Medizinische Notizen

Über Freiheiten für vollständig Geimpfte und Genesene und ihr mögliches Infektionsrisiko

mit Dr. med. Julia Fischer

Schon ab dem kommenden Wochenende könnten mehr Freiheiten für vollständig Geimpfte und Genesene gelten. Wer dazu gehört und welche Rolle sie infektiologisch laut aktuellem Wissen noch spielen, besprechen wir mit radioeins-Ärztin Dr. Julia Fischer.

Symbolbild einer Impfdosis und Ampulle der Firma BioNTech/Pfizer auf einem internationelen Impfausweis © imago images/Political-Moments
Symbolbild einer Impfdosis und Ampulle der Firma BioNTech/Pfizer auf einem internationelen Impfausweis | © imago images/Political-Moments

Die Impfkampagne gegen das Coronavirus nimmt an Fahrt auf - grob 28 Prozent der Deutschen sind einmal, acht Prozent bereits zweimal geimpft. Das macht Hoffnung - und stößt Debatten über Freiheiten für Geimpfte und Genesene an.

Wir besprechen die medizinischen Hintergründe zu dieser Fragestellung - mit unserer radioeins-Ärztin Dr. Julia Fischer. Können sich Geimpfte noch infizieren? Wie ansteckend sind sie dann? Und was unterscheidet sie von Genesenen?

Symbolbild einer Impfdosis und Ampulle der Firma BioNTech/Pfizer auf einem internationelen Impfausweis © imago images/Political-Moments
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Kommen wir zuerst zu Berichten über Infektionsfälle unter Geimpften - wie in Pflegeheimen. Die lesen sich oft wie eine Bankrott-Erklärung an die Impfung. Stimmt das? Ist das so unerwartet und besorgniserregend, wie es da klingt?


Nein - weder noch. Das war abzusehen, denn es war ja immer klar: Die Impfstoffe bieten zwar einen sehr hohen, aber keinen 100 prozentigen Schutz.

Zwei Punkte gilt es in diesem Zusammenhang zu verstehen. Erstens: Nachrichten darüber, dass sich eine vollständig geimpfte Person infiziert hat, sorgen natürlich viel mehr für Aufsehen, als wenn Infektionen nach Impfungen ausbleiben. Durch einige laute Medienberichte wirkt es schnell, als wäre das ein häufiges Phänomen. Ist es aber nicht. Infektionen unter vollständig Geimpften sind sehr selten.

Und zweitens, ganz wichtig: Eine Infektion bedeutet ja nicht gleich Krankheit. In der absoluten Mehrzahl der Fälle, wenn sich jemand trotz Impfung ansteckt - sprich: einen positiven Corona-Test hat - verläuft die Krankheit symptomlos oder mild. Auch da mag es wieder Ausnahmen geben: Besonders alte Menschen wie in Pflegeheimen haben ein schwächeres Immunsystem - und damit haben sie auch wieder das größte Risiko, eventuell trotz Impfung zu erkranken.

Aber für die Allgemeinheit gilt: Die Impfung schützt sehr gut - und selbst wenn es zu einer Ansteckung kommt, verhindert sie schwere Verläufe sehr zuverlässig.

Wie sieht es mit der Infektiosität von vollständig Geimpften, die sich trotzdem anstecken, aus? Wie wahrscheinlich ist, dass sie selbst von der Infektion nichts merken, das Virus aber trotzdem weitergeben?


Auch das ist nicht auszuschließen. Aber Studien zeigen mittlerweile, dass von Geimpften, die sich anstecken, eine viel kleinere Gefahr ausgeht als von ungeimpften Infizierten. Denn: Sie tragen zum einen deutlich weniger Virus in sich und scheiden es auch kürzer aus. Das heißt: In der Summe ist das Risiko der Virusübertragung an andere stark vermindert.

Es wird also auch in Zukunft sicher (wenige) Fälle geben, wo eine geimpfte Person eine andere ansteckt. Das ist aber kein gravierendes Problem. Geimpfte werden die Pandemie nicht weiter befeuern, sondern sie bremsen.

Und was heißt all das für Genesene? Sind die gleich zu betrachten wie Geimpfte?


Tja, es ist gar nicht so leicht, das exakt zu beantworten. Wo die Genesenen genau stehen, ist aktuell noch nicht ganz klar. Fest steht: Wer sich ansteckt, baut auch eine Immunität auf. Aber man weiß noch nicht genau, wie lange sie anhält. In den Zulassungsstudien haben vollständig Geimpfte durch die Bank bessere Antikörperspiegel entwickelt als von Covid-19-Genesene. Trotzdem sind letztere anders einzuordnen als jemand, der bisher noch gar keinen Kontakt mit dem Virus hatte. Sie sind irgendwo zwischen ungeimpft und geimpft.

Deswegen lautet die Empfehlung aktuell auch, dass sich Genesene ab sechs Monate nach der Infektion impfen lassen sollten - mit nur einer Dosis. Denn Studien zeigen, dass das die Immunantwort deutlich verbessert, und zwar auf ein Level von zweifach Geimpften. Wie lange der Schutz dann allgemein bei vollständig Geimpften hält, muss sich mit der Zeit zeigen.

Wer gilt als offiziell als "vollständig geimpft": Nur die, die zweimal den gleichen Impfstoff erhalten haben? Oder auch Genesene, die einmal geimpft wurden und die, die zwei verschiedene Impfstoffe - zum Beispiel einmal AstraZeneca, einmal BioNTech - erhalten haben?


Alle, die du genannt hast, gelten laut Robert Koch-Institut (RKI) offiziell als vollständig geimpft; und zwar jeweils 14 Tage nach der zweiten Dosis, wenn mehrfach geimpft wurde - Genesene dann entsprechend 14 Tage nach der ersten und einzigen Impfung. Als Nachweis gilt dann der Impfpass, und Genesene ungeimpfte müssen einen PCR-Test vorlegen, der mindestens vier Wochen und höchstens sechs Monate alt ist.