Ein greiser Mann, der offensichtlich kein Englisch spricht, bittet am Flughafen Gatwick um Asyl. Der britische Grenzbeamte behandelt den betagten Mann freundlich-förmlich. Als ein Dolmetscher hinzugezogen wird, entpuppt der sich just als Sohn jenes Mannes, mit dessen Pass der alte Mann seine afrikanische Heimat Tansania verlassen konnte.

Mit dieser Verwicklung beginnt der Roman „Ferne Gestade“ von Abdulrazak Gurnah, dem Literaturnobelpreisträger des Jahres 2021 – einer meisterhaft erzählte Geschichte zweier Männer, die ein differenziertes Bild Themen Exil und Erinnerung entwirft.




Während der alte Mann verhört wird, lebt nicht weit entfernt, zurückgezogen in seiner Londoner Wohnung, Latif Mahmud. Auch er stammt aus Sansibar, hatte jedoch bei der Flucht aus seiner Heimat einst den Weg über den "sozialistischen Bruderstaat" DDR gewählt. Als Mahmud und Omar Jahre später in einem englischen Küstenort aufeinandertreffen, entrollt sich beider Vergangenheit: eine Geschichte von Liebe und Verrat, von Verführung und Besessenheit, und von Menschen, die inmitten unserer wechselvollen Zeit Sicherheit und Halt suchen.

Erstmals erschien "Ferne Gestade" im Jahr 2002 und wurde seinerzeit für den renommierten Booker-Preis nominiert. Im Zuge der Wiederveröffentlichung von Abdulrazak Gurnahs Werk, das in Deutschland lange Jahre vergriffen war, wurde die damalige Übersetzung durchgesehen und mit einem erläuternden Glossar ergänzt. Zum Erscheinen des Romans im Jahr 2002 schrieb die englische Zeitung The Observer: "Von den ersten Zeilen an weiß man, dass man sich in den Händen eines echten Schriftstellers befindet, eines Menschen, der etwas über die Welt zu sagen hat."

"Ferne Gestade", dt. v. Thomas Brückner, ist am 14. März 2022 bei Penguin erschienen, 416 Seiten kosten 26 Euro. Dazu erscheint das gleichnamige Hörbuch, ungekürzte Lesung mit Pierre Sanoussi-Bliss und Ingo Hülsmann, Hörverlag, 25,95 Euro.

Abdulrazak Gurnah (geb. 1948 im Sultanat Sansibar) wurde 2021 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er hat bislang zehn Romane veröffentlicht, darunter "Paradise" (1994; dt. "Das verlorene Paradies"; nominiert für den Booker Prize), "Admiring Silence" (1996; "Donnernde Stille"), "By the Sea" (2001; "Ferne Gestade"; nominiert für den Booker Prize und den Los Angeles Times Book Award), "Desertion" (2006; "Die Abtrünnigen"; nominiert für den Commonwealth Writers' Prize) und "Afterlives" (2020; "Nachleben"; nominiert für den Walter Scott Prize und den Orwell Prize for Fiction). Gurnah ist Professor emeritus für englische und postkoloniale Literatur an der University of Kent. Er lebt in Canterbury.


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