Album der Woche

Dragon New Warm Mountain I Believe in You von Big Thief

Mit 20 Songs ist „Dragon New War Mountain I Believe In You“ gleich auf die Länge eines Doppelalbums angewachsen. Kein Wunder, haben die Bandmitglieder von Big Thief immer viel zu viele Songideen, die sie ins Studio mitnehmen. Dieses Mal wollten sie sich austoben.

Dragon New Warm Mountain I Believe In You von Big Thief
Dragon New Warm Mountain I Believe In You von Big Thief | © 4AD

James, ihr Schlagzeuger, der die Platte auch produziert hat, wollte ein Experiment wagen und ohne Limit alle Schattierungen der Band auf’s Album bringen. Das klang nach Spaß und stand auf erfrischende Art auch dem Ethos entgegen, den sie von ihrem College kannten. Alle Bandmitglieder waren auf der renommierten Berklee College of Music in Boston.

Das, was er vom Berklee College mitgenommen hätte, sagt Alex Buck Meek, ist der Druck, perfekt sein zu müssen. Der Druck war riesig und jetzt dagegen zu rebellieren, sorgt für eine kreative Spannung. So geht es allen Mitgliedern von Big Thief: Sie alle versuchen, sich vom Berklee-System zu befreien. Gleichzeitig profitieren sie auch von ihrer Ausbildung dort. Die guten Lehrer in Berklee wussten um diesen Rebellionswillen und ermutigen ihre Schüler dazu, ein eigenes Profil zu finden. Bei der Band Big Thief ist dieses Profil nun sehr divers geworden. Vor allem für das neue Album findet man erfrischenderweise keine Schublade.



Die stilistische Abwechslung komme durch ihre Vorlieben. Gitarrist Meek stammt aus Texas, wo es eine Sozialisation mit Country, aber auch mit Ragtime und Swing gibt. Deshalb finden sich in seinem Spiel Synkopen. Sängerin Adrienne mag auch Country, Folk und amerikanischer Roots-Musik im Allgemeinen. Sie hat jedoch auch eine Schwäche für bombastischen Pop. Da sie sich bei ihrer neuen Platte ganz frei fühlen wollten, findet man alle diese Schattierungen.

In der Musikgeschichte hält wohl das Album von Fiona Apple aus dem Jahr 1999, das mit den Worten „When the Pawn“ beginnt und 90 Wörter umfasst, den Rekord des längsten Albumnamens. Da kann die New Yorker Band Big Thief mit ihrer 5. Platte zwar nicht mithalten, aber „Dragon New Warm Mountain I Believe in You“ kann sich getrost einreihen in das Ranking der längsten Albumtitel. Der Albumname ist eine dadaistische Zeile wie geschaffen für ein Mantra, das der Band während der Pandemie Hoffnung und Energie gab. Selbstverständlich steckt darin auch Humor, aber es gibt auch ganz ehrlich eine Verletzlichkeit preis.

Ihr neues Album zeigt eine kühne Mischung aus Countryfolk, Folkrock und lupenreinem Pop. Songs, die eine fast eigeneartige Intensität entfalten und die tatsächlich an ganz unterschiedlichen Orten entstanden sind. Songs mit eher bombastischem Sound, wie „Little Things“, sind in dem Hightech-Studio von Shawn Everett in Topanga Canyon entstanden. In einem Hifi-Tempel mit allen erdenklichen Gitarren, Verstärkern und Effektgeräten. Auch das Studio in Colorado war in den Bergen, wo sie mit dem britischen Tontechniker und Hi-Fi-Jedi Dom Monks gearbeitet haben, den sie schon von ihren Vorgängerplatten kannten. Hoch über den Wolken, in den Rocky Mountains, sollte er für die mystischen Songs des Albums, wie „Change“ sorgen. Die Country-esken Songs nahmen sie in der Wüste von Tucson auf und die puristischen, unprätentiösen in den Cat Skill Mountains. Einmal fiel dort nach einem längeren Gewitter für eine Zeit der Strom im Studio aus und die Band wusste, dass sie hier „Certainty" aufnehmen mussten. Mit einer 4-Spur-Kassettenmaschine, die durch die Batterie eines Minivans betrieben wurde. Live und akustisch, umgeben von Kerzen, der Bass lief dabei durch einen Bluetooth-Lautsprecher: Ein magischer Song mit einer eigenwilligen Energie.

Claudia Gerth, radioeins

Big Thief werden ihr Album live beim "Tempelhof Sounds" Festival vorstellen.