Do 14.03. 11:38

Medizinische Notizen

US-Arzneimittelbehörde läßt neues Antidepressivum zu

mit Dr. med. Julia Fischer

Ein Ketamin-ähnliches Medikament kann in den USA gegen Depressionen eingesetzt werden. Das Nasenspray ist chemisch mit der auch als "Special K" bezeichneten Droge verwandt, die seit den 1990ern in der Clubkultur wegen ihrer psychedelischen Wirkung konsumiert wird. Die US-Arzneimittelbehörde FDA erlaubt jetzt die Behandlung von schwer zu behandelnden Depressionen mit bewusstseinsverändernden Mitteln.

Nasenspray © imago/photothek
Nasenspray | © imago/photothek

Tiefe Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und dunkle Gedanken bis hin zu Selbstmordfantasien - wWeltweit leiden etwa 300 Millionen Menschen an Depressionen, in Deutschland sind es rund fünf Prozent der Erwachsenen. Ein Problem: die gängigen Antidepressiva helfen längst nicht allen Patienten.

Jetzt wurde in den USA ein ganz neuartiges und hochumstrittenes Medikament zugelassen, das noch dieses Jahr auch in die EU kommen könnte: Ein Nasenspray mit Esketamin. Einem Wirkstoff, der die gleiche Wirkung hat, wie die gefährliche Partydroge Ketamin.

Über Hoffnungen, Risiken und Nebenwirkungen sprach Nancy Fischer mit der radioeins-Ärztin Dr. Julia Fischer.

Nasenspray © imago/photothek
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Was ist das besondere an Esketamin?


Esketamin wurde ursprünglich, in den 1960er Jahren, als Narkosemittel entwickelt. Es macht schmerzunempfindlich und in einer höheren Dosis betäubt es, sodass Ärzte kurze Operationen machen können. Es hat aber auch psychologische Nebenwirkungen: Zum Beispiel Halluzinationen und das Gefühl, sich losgelöst vom eigenen Körper zu fühlen. Manche beschreiben es auch, als wären sie in einem Tunnel und würden ein herrliches, helles Licht am Ende sehen - ein Kick, ähnlich einem Nahtoderlebnis. Das sind die Wirkungen, wegen denen es - wie du gesagt hast - auch als Party-Droge missbraucht wird. Dann wird es oft Special-K genannt.

Und die kann auch wirklich gefährliche Nebenwirkungen haben, oder?


Ja, ganz genau. Wenn man Ketamin überdosiert, kann das sogar einen Atemstillstand verursachen - also lebensgefährlich sein. Außerdem kann es das Gehirn schädigen und so Gedächtnis- und Denkstörungen verursachen. Erst recht, wenn das Ketamin vielleicht mit anderen Mitteln gestreckt ist oder man es über längere Zeit immer wieder einnimmt. Das ist also alles andere als ein harmloser Stoff.

Wie kommt es denn, dass er jetzt als Medikament gegen Depressionen eingesetzt wird?


Das war Zufall: Ein Wissenschaftler der Yale University hat in den 1990er Jahren eigentlich an Therapien gegen Schizophrenie herumgeforscht. Und der hat bei Versuchen mit Ketamin beobachtet, dass sich die depressiven Symptome seiner Patienten besserten. Daraufhin haben Wissenschaftler es auch bei Depressiven getestet und die gute Wirksamkeit bestätigt.

Was ist an seiner Wirkung so anders als bei den gängigen Antidepressiva?


Das wirklich Besondere ist, dass seine Wirkung sofort eintritt. Bei vielen klassischen Mitteln dauert das mehreren Wochen, was gerade bei Menschen mit Selbstmordgedanken dramatisch sein kann. Auch das ständige „Grübeln“, das viele Patienten plagt, wird reduziert. Durch beide Wirkungen wird der Patient für die eigentliche Behandlung der Depression, die Psychotherapie, überhaupt erst zugänglich. Außerdem schlägt es eben auch bei Patienten an, die auf die herkömmlichen Antidepressiva nicht ansprechen.

Und wie wollen Ärzte ihre Patienten vor den gefährlichen Nebenwirkungen schützen?


Das Nasenspray darf nur unter ärztlicher Aufsicht gegeben werden. Also nur in einer Praxis oder im Krankenhaus, und nach der Gabe müssen die Patienten noch zwei Stunden lang überwacht werden. Die Anwendung erfolgt also absolut streng kontrolliert.

Und, denkst du, das Esketamin-Nasenspray kommt bald auch zu uns?


Ich bin total gespannt. Über die Idee sind erstmal alle Experten ganz schön aus dem Häuschen. Viele sagen, es sei das spannendste Medikament seit Jahren und ein echter Wendepunkt in der Behandlung von Depressionen. Andere wiederum gehen auf die Barrikaden, weil sie vor allem die gefährlichen Nebenwirkungen und die unklaren Langzeitfolgen sehen.

Wenn es zu uns kommt, könnte das auch für andere psychoaktive Substanzen den Weg in medikamentöse Anwendung bahnen.

In den USA arbeiten Mediziner zum Beispiel schon an Mitteln mit Psilocybin, dem Wirkstoff von Magic Mushrooms, und MDMA, als euphorisierende Partydroge bekannt. Es tut sich also Spannendes bei der Medikamentenentwicklung.