Album der Woche - The Line Is A Curve von Kae Tempest

The Line Is A Curve von Kae Tempest
The Line Is A Curve von Kae Tempest | © Virgin

Das neue Album handelt vom Druck und vom Loslassen solcher Dinge wie Scham, Angst, Vereinsamung und davon, Wachstum und Liebe zu bejahen.

Nachdem das letzte Album 2019 von Rick Rubin produziert worden war, mit weitreichenden Folgen, ist nun wieder der altbekannte Produzent Dan Carey an Bord, der als besonders unaufdringlicher Produzent gilt. Und: Zum ersten Mal gibt es statt Tempests fiktiven Figuren-Arsenals nur Tempest selbst und mehrere "echte" Feature-Gäste. Also eine "richtige" Gemeinschaft. So wie in dem Song "More Pressure" z.B. den amerikanischen Rapper Kevin Abstract vom Brockhampton-Kollektiv, der Tempest von ihrem gemeinsamen Freund Rick Rubin vorgestellt wurde.

Kae Tempest, ehemals Kate Tempest, ist und bleibt ein Wunder. Ein Wunder an Talent, was Sprache betrifft. 1985 in London geboren, brach Kae Tempest mit 16 die Schule ab, jobbte im Plattenladen und performte auf Poetry Slams. Danach veröffentlichte Tempest am laufenden Band alles, womit man Sprache kanalisieren konnte: Lyrikbände, Theaterstücke, Romane und vor allem Musik. Es regnete Preise, darunter den Lyrikpreis der britischen Poetry Society. Bei so viel Sprachtalent, könnte man meinen, Tempest würde sich in prätentiösen Formulierungen verlieren, doch das ist nicht so. Auch nicht auf dem neuen Album "The Line is a Curve".



Das Album "The Line Is A Curve" ist eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Dabei war das Bekennen dazu, nicht-binär zu sein und statt Kate nun Kae zu heißen nur ein Aspekt. Es geht um Tempests bisherigen Lebensweg. Deshalb auch das Porträtfoto auf dem Albumcover, das niemand Geringeres als Wolfgang Tillmanns geschossen hat. "Er sei der einzige Fotograf, bei dem man sich wirklich gesehen fühlt", sagt Kae Tempest. Er versteht sein Gegenüber und gibt keine Anweisungen, wie man sich hinstellen oder gucken soll. Er habe Tempests Seele verstanden und deswegen kam das Foto aufs Albumcover. Interessanterweise hat das Foto einen leichten Unschärfe-Effekt, was dazu passt, dass das Album so introspektiv ist und von Überlegungen handelt, die noch nicht ganz abgeschlossen, die nicht in Stein gemeißelt sind. Bei Fragen der Identität darf das eigene Land nicht fehlen und wenn es um Großbritannien geht, darf das Thema Brexit nicht fehlen. Überlegungen in dem Song "Salt Coast".

Die Arbeit mit Rick Rubin beim Vorgängeralbum war interessant. Rubin hat Tempest dazu gebracht,

gewohnte Mechanismen in Sachen Flow und Erzählstrukturen aufzubrechen, die Tempest sich zum Schutz zugelegt hatte. Eine Art Neukalibrierung, nach der Tempest auf dem neuen Album wieder zum Rhythmus gefunden hat. In einer Mischung aus Elektro, Jazz und PostPunk-Elementen scheint die Musik die Texte unterstützend zu tragen. So wird die Musik, immer wenn es um’s Loslassen und Akzeptieren geht, weich und gleitend.

2021 erst erhielt Tempest den renommierten Silbernen Löwen auf der Biennale von Venedig "für ein vielfältiges Werk aus Theaterstücken, Rap und Erzähltexten". Doch wichtiger als jeder Preis ist das Qualitätssiegel: Aus allen Texten von Kae Tempest spricht eine Sympathie für die gebrochenen Herzen, gebrochenen Rücken und gebrochenen Seelen. Kae Tempest bleibt dabei immer optimistisch und ist nie zynisch. Etwas, das die Texte und Songs alle auszeichnet.

Claudia Gerth, radioeins