Album der Woche

Brightside von The Lumineers

Als das bisher spontanste und impulsivste Werk ihrer Bandgeschichte, bezeichnen die beiden Frontmänner der Lumineers, Wesley Schultz und Jeremiah Fraites, ihr neues Album. Der Titel ihres vierten Langspielers "Brightside" drückt dabei eher eine Hoffnung aus als einen tatsächlichen Zustand.

Brightside von The Lumineers
Brightside von The Lumineers | © Decca

Im Gegensatz zum Vorgängeralbum haben die Songs auf "Brightside" kein übergeordnetes Konzept oder eine Geschichte, die alle zusammenhält. Er hab bei der Entstehung der Platte an Neil Young denken müssen, sagt Schultz. "Ich sah ihn, als ich fünfzehn war und ich erinnere mich, dass ich dachte, dass ich keine Ahnung habe, worüber dieser Typ singt, aber ich weiß genau, wie er sich fühlt." Auf ihrem neuen Album wollen die Lumineers also weniger akribisch ins Detail gehen, als vielmehr ein Gefühl heraufbeschwören. Deshalb seien die Songs eher poetisch als narrativ.



Den Titelsong "Brightside" hatten sie nach nur einem einzigen Tag im Kasten. Er ist wie der Fiebertraum eines 15-Jährigen, eine amerikanische Liebesgeschichte in all ihrer Pracht und mit viel Herzschmerz. Denn das Album soll keinesfalls leicht unterhaltsam sein. Wirkliche Befriedigung ziehe man nur aus der Komplexität, meint Schultz, und so wird das Glücksempfinden des Publikums animiert, wenn es in den Songs um tiefe Gefühle geht, die schon auch enttäuscht werden. Wenn also die Vergänglichkeit in das Glück von Anfang an eingearbeitet ist. Traurige Songs machen glücklich.

Es geht um Läuterung und um den Schrecken, der wenn er verklungen ist, ein wohliges Gefühl zurücklässt. So handelt "Where we are" von einem Autounfall und einem Krankenhaus. Gedanken der Demut angesichts der Tatsache, wie schnell alles vorbei sein kann. Die Katharsis einer Tragödie. Zugleich eine gute Metapher für den Zustand, den wir alle kollektiv in der Pandemie fühlen: Das Gewahrwerden unserer eigenen Zerbrechlichkeit.

Der musikalische Minimalismus soll der gebräuchlichen Informationsflut entgegenwirken und eine sparsame Instrumentierung steht ja keiner großen Dynamik im Wege. Das Album ist mit 30 Minuten Länge relativ kurz. Etwas, dass die Band als Herausforderung gesehen hat: In möglichst kurzer Zeit, möglichst viel zu sagen.

Die neun Songs wurden in zwei Sessions im Winter und Frühling 2021 aufgenommen. Die beiden Band-Mitbegründer und Co-Songwriter Wesley Schultz und Jeremiah Fraites zeichneten fast für die gesamte Instrumentierung verantwortlich, während Keyboarder David Baron eine Vielzahl von Keyboards und Backing Vocals ergänzte. Er mischte und produzierte die Platte zudem in seinen Sun Mountain Studios in Boiceville, New York, zusammen mit Simone Felice, einer langjährigen Mitarbeiterin der Band, die ebenfalls Backgroundgesang beisteuerte. Weitere Unterstützung gab es im Studio von den Tourmitgliedern Byron Isaacs und Lauren Jacobson, der Backgroundsängerin Cindy Mizelle (Bruce Springsteen, Dave Matthews Band), James Felice von The Felice Brothers und der Singer-Songwriterin Diana DeMuth.

Claudia Gerth, radioeins