Soundcheck

Man Alive von King Krule

Man Alive von King Krule
Man Alive von King Krule | © Young Turks/Xl/Beggars

Mit 25 Jahren ist Archy Marshall aus London ein Erzähler, wie es ihn nur einmal pro Generation gibt. Ein Außenseiter von Kindesbeinen an, ein Schulverweigerer, dem alle Welt sagte, dass irgendwas mit ihm nicht stimme, wenn auch niemand genau wusste, was. Er hätte bei all den Drohungen, die man gegen ihn aussprach, genügend Gründe, diese Welt zu hassen und sich selbst noch gleich dazu, und es ihr mit unerträglicher Musik heimzuzahlen.  Aber das würde jeder machen.

Schon bei seinem Debüt vor sechs Jahren war das Ausnahmetalent von Marshall zu hören. Man vernahm eine traurige, schonungslose Bluesstimme, die mit ihrer tiefen, vollen Tonlage so gar nicht zu dem bleichen, schmächtigen Körper eines 19-Jährigen passen wollte, von Selbstzweifeln, Psychopharmaka singen, während musikalische Formen um ihn herum zerflossen wie Schlagsahne in der Sonne. Er spielte Gitarre, wie es die alten Meister des frühen Rock’n’Roll und des Swing getan hatten, gefühlvoll, dynamisch. Er gebärdete sich so vulgär wie ein vernachlässigtes Straßenkind. Woher hatte er bloß das tiefe Wissen um diese Seelenzustände?

Mit seinem dritten Album „Man Alive!“ geht er noch tiefer, versinkt in der Sinnkrise, die sich in Zeilen äußert wie: „What am I good for? / I’ve got no signal“. Oder auch in desaströsen Drogendelirien. Oder in der Erkenntnis, dass Liebesbeziehungen von ihrer eigenen Geschichte ruiniert werden. Selten hat Kaputtheit eine so elegante, erschöpfte Schönheit.

Kai Müller, Tagesspiegel

Soundcheck-Wertung: 4 x Hit