Laing im Interview

"Ich konnte bewundern, was wir in den letzten Jahren aufgebaut haben"

Nicola Rost (Leadsängerin, Songwriterin & Produzentin von Laing)

Ihre große Gala mussten Laing um ein Jahr verschieben. Aber für alle Fans gibt es jetzt ein Trostpflaster, um die Zeit bis dahin zu überbrücken, denn Laing veröffentlichen ein Live-Album. Im Interview spricht Leadsängerin Nicola Rost über die Arbeiten für das Live-Album, das Corona-Jahr und ihren Ausblick auf 2021.

Laing
Laing | © Pressefoto

"Laing Live" wird am 10. Dezember erscheinen, digital und auch als CD, die aber nur über den Laing-Shop bezogen werden kann.

Marion Brasch spricht mit Nicola Rost von Laing über ein schwieriges Jahr, die verschobene Gala und ihre Pläne für das kommende Jahr.

Laing Live
Laing Live | © Laing

Es ist erstmal toll, dass es von Laing wieder ein neue Platte gibt. Das Studioalbum "Fotogena" von 2018 war Euer letztes Lebenszeichen. Also zumindest als Albumveröffentlichung. Jetzt kommt dieses Album, und es kommt an einem Tag an dem eigentlich ein anderes Ereignis geplant war - nämlich Eure Gala. Das ist der klassische Fall von aus der Not eine Tugend machen. Kann man das so sagen?

Absolut, es kommt schon am Donnerstag, weil die Gala auch an diesem Tag gewesen wäre. Als die Pandemie anfing und klar war, dass man erstmal nicht mehr live spielen kann, war unsere Gala ja noch in weiter Ferne. Und niemand wusste, was wirklich passieren wird. Da fing es aber auch schon an, dass ganz viele Kollegen angefangen haben, im Internet Live-Musik in digitale Formate zu übersetzen. Ich habe mich auch ein bisschen unter Zugzwang gefühlt und dachte: Okay, wir müssen uns auch irgendetwas überlegen. Ich fand es aber total schwer. Unsere Ansprüche oder die Vorstellung, die wir von einer Live-Show haben, in etwas reinzugießen, wo kein Publikum zu spüren ist. Auch diese Stimmung irgendwie zu transportieren.

Deswegen haben wir einfach komplett ausgesetzt und eher genossen, was die anderen gemacht haben. Als klar wurde, okay, die Nummer wird sich so schnell nicht wieder normalisieren, dachte ich eben, dass das, was am besten diese Stimmung konserviert, eine Aufnahme von einem richtigen Konzert ist. Glücklicherweise hatten wir im letzten Jahr die letzten Berlin-Konzerte mitgeschnitten und hatten das ganze Material. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir die Gala verschieben müssen. Aber wir bringen am Tag der Gala eine Platte raus, die dieses Gefühl ein bisschen transportiert.

Wie seid Ihr bei der Zusammenstellung des Albums vorgegangen?

Eigentlich ist es quasi die Gala aus dem letzten Jahr. Wir mussten ein bisschen sortieren, weil eine CD eine maximale Spielzeit von 80 Minuten hat. Und da waren wir deutlich drüber. Deswegen mussten wir ein paar Songs aussortieren. Es war tatsächlich ein ganz schön intensiver Prozess, den ich mal wieder total unterschätzt habe. Ich dachte, für ein Live-Album sind ja alle Songs schon geschrieben, und der ganze Sound ist schon da.

Es war tatsächlich relativ viel Arbeit, eben diese Sachen rauszusuchen und den Mix zu machen, weil unser Mitschnitt war nie dafür gedacht, veröffentlicht zu werden. Aber was für mich ein total unverhoffter Nebeneffekt war, dass ich noch nie die Zeit hatte, wirklich so tief in ein Konzert im Nachhinein einzutauchen. Eigentlich macht man eine Platte, ein Konzert, der Blick ist immer nach vorne gerichtet und es werden immer wieder neue Perspektiven geschaffen.

In einem selbständigen Künstlerleben heißt es einfach immer weiter, weiter, weiter. Und nun hatte man diesen Raum, mal so richtig in dieses Material einzutauchen. Ich habe wochenlang mit dem Mix zugebracht, denn 80 Minuten sind dann doch relativ viel Holz. Ich war auch oft berührt war, weil man das Publikum hört und sich das Konzert aus einer außenstehenden Position anhört. So konnte ich dann selber mal bewundern, was wir in den Jahren aufgebaut haben.

Auf Eurer Facebook-Seite gibt es viele Konzertvideos. Gibt es Momente, wo Ihr denkt, da müssen wir nochmal nachbessern?

Das ist eigentlich mein normaler Modus, dass ich den Blick darauf habe, was wir beim nächsten Mal besser machen können. Jetzt war es eher so, dass ich den Raum hatte, für den Genuss. Natürlich war ich inspiriert, wie man bei der nächsten Gala noch überraschen kann oder wie man Sachen noch mal neu arrangieren kann. Tatsächlich war ich aber eher inspiriert, denn bei diesen Galas haben wir auch den Bonus, dass wir hier zu Hause sind und viele Freunde haben, die wir jetzt nicht unbedingt immer durch die ganze Republik zerren können, wenn wir auf Tour gehen. Das heißt, wir haben viel mehr Leute auf der Bühne gehabt. Wir hatten noch Tänzer dabei und eine befreundete Opernsängerin, die "Zeig Deine Muskeln" als Arie gesungen hat.

Das war sozusagen das große Besteck und deswegen war ich weniger kritisch, sondern eher entzückt. Als ich mir aber die Videoaufnahmen teilweise noch mal angeguckt habe, fiel mir auf, dass ich, wenn ich auf der Bühne stehe, wie in so einem Fluss bin, weil jeder Song greift in den nächsten und die ganze Performance. Aber man kann eben gar nicht so richtig in die Gesichter der Leute gucken. Oder es gibt nur ganz kurze Momente, wo ich dafür Zeit habe. Und jetzt, auf den Videoaufnahmen gibt es eben auch teilweise Kameraeinstellungen, wo man das Publikum sieht. Das finde ich einfach so geil. Und das ist eben das Besondere an Live-Konzerten, was mir bei einem Stream total fehlen würde.

Die Stimmung schaukelt sich hoch. Man steht dicht an dicht mit anderen Leuten, die die Musik auch geil finden und singt mit irgendjemandem, den man gar nicht kennt, den gemeinsamen Lieblingssong oder grölt laut mit.

Wenn Du jetzt auf dieses Jahr zurückblickst, was jetzt Deine eigene oder Eure Kreativität betrifft, konntest du noch andere Dinge tun? Wie bist Du selber mit dieser Krisensituation umgegangen?

Es war auf jeden Fall nicht so, dass man denkt: Super, jetzt habe ich viel Zeit, und alle anderen können auch nichts machen. Ich kann die Zeit nutzen und irgendwie ganz entspannt und inspiriert neue Songs schreiben, sondern man ist ja sehr tangiert davon, was um einen herum passiert und was für Stimmung herrscht. Dieses Jahr war schwer zu greifen. In so einem Jahr, wo wir keine sowieso keine Tour geplant hatten, muss ich mich ja selbst strukturieren und muss mir selbst irgendwie Deadlines setzen.

Auch diese Gala wäre zum Beispiel eine absolute Wegmarke gewesen in diesem Jahr, für die man monatelang vorbereitet und probt. Das war dann alles weg. Und dann schwimmt man in so einem See aus Zeit und Ungewissheit und weiß nicht so genau, wie es weitergeht. Man fühlt sich dabei auch nicht unbeschwert und schreibt einfach einen Song, weil es mir so gut geht, sondern es herrscht eine Beklommenheit, die man erstmal abschütteln muss.

Und mir persönlich geht es so, dass ich dieses Jahr als sehr zäh empfinde, wo auch das Zeitgefühl völlig ausgehebelt war. Aber ich habe in den letzten Wochen wieder ein bisschen Fuß gefasst. Ich habe auch einen optimistischeren Ausblick auf nächstes Jahr. Ich hoffe, dass es wieder möglich sein wird, sich zu sehen, Konzerte zu spielen, auf Konzerte zu gehen. Das gibt mir irgendwie einen Aufschwung. Ich habe auch an das letzte Silvester gedacht und wie ich um Mitternacht ins Feuerwerk geguckt habe und mir meine Pläne für dieses Jahr so vor dem inneren Auge erzählt habe. Und ich dachte, ich stehe wahrscheinlich dieses Silvester da und habe genau die gleichen Pläne wie letztes Jahr. Das hatte ich noch nie. Die sind quasi noch unausgepackt und noch wie neu. Und es ist aber auch was Schönes, weil die sind jetzt nicht vergoren oder bitter, sondern ich habe noch all diese Pläne und freue mich, die jetzt einfach ins nächste Jahr zu transportieren.

Der Text ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Fassung des Interviews mit Nicola Rost von Laing. Das komplette Interview gibt es zum Nachhören.

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