die BAE und fungiert seit 2007 als Geschäftsführer des Betriebes mit dem historischen Firmennamen. Quasi die einzige Firma, die aus den Entstehungszeiten von „Elektropolis“ noch erhalten geblieben ist. Mit Gebäuden, die aus genau dieser Bauphase in den 1890er Jahren stammen: der Verwaltungsbau und der Haupteingang des Werkgeländes an der Wilhelminenhofstraße 68 und 69 sowie eine einzelne Halle auf dem Gelände. Die alten denkmalgeschützten Industriebauten werden seit Ende der 1990er Jahre restauriert.

Quellen:
de.wikipedia.org/wiki/BAE_Batterien
www.bae-berlin.de/unternehmen.html

Haus Strohhalm

Im Haus Strohhalm können 51 wohnungslose Männer und Frauen, aber auch Familien mit unterschiedlich schwerem Abhängigkeitsgrad untergebracht und betreut werden. Je nach Betreuungsbedarf erfolgt die Unterbringung auf drei verschiedenen Etagen des Haupthauses sowie in zwei Außenwohngruppen. Die Einrichtung bietet eine „rund-um-die-Uhr“ Betreuung an.

Die Aufnahme erfolgt nach Zuweisung durch die Fachstellen der Wohnungslosenhilfe der Berliner Bezirksämter und wird durch die Unterbringungsleitstelle des LaGeSo von Berlin gesteuert.

Das Haus Strohhlam gibt es seit 1996, gehörte damals zum sozialpädag. Institut Berlin (AWO)und wurde 2001 vom SPI übernommen.

Haus Strohhalm
Haus Strohhalm | © radioeins/Warnow

Es gibt 2 Projekte im Haus:

° Treffpunkt Strohhalm: offener Kontakt- und Beratungspunkt mit 2 Sozialarbeitern und 2 Köchen, offen gestaltet, günstiges Frühstück und Mittag (1,20€), Leute können sich Karten abholen, um Essen noch günstiger zu bekommen, dabei kommen Sozialarbeiter mit ihnen ins Gespräche, ist zum Kieztreffpunkt geworden für sonst eher isolierte Menschen aus unteren sozialen Schichten; auch AG’s und Suchthilfegruppen, die von Betroffenen geleitet werden
° Wohnprojekt: feste Adresse für Obdachlose, die hier in Ein- bis Dreibettzimmern wohnen können, noch 2 Außenstellen in Wilhelminenhofstr., Bewohner von 18-83 Jahre alt, manchmal auch Alleinerziehende mit Kindern; im Haupthaus 3 Etagen, Alkohol- und Drogenverbot, 3. Etage speziell für Leute, die abstinent leben; insgesamt 5 Sozialarbeiter, 1 Kunsttherapeut, 8 Studenten, besetzt von 8-21 Uhr mit festen Kräften, nachts und am Wochenende Studenten und Mini-Jober, Betreuungsschlüssel von 5 zu 50 sehr gut
- Bewohner, die gewalttätig werden, müssen wieder gehen
Ansgar Schmidtjans arbeitet seit 17 Jahre hier. Seiner Meinung nach hat sich die Klientel sehr geändert. Früher gab es hier viel mehr Trinker und Drogenabhängige, heutzutage gibt es mehr junge Menschen mit psychischen Problemen. Außerem kamen die Wohnungslosen nur aus dem Bezirk, aber mit Einführung des ALG II und der zentralen Leitstelle hat sich das geändert. Jetzt kommen die Bedürftigen aus ganz Berlin.
Haus Strohhalm hat gute Kontakte zu den Nachbarn in der Straße, die Batteriefabrik BAE bezahlt z.B. das Weihnachtsessen für die Bewohner oder die HTW leiht Möbel für Feierlichkeiten aus.

Allerdings steht die Existenz der Einrichtung auf der Kippe, da der Besitzer des Hauses sanieren und mit teuren Wohnungen ausstatten will. Die Zukunft des Hauses Strohhalm ist also ungewiss.

Adresse:
Haus Strohhalm
Sozialtherapeutisches Wohnen
Wilhelminenhofstraße 68:

Stiftung SPI
Ansprechpartner: Ansgar Schmitjans
Tel.: 030 5350035
Mail: haus-strohhalm@stiftung-spi.de