Medizinische Notizen

Long Covid - Langzeitfolgen von Corona

mit Dr. med. Julia Fischer

Knapp 2,5 Mio Menschen in Deutschland gelten als "genesen" vom Coronavirus - aber viele von ihnen sind nicht wirklich gesund.

Coronavirus © imago images/Future Image
Coronavirus | © imago images/Future Image

Ein beträchtlicher Anteil leidet noch Monate nach einer Covid-19-Erkrankung unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen, teilweise massiv. Die Langzeitfolgen von Corona werden unter "Long Covid" oder "post Covid" zusammengefasst.

Was wir bisher über dieses Krankheitsbild wissen, bespricht Frauke Oppenberg mit radioeins-Ärztin Dr. Julia Fischer.

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Welche Symptome gehören zu Long Covid - also wie merke ich, dass ich betroffen sein könnte?


Weil das Coronavirus multiple Organe befallen kann, kann sich auch Long Covid mit unterschiedlichsten Symptomen präsentieren. Eine aktuelle Übersichtsarbeit, die 16 Studien aus unterschiedlichen Ländern ausgewertet hat, kam zu dem Ergebnis: Das häufigste Long-Covid-Symptom ist Müdigkeit - bleierne Erschöpfung. Die Betroffenen sind körperlich nicht belastbar und manche können über Wochen nicht arbeiten. An zweiter und dritter Stelle stehen Kopfschmerzen und Aufmerksamkeitsstörungen. Also Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und Vergesslichkeit. Ein Zustand, der auch „Brain Fog“ also „Nebel im Gehirn“ genannt wird. An vierter und fünfter Stelle der häufigsten Symptome stehen Haarausfall und Kurzatmigkeit, letztere kann durch Schäden an der Lunge oder auch am Herzen bedingt sein. Und was viele berichten ist, dass der Geschmacks- und Geruchssinn über Wochen bis Monate weg ist. Manchmal treten die Symptome erst Monate nach der akuten Erkrankung auf und oft ist der Verlauf wellenförmig. Ein paar Tage lang geht es gut, plötzlich sind die Symptome zurück.

Also wirklich unterschiedlichste Beschwerden. Und kann man mittlerweile sagen, wie häufig Long Covid ist?


Nicht wirklich - die Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Meistens ist von Zahlen zwischen zehn und 20 Prozent der offiziell Genesenen die Rede - es gibt aber auch Studien, die bei über 80 Prozent nach Wochen noch Symptome feststellen. Zum Beispiel die eingangs genannte Übersichtsstudie mit über 47.000 Teilnehmenden. Das RKI schreibt auf seiner Seite lediglich, dass 40 Prozent der im Krankenhaus behandelten Patienten längerfristig Unterstützung benötigen. Jedenfalls sind die Symptome so häufig, dass die WHO Long Covid als offizielle Krankheit anerkannt hat.

Wer bekommt denn Long Covid? Gibt es Risikogruppen oder kann es jeden treffen?


Im Prinzip kann es jeden treffen. Als grobe Risikofaktoren gelten zwar ein schwerer Verlauf, höheres Alter, Übergewicht und weibliches Geschlecht. Aber gerade Geruchs- und Geschmacksverlust und die „postvirale Fatigue“, also die bleierne Müdigkeit, treten auch bei jungen Menschen auf, die einen leichten oder symptomlosen Covid19-Verlauf hatten. Sogar bei Kindern kann Long Covid vorkommen. Eine britische Studie kam zu dem Ergebnis, dass etwa 15 Prozent der Kinder, die Corona hatten, auch Wochen bis zu 9 Monate noch unter unterschiedlichsten Symptomen wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Atemnot oder Konzentrationsstörungen leiden. Ähnliche Ergebnisse gibt es aus Norwegen und Italien. Einige Expertinnen und Experten hierzulande besorgt es deswegen, dass sich mit zunehmenden Öffnungen auch bei uns immer mehr Kinder infizieren werden.

Aber Langzeitfolgen kennt man ja auch nach Infektionen mit anderen Viren - dem Grippe- oder dem Ebstein-Barr-Virus zum Beispiel.


Das stimmt. Die Symptome können ganz ähnlich sein - und es ist noch umstritten, ob die Häufigkeit von „Long Covid“ tendenziell überschätzt wird, weil aktuell einfach Millionen Menschen am Coronavirus erkranken und die gesammelte Aufmerksamkeit darauf ruht. Es gibt aber Studien aus Großbritannien, die zu dem Ergebnis kommen, dass gerade die neurologischen Symptome, die auf organische Schäden im Gehirn zurückgehen, nach Corona doppelt so häufig sind wie nach der Grippe. Dazu zählen Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen oder Gedächtnisstörungen bis hin zu einer Demenz.

Auch wenn viele Fragen zu Long Covid noch offen sind, es macht noch einmal klar: Wenn man irgendwie kann, sollte man die Ansteckung mit dem Coronavirus möglichst vermeiden.


Ja. Und tatsächlich lassen auch erste kleine Studien vermuten, dass die Corona-Impfungen gegen Long Covid helfen könnten. Denn es gibt Hinweise darauf, dass sich das Virus bei den Betroffenen länger im Körper hält - die Impfung hilft dem Immunsystem möglicherweise, die letzten Virusreste und damit auch die Symptome zu beseitigen.