Plattenkritik

The Spur von Joan Shelley

The Spur von Joan Shelley
The Spur von Joan Shelley | © No Quarter

Es gibt Zeiten im Leben, da kommt plötzlich alles zusammen und ergibt ein großen Ganzes und das Bild ist vollständig. Für Joan Shelley war das während des Lockdowns der Fall. Abgeschnitten von allem, brach die Musikerin zu neuen Wegen auf. Als Abstand das Gebot der Stunde war, suchte sie die Nähe.

Joan Shelley heiratete ihren langjährigen musikalischen Begleiter, den Gitarristen Nathan Salsburg, wurde zum ersten Mal schwanger und die Ruhe um sie herum inspirierte sie zu neuen Songs. Da sie vor der Geburt die Songs für das neue Album "The Spur" fertig haben wollte, um sich danach für den großen Schritt, die Geburt und ein Kind groß zu ziehen, vorbereiten zu können. Gemeinsam mit ihrem Mann arbeitete sie an den Songs, trotz Müdigkeit und Erschöpfung, was das Singen nicht unbedingt erleichtert. Joan Shelley hat sich daher eine "Laid Back" Haltung zugelegt, die sie vorher nicht hatte.

"The Spur" ist jedoch kein Album über Schwangerschaft, aber die Songs atmen den Geist der Transformation. Joan Shelley war sich bewusst, dass sich ihr Leben durch ein Kind radikal verändern würde, und das ihres Partners auch.

Die neuen Song verbreiten eine Leichtigkeit und Weite, die sich die Musikerin schon länger gewünscht hat. Früher reichte es ihr einfach zur Gitarre ihre Songs zu spielen, aber jetzt entstehen beim Hören Landschaften im Kopf.

Joan Shelley hat viele musikalische Freunde, darunter auch den Multiinstrumentalisten und Produzenten James Elkington. Was er auch den Songs gemacht hat, ist einfach grandios. Mal erklingt ein Flügelhorn, Streicher wehen unaufdringlich durch die Songs, eine Dobro oder Mandoline kommt kurz dazu, alles ist wunderbar fein arrangiert und am richtigen Platz. Ein richtiges kleines Orchester hat James Elkington für Joan Shelley um sie versammelt. Da gibt es so viele kleine musikalische Akzente zu entdecken und bei jedem Hören kommen neue Details dazu.

Zum ersten Mal singt sie gemeinsam mit einer anderen Frau, in diesem Falle Meg Baird, und auch Bonnie "Prince" Billy, der sie sehr verehrt, wollte nicht fehlen.

Joan Shelley war schon immer eine große Songwriterin, aber erst jetzt erstrahlen ihre Songs im richtigen Licht.

The Spur klingt romantisch, im besten Sinne des Wortes, denn Joan Shelley lässt sich weder von Zweifeln regieren, noch verfällt sie einer naiven Romantik.

Dieses Album ist ihr Meisterwerk und ist eins dieser zeitlosen Alben, die nur entstehen, wenn alles sich wie durch ein Wunder zusammen fügt.

Carsten Wehrhoff

(sehr zu empfehlen ist auch Joan Shelleys Album "Live At The Bomhard" von 2020, dass allerdings nur digital über ihre Bandcamp Seite bezogen werden kann.)