Di 01.06.
2021
10:40

Medizinische Notizen

Fake News in der Pandemie

mit Dr. med. Julia Fischer

Medizinische Fehlinformationen sind nichts Neues. Aber während der Corona-Pandemie hat die Flut an Mythen, Verschwörungserzählungen und Fake News nochmal deutlich zugenommen.

Schriftzug "Fake News" auf einer Computertastatur © imago images/Christian Ohde
Schriftzug "Fake News" auf einer Computertastatur | © imago images/Christian Ohde

Insbesondere zum Thema Impfen gibt es fast täglich neue Schreckensszenarien, die sich lauffeuerartig verbreiten. Und zwar primär über die sozialen Netzwerke. Das funktioniert so gut, weil sie die Funktion unseres Gehirns ausnutzen und unseren Verstand austricksen.

Wie genau das passiert und was wir dagegen tun können, besprechen wir mit der radioeins-Ärztin Dr. Julia Fischer.

Schriftzug "Fake News" auf einer Computertastatur © imago images/Christian Ohde
imago images/Christian Ohde
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Wie hängt der Algorithmus der Social Media und unser Gehirn zusammen?


Der Algorithmus ist ja primär darauf ausgelegt, dass wir User*innen so viel Zeit wie möglich online verbringen. Deswegen ist seine wichtigste Währung unsere Aufmerksamkeit. Er analysiert ganz genau: Wo bleiben wir hängen, welche Beiträge liken, kommentieren oder teilen wir? Wenn er merkt: Ah, da mag jemand Posts mit Tierbabys - oder aber welche, die sich kritisch mit Impfstoffen auseinandersetzen - dann spült er diese auch vermehrt in die Timeline. So wählt der Algorithmus aus, was dir gezeigt wird - lenkt deine Aufmerksamkeit, damit deine Wahrnehmung der Realität und im nächsten Schritt auch deine Urteils- und Entscheidungsfindung. Diese ganze Dynamik - was unsere Aufmerksamkeit bindet und was wir dementsprechend online sehen - basiert auf emotionsgesteuerten psychologischen Mustern unseres Gehirns - und nicht auf Fakten, Rationalität oder Meinungspluralität.

Welche Muster unseres Gehirns sind das?


Das Stichwort lautet „Kognitive Verzerrungen“. Unser Gehirn ist anfällig für bestimmte Denk- und Reaktionsmuster, die eben nicht rational sind, sondern auf Gefühlen, Motivationen und bestimmten Vorannahmen des Gehirns beruhen. Die sind zum Teil evolutionsbiologisch begründet und laufen unbewusst in uns ab - bestimmen aber maßgeblich, welche Meinung wir uns bilden und welche Entscheidungen wir treffen.

Welche Beispiele gibt es dazu?


Ein Phänomen ist der Wahrheitseffekt: Aussagen, die wir wiederholt hören oder lesen, halten wir eher für wahr als einmal Gesagtes. Klar: während der Evolution und unserer Erziehung wurden wichtige Dinge wiederholt: „Fliegenpilze sind giftig!“ oder „Nicht über rote Ampeln gehen!“

Wenn wir online gehäuft das Gleiche lesen, denken wir irgendwann: Oh, da muss doch was dran sein. Dabei liegt es vielleicht nur an dem Algorithmus, der uns immer ähnliche Posts vorschlägt. Ein zweites Beispiel ist der Framing-Effekt: Wir bewerten Aussagen nach ihrer Formulierung. Zum Beispiel: „Die Impfstoffe zeigen auch in der millionenfachen Anwendung eine Wirksamkeit von über 90 Prozent!“ Oder: „Die Impfung hat keinen 100-prozentigen Schutz, Geimpfte können sich noch infizieren!“ Die Aussage ist fast gleich. Einmal liegt die Betonung aber auf Erfolg, einmal auf Misserfolg der Impfung. Je nachdem, mit welchem Post wir interagieren, bekommen wir ähnliche vorgeschlagen.

Und eine Rolle muss doch spielen, dass wir alle besonders anfällig für emotionale, angsterregende Posts sind, oder?


Ja! Das ist die Auffälligkeitsverzerrung. Aufwühlende Informationen packen unsere Aufmerksamkeit, berühren uns - dann fällt rationaler Abstand schwer. Unser Gehirn ist schlicht darauf ausgelegt, als erstes Gefahren wahrzunehmen (Ein Säbelzahntiger!) und andere zu warnen (Lauf!). Früher war das gut - in den sozialen Netzwerken ist das gefährlich. Denn nur, weil zum Beispiel laut und emotional über einzelne Corona-Ausbrüche trotz Impfung in Altenheimen berichtet wird, heißt das nicht, dass sie häufig sind. Aber es fühlt sich so an. Eng verwandt damit ist auch Motiviertes Denken. Wir finden gern Argumente für eine Schlussfolgerung, die wir uns wünschen und interagieren mit Posts, die diese bestätigen. Auch wenn die Faktenlage objektiv dagegenspricht. So festigen sich falsche Überzeugungen und alle gegenteiligen Aussagen werden mit einem „Ach das stimmt doch nicht“ abgehakt.

Zahlreiche etwas unheimliche Denkmuster, die vermutlich jedem bekannt vorkommen - was können wir dagegen tun?


Viel ist schon damit getan, überhaupt zu wissen, dass es kognitive Verzerrungen gibt. Dann gilt es, die eigenen Denkmuster kritisch zu hinterfragen: gehe ich vielleicht gerade alten, evolutionsbiologischen Mustern auf den Leim? Bei der Auswahl von Beiträgen sollten wir nicht auf laute, emotionale Ansprache achten, sondern auf fundierte Begründungen und Quellenangaben. Und für mehr Vielfalt sollte man auch Konten folgen, die die eigene Meinung nicht verstärken, sondern sie herausfordern. Gut begründet ist das eine Bereicherung. Und schließlich sollten wir uns nicht nur online informieren, sondern in ganz unterschiedlichen Medien.