Album der Woche - "Lives Outgrown" von Beth Gibbons

"Lives Outgrown" von Beth Gibbons © Domino
"Lives Outgrown" von Beth Gibbons | © Domino

"People started dying" sind die Worte von Beth Gibbons zu ihrem neuen und ersten offiziellen Soloalbum. Die englische Musikerin, die mit Portishead berühmt wurde, thematisiert auf "Lives Outgrown" Verlust, Angst und Trauer in zehn scharfsinnigen, sanft-düsteren Liedern.

Lamento. Dieser Begriff fällt, wenn es um das neue Album von Beth Gibbons geht. Denn so wie die lateinische Bedeutung des Wortes das musikalische Wehklagen umfasst, so tun es die zehn Songs auf ihrem neuen Album "Lives Outgrown". Wenn man jung sei, so Gibbons, schlage man einen Weg ein ohne wirklich zu wissen, wo der hinführe; voller Zuversicht, das Leben könne immer mehr Erfüllung bieten und sich verbessern. Mit fast 60 Jahren reflektiert Gibbons nun die Resultate – oftmals unerfüllte Erwartungen der Vergangenheit. Fast nüchtern ist ihre Erkenntnis wie sich ein Umgang damit finden lässt: durchhalten, tapfer sein.


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Beth Gibbons ist aufgewachsen in der romantischen Landidylle im Südwesten Englands, ganz in der Nähe von Bristol – und der Kleinstadt Portishead, die ihr und Geoff Barrow mit Anfang 20 und zu Beginn der 90er Jahre die Inspiration für einen Bandnamen gab. Während das letzte Album mit Portishead nun mehr als 15 Jahre zurückliegt, hat Beth Gibbons in der Zwischenzeit unter anderem Musik mit anderen Musiker*innen wie Kendrick Lamar geschrieben oder ein Live-Album mit dem polnischen Rundfunkorchester veröffentlicht: die 3. Symphonie des Komponisten Henryk Górecki, dessen vollständiger Titel bereits ein direkter Hinweis auf das nun erschienene Soloalbum von Gibbons gewesen sein mag. So wie Góreckis "Symphonie der Klagelieder" widmet sich auch Gibbons thematisch dem Verlust, der Trauer oder Mutterschaft. Sie selbst habe in den letzten Jahren viele Abschiede hinter sich gebracht – von Familienmitgliedern, Freunden, wie auch von sich selbst.

Gibbons hat sich über zehn Jahre Zeit für dieses Album gelassen. Gemeinsam mit Lee Harris von Talk Talk und dem Produzenten James Ford hat sie neben ihren Worten und Themen einen Sound gesucht, und unter anderem in eher ungewöhnlichen Instrumenten wie dem Hackbrett oder der Nutzung von Alltagsgegenständen wie einer Paella-Pfanne gefunden, oder in den Ford die Saiten eines Klaviers mit einem Löffel angeschlagen hat. Herausgekommen ist ein düster-sanftes Album mit weichen Rhythmen und Harmonien, die den leicht melancholischen Ton von Beth Gibbons Stimme perfekt begleiten.

In jedem der Songs auf "Lives Outgrown" sind ihre Gedanken über unser endlichen Lebens zu hören. Gibbons singt von der Last die dies haben kann, der Flüchtigkeit eines Moments oder von Träumen, die man lange nicht als illusorisch wahrhaben will – auf erschreckend ehrliche Weise. Während falsche Versprechen und Erwartungen derzeit überall geschürt werden, Blasen gebildet, die Lebensrealitäten wie Enttäuschung oder Ängste entweder mit möglichst viel Zuckerwatte kaschieren wollen, oder hingegen suggerieren, dass zu allem einfache Lösungen zu finden sind, präsentiert uns Beth Gibbons keine falsche Hoffnung, und genau darin liegt das Beruhigende.

Tracklist

1 Tell Me Who You Are Today
2 Floating On A Moment
3 Burden Of Life
4 Lost Changes
5 Rewind
6 Reaching Out
7 Oceans
8 For Sale
9 Beyond The Sun
10 Whispering Love

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