Medizinische Notizen

Ein gutes Immunsystem reicht nicht alleine gegen Corona - ist aber wichtig

mit Dr. med. Julia Fischer

Es ist ein beliebtes Argument derer, die die Corona-Pandemie bis heute nicht wirklich wahrhaben wollen: „Mein Immunsystem ist doch fit genug, um dieses Virus abzuwehren! Maßnahmen und Impfungen sind unnötig!“

Zwei Jogger © imago/Science Photo Library
Seien Sie gut zu sich - und fangen Sie am besten sofort damit an! | © imago/Science Photo Library

Warum das Quatsch ist und warum es aber trotzdem Sinn macht, sein Immunsystem zu pflegen, auch und ganz besonders in Hinblick auf die Impfung, das klären wir mit unserer radioeins-Ärztin Dr. Julia Fischer.

Warum reicht es nicht aus, sein Immunsystem mit einer gesunden Lebensweise zu stärken, um sich vor dem Coronavirus zu schützen?


Punkt 1: Weil das Immunsystem das neuartige Coronavirus noch nicht kennt - also keine spezifische Abwehr dagegen hat. Richtig ist zwar, dass wir unsere körperliche Abwehr zu einem gewissen Grad gegen Eindringlinge unterstützen können - mit gesunder Ernährung, Schlaf, Bewegung usw. - aber: Das Immunsystem ist hochkomplex und hat auch Funktionsweisen, die wir nicht aktiv beeinflussen können, die zum Beispiel genetisch festgelegt sind. Dazu gehören Mechanismen, und das ist Punkt 2, die das Coronavirus völlig durcheinanderbringen kann.

Das ist längst nicht in Gänze verstanden - aber zum Beispiel bringt das Coronavirus das Immunsystem dazu, einen bestimmten Faktor zu produzieren, das Interferon Gamma. Dadurch bilden Gewebszellen vermehrt genau den Rezeptor (ACE-Rezeptor), über den das Coronavirus in unsere Zellen eindringt. Das Virus kann unser Immunsystem also gegen uns verwenden und mit seiner Hilfe mehr Zellen infizieren.

Und bei schweren Verläufen ist die starke Immunreaktion häufig genau das Problem. Sie ist so stark, dass sie multiple Organe heftig schädigt. Und schließlich führen ja auch leichte Verläufe immer wieder zu Langzeitfolgen. Sprich: Ein fittes Immunsystem allein schützt uns nicht.

Was ist denn dran an der Aussage, dass es für das Immunsystem eigentlich besser sei, die Krankheit durchzumachen - und sie zu seiner effektiveren Immunität führe als eine Impfung?


Das ist ein Mythos. Die Impfung ist ein Stimulus für das Immunsystem und trainiert es effektiv. Das macht zwar auch die Krankheit, aber nicht, ohne auch das Risiko für Komplikationen und Todesfällen mit sich zu bringen. Genau das ersparen uns Impfungen. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass bei Personen, die in ihrem Leben mehr Impfungen bekommen haben, das Immunsystem auch gegen neue Krankheiten effektiver reagieren kann. Und dazu kommt: In den Studien zu den Corona-Impfstoffen produzierten geimpfte Personen genauso viele, oder sogar deutlich mehr Antikörper als Personen, die die Krankheit durchgemacht hatten. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Schutz nach einer Impfung effektiver und langanhaltender ist als nach einer natürlichen Infektion.

Es ist trotzdem eine gute Idee, sein Immunsystem fit zu halten - und zwar nicht einfach, weil man dann besser gegen eine Krankheit gewappnet ist, sondern auch im Hinblick auf einen baldigen Impftermin. Warum?


Weil man damit tatsächlich die Wirkung der Impfung unterstützen kann. Eine Studie der Ohio State University, die 49 weitere Studien zu Impfstoffen aus den vergangenen 30 Jahren analysiert hat, hat gezeigt: Stress, eine ungesunde Lebensweise und ein negativer psychischer Zustand - beispielsweise Depressionen - beeinträchtigen den Nutzen der Impfung. Antikörper können dann mitunter erst mit einer Verzögerung entstehen oder kürzer wirken. Unerwünschte Nebenwirkungen der Impfung können dagegen schwerer ausgeprägt sein. Das heißt: Wir alle sollten uns gesund ernähren, nicht rauchen, genug schlafen, uns trotz Lockdown viel bewegen und auch unsere Psyche pflegen. Also vielleicht gegen Stress meditieren.

Die gute Nachricht ist: Dazu ist es nie zu spät. Die Effekte treten schnell ein, können das Immunsystem regelrecht verjüngen - und die Impfung wird besser wirken.