Album der Woche

Daddy's Home von St. Vincent

Daddy's Home von St. Vincent
Daddy's Home von St. Vincent | © Caroline

Bisher seien ihre Alben "konstruktivistische" Kunstwerke gewesen, bei denen jede Note und jedes Wort absichtlich mit akribischer Präzision platziert wurden, behauptet Annie Clark alias St. Vincent. Dagegen wirkt ihr neues Album "Daddy's Home" direkt Laissez-faire. So, als wären die Songs ein spielerischer Ausflug in die Vergangenheit. In das New York Anfang der 1970er Jahre.

Es war die Zeit, in der das berühmte "CBGb's" seine Türen öffnete und die Zeit, in der die glamouröse transgender Ikone Candy Darling für immer die Augen schloss. Ihr hat St. Vincent auf ihrem Album einen Song gewidmet. Es war aber auch die Zeit von Davis Bowie, Lou Reed, Steely Dan und Stevie Wonder. Eine Soundästhetik, die St. Vincent auf ihrem Album durch soulige Bläser, Wurlitzer Pianos und Background-Sängerinnen anklingen lässt. Ganz nebenbei erinnert Ihr Song "Pay Your Way In Pain" sehr an Bowies "Fame". Passend zum Retro-Sound der 70er hat sich auch ihr Outfit gewandelt. Der Lack- und Leder-Fetisch ist floralen Mustern und Plüschjacken gewichen.



"Daddy's Home" ist der vielleicht griffigste, eingängigste Plattenname, den die 38-Jährige bisher gewählt hat und doch wäre es nicht St. Vincent, wenn der Titel auch eine einfache Bedeutung hätte. Der naheliegendste Bezug ist in der Tatsache zu finden, dass ihr Vater 2019 aus dem Gefängnis entlassen wurde. Er wurde für 12 Jahre wegen Aktienmanipulation verurteilt und hat die Strafe abgesessen.

Doch der Titel bringe sie einfach zum Lachen. Er klinge so pervers und schäbig, dass sie ihn einfach nur saukomisch finden kann, sagt St. Vincent. Humor hilft und zudem bezieht er sich vor allem auf sie selbst, denn mit ihr ist eine Menge passiert in der Zeit, in der ihr Vater im Gefängnis saß. Sie hat sich mit ihrer Musik einen Weg aus der Subkultur in die vordere Reihe des Musikgeschäfts erspielt und ist persönlich gereift. Sie hat erst die Belagerung der Boulevardpresse wegen der Gefängnisstrafe ihres Vaters überstanden und dann die der sensationsgierigen Paparazzi wegen ihrer Beziehungen mit den Schauspielerinnen Cara Delevigne und Kristen Stewart. Sie ist gestärkt aus all dem herausgegangen. SIE ist jetzt mehr Daddy als es ihr Vater je war.

In allen Songs ihres neuen Albums geht es um unvollkommene Menschen, die ihr Bestes tun, um zu überleben, sagt St. Vincent, und liefert damit die pointierte Zusammenfassung.

Claudia Gerth