Album der Woche

Things Take Time, Take Time von Courtney Barnett

Das dritte Studioalbum der australischen Singer-Songwriterin markiert eine Wende hin zu Offenheit und Positivität. Bisher kommunizierte Courtney Barnett in ihren Songs vor allem Ängste und Skepsis, nun jedoch begibt sie sich auf das Terrain des Optimismus. Sie weiß, dass dessen Trost zerbrechlich ist, aber sie lässt sich darauf ein.

Things Take Time, Take Time von Courtney Barnett
Things Take Time, Take Time von Courtney Barnett | © Marathon

Die Schärfe ist geblieben: Ihre neuen Songs verhandeln die Metaphorik sterbender Sterne, den alles zersetzenden Kapitalismus und den Schmerz, mit Depressionen und Isolation umzugehen. Diese Themen werden aber von einem unbeschwerten Sound gemildert. Gleich im ersten Song „Rae Street“ wirkt sie allerdings sehr nahbar. Er ist nach der Straße betitelt, in der sie in Melbourne den Großteil des Coronalockdowns verbracht hat. Das Leben stand nicht wirklich still, der Fokus hat sich nur sehr verengt. Anstatt sich mit einem „Hätte, Wäre, Wenn“ irgendwo auf der Welt zu beschäftigen, betrachtet man den Mikrokosmos der Straße, in der man lebt. Und man hört, wie die Kinder nebenan Amok laufen, weil sie so viel Zeit in der Wohnung verbringen müssen.



„Schreib eine Liste mit Dingen, auf die du dich freust“, nimmt sie sich vor, um später zu konstatieren: „Setz dich neben mich, sieh zu, wie die Welt brennt, wir werden nie lernen, dass wir keine schönen Dinge verdienen.“ Schließlich werden wir selbstgerecht schreien, „wir haben unser Bestes getan, aber was bedeutet das überhaupt.“ Das Leben ist wohl in vielerlei miserabel, aber es gibt so viele schöne kleine Momente, stellt sie fest. Und so findet Courtney Barnett Trost in der aufgehenden Sonne, den grünen Blättern oder in den Briefen einer Freundin, die schönen Kleinigkeiten auf „Things Take Time, Take Time“ bringen einen dazu, so wie sie es ausdrückt: "Blumen im Unkraut zu sehen". In dem folkigen "Before You Gotta Go" verwandelt sie einen ärgerlichen Streit in ein Friedensangebot und in seiner mutigen Offenheit wird der Song nur übertroffen von "If I Don't Hear From You Tonight", in dem sie unverhohlen ihre Gefühle bekundet. Einstige Schüchternheit scheint überwunden und eine Trennung, wie in „Splendour“ besungen, führt nicht zur Verzweiflung über die Endlichkeit, sondern zu der Hoffnung, dass sie sich doch bald wiedersehen.

Die musikalische Palette von Things Take Time, Take Time ist auch instrumentell anders. Barnett hat ihre Freundin und langjährige Mitarbeiterin Stella Mozgawa (Warpaint) für die Produktion des Albums hinzugezogen, was dazu führte, ihren grungigen Sound früherer Alben etwas abzuschleifen. So nutzt sie in "Here's the Thing" einen Drumcomputer und eine zartverzerrte Gitarre erzeugt dazu eine verträumte Stimmung. In "Before You Gotta Go“ hört man ein bluesiges Fingerpicking, aus "Write a List of Things to Look Forward To" sprudelt eine fröhliche Indie-Pop-Stimmung und bei "Sunfair Sundown" hört man schrullige Synthies. „Things Take Time, Take Time" ist eine seltsame Mischung aus Trost und Unbehagen und dokumentiert damit wohl ziemlich wahrheitsgemäß die letzten achtzehn Monate.

Claudia Gerth, radioeins