Pille-Palle-Spezial

Wie sprechen wir mit unseren Kindern über Krieg?

Kinderbücher mit Wiebke Keuneke

Wir sprechen leider über ein traurig, schreckliches Thema: Krieg. Und auch hier können Kinderbücher helfen, wenn einem selbst die Worte fehlen.

"Irgendein Berg" von Fran Pintadera
"Irgendein Berg" von Fran Pintadera | © Peter Hammer Verlag

"Irgendein Berg" von Fran Pintadera
Peter Hammer Verlag
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Wiebke, Du hast wie immer ein paar gute Kinderbücher rausgesucht und eine Liste zusammengestellt, die wir auf unserer Webseite radioeins.de zur Verfügung stellen. Wir wollen das Gespräch hier nutzen, um Ihnen zu helfen, die richtigen Worte mit Ihren Kindern zu finden, wenn Fragen zum Krieg kommen.

Genau. Und dabei ist es natürlich entscheidend, wie alt das Kind ist. Mit einem Kleinkind und Vor-oder Grundschüler spreche ich anders darüber als mit einem Teenager. Deswegen habe ich meine Empfehlungen auch nach Alter sortiert.

Wenn Du Kleinkind sagst, das sind ja so 3-4 jährige, mit denen soll ich wirklich über Krieg reden?

Nicht zwingend, wenn so kleine Kinder gar nichts von dem Thema mitbekommen, dann muss ich ihnen natürlich kein Gespräch darüber aufzwingen, aber: Kinder haben feine Antennen, die spüren sehr viel. Zum Beispiel auch, wenn die Eltern vielleicht seit Tagen "anders" sind, ruhiger, gucken besorgter, sind öfter am Handy als sonst, reden miteinander darüber. Dann würde ich schon sagen, dass man zugibt, dass man sich gerade Sorgen macht. Und bei so kleinen Kindern sind es wirklich simple Worte. Es gibt einen Mann, der ist Chef von dem größten Land der Welt und will trotzdem noch mehr haben usw. Konflikte, vor allem, das ist meins, der/die hat mehr als ich, das ist aber unfair, kennen Kinder schon in dem Alter.

Auf der Demo am Wochenende hat man ja auch tatsächlich viele Familien mit mitunter auch so kleinen Kinder gesehen. Aber wie spreche ich denn mit meinem Grundschüler darüber, die bekommen ja auch etwas über die Schul/Mitschüler mit, was ich nicht steuern kann?

Ich empfehle zuerst, den Wissenstand abzuklopfen, also, was hast Du denn gehört? Dann weiß man, wo man ansetzen kann. Und dann: in einfachen Worten erklären, aber nicht lügen. Kinder halten Antworten aus, wenn man sie mit ihren Gefühlen dazu nicht alleine lässt. Ehrlich zugeben, dass einen das auch traurig macht, aber gleichzeitig dem Kind Sicherheit vermitteln. (Ich bin traurig, kann mich aber trotzdem um dich kümmern, für dich da sein und dich beschützen). Auch ehrlich zugeben, dass man auch nicht richtig versteht, wie das passieren konnte und überrumpelt ist und man es schrecklich findet. Alle Gefühle sind erlaubt – bei Kindern und Erwachsenen – dann geht es um das "zusammen aushalten".

Und dann kommen die unausweichlichen Fragen: werden auch Menschen/Kinder getötet? Gibt es dann auch bald Krieg in Deutschland?

Ja, da schnürrt es einem die Kehle zu. Wichtig ist: nicht alle Ängste und Befürchtungen und Eventualitäten, die möglich sind, mit dem Kind teilen. Es geht um den Jetzt-Zustand. "Ja, Krieg bedeutet, dass Menschen in Gefahr sind und sogar getötet werden. Deshalb versuchen viele aus diesen Gebieten zu fliehen. Hier bei uns in Deutschland ist aber kein Krieg. Wir sind zuhause sicher." Und meine Empfehlung ist, dann direkt vorzuschlagen – wenn die Frage nicht selber vom Kind kommt: Wie können wir helfen? Denn auch wir kennen es: Das Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit ist schwer zu ertragen. Kinder das Gefühl von Selbstwirksamkeit zurückgeben, hilft. Für den Moment. Also zusammen auf Demos gehen, Spenden, etc.

Umso älter die Kinder sind und Teenager eh sind alleine in den Sozialen Medien unterwegs, tictoc etc. – da hat man als Eltern ja Angst, dass man gar nicht mehr filtern kann, was die Kinder sehen...

Das ist tatsächlich ein Problem. Denn eins ist ganz klar. Der Krieg wird auch über die Sozialen Medien geführt. Propaganda, fake news, das ist sehr schwer mitunter für Teenager auseinander zu halten. Vor allem die Bilder mit denen sie überschwemmt werden. Wir kennen es von uns selber: schreckliche Bilder wirken sofort und auch sehr lange. Deswegen, wenn irgendwie möglich immer ins Gespräch gehen. Und bei Teenagern auch ganz konkret: - sonst gibt es nur das wortkarge, ne ne alles gut. Also: Gibt es Bilder, die Du gesehen hast, die Dich beschäftigen? Hast Du etwas gelesen, jemand etwas gesagt, was Dich nicht loslässt? Du kannst mir alles sagen, alle Fragen stellen. Lieber zugeben, dass man es auch nicht weiß als nicht miteinander zu reden. Also bei so Fragen wie: hätten wir das nicht verhindern können? Oder: Können wir nicht die Ukraine opfern und dann ist gut. Und was, wenn „die“ Atombombe kommt...etc. Es gibt kein richtig und falsch bei den Fragen der Kinder. Die Hauptsache ist, man bleibt in Verbindung, z.B. durch Gespräche, gemeinsames Nachrichtengucken, oder halt Bücher.


Buchtipps

Ab 4/5 Jahren:

„Irgendein Berg“ von Fran Pintadera, Peter Hammer Verlag

Ganz einfach erzählt das Buch von gewaltsamen Konflikten und ihrer absurden Logik, die naiven Illustrationen vertiefen den Kontrast zwischen Idylle und Zerstörung. Die Botschaft von Text und Bild ist klar: Selbstgerechtigkeit und fehlende Verständigung bringen jeden Frieden in Gefahr.

"Irgendein Berg" von Fran Pintadera
"Irgendein Berg" von Fran Pintadera | © Peter Hammer Verlag

„Sechs Männer“ von David McKee, Nord-Süd Verlag

Sechs Männer ziehen aus, um ein friedliches, einfaches Leben zu führen. Doch als sie mit ihrem Hof reicher werden, beginnen sie sich um ihren Reichtum zu sorgen – so heuern sie sechs Soldaten an, die den Hof bewachen sollen. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Eine besonders scharfsinnige Parabel zum Thema Krieg, die auch Kinder verstehen.

"Sechs Männer" von David McKee
"Sechs Männer" von David McKee | © Nord-Süd Verlag

„Ich mach Dich platt“ von Pernilla Stalfelt, Moritz Verlag

Ein Klassiker aus dem Schwedischen!. Gedanken über die vielen Facetten von Gewalt: Vom Sandkasten bis zum Rollstuhl, von den Wikingern bis heute gab und gibt es sie. Manchmal mag sie notwendig sein (z.B. bevor eine Mücke zusticht), aber wie vermeidet man sie? Gewalt im Fernsehen? Nur interessant, solange man selber keine blutige Nase bekommt! Neben Folter und Bomben brandmarkt sie aber auch Umweltzerstörung und Verbalattacken als Formen von Gewalt.

"Ich mach Dich platt" von Pernilla Sta
"Ich mach Dich platt" von Pernilla Sta | © Moritz Verlag

Grundschulalter:

„Wie ist es, wenn es Krieg gibt – Alles über Konflikte?“ von Louise Spilsbury, Gabriel Verlag/Thienemann-Esslinger

Antworten auf Kinderfragen. Kinder, die in Europa aufwachsen, kennen Krieg meist nur aus Geschichten und von Bildern. Das, was sie darüber erfahren, macht ihnen oft Angst. Dann fragen sie sich: Bin ich selbst auch in Gefahr? Was ist Terrorismus? Und warum gibt es überhaupt Soldaten? Der dritte Band der Reihe erklärt den Unterschied zwischen Streit und Krieg und welche Auswirkungen gewaltsame Konflikte haben können. Das Bilderbuch zeigt aber auch, dass sich viele Menschen auf der ganzen Welt für Frieden einsetzen

"Wie ist es, wenn es Krieg gibt – Alles über Konflikte?" von Louise Spilsbury
"Wie ist es, wenn es Krieg gibt – Alles über Konflikte?" von Louise Spilsbury | © Gabriel Verlag/Thienemann-Esslinger

„Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin - 15 wahre Geschichten gegen Krieg, Gewalt und Machtmissbrauch“

Von Heather Camlot mit Vorwort von Cornelia Funke, Oetinger Verlag

Ein sehr besonders Buch. Stell dir vor, Soldaten würden sich weigern, Waffen zu tragen, oder Kampfpiloten würden Blumensamen statt Bomben abwerfen? Stell dir vor, Musik hätte die Macht, den demokratischen Gedanken weiterzutragen? Unmöglich, denkst du? Auf keinen Fall. All diese Ideen sind von Menschen in die Tat umgesetzt worden – als Zeichen gegen Gewalt, Krieg und totalitäre Machtverhältnisse.
Heather Camlot hat 15 Geschichten über wahre Begebenheiten zusammengetragen, in denen sich Menschen der Gewalt und dem Krieg widersetzt haben. Geschichten, die zeigen, dass jeder von uns einen Unterschied machen kann.

"Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin" von Heather Camlot
"Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin" von Heather Camlot | © Oetinger Verlag

Teenager

„Krieg. Stell Dir vor er wäre hier“ von Janne Teller, Carl Hanser Verlag

Schon bisschen älter, aus dem Dänischen, aber brandaktuell.

Stell dir vor, es ist Krieg - nicht irgendwo weit weg, sondern hier in Europa. Die demokratische Politik ist gescheitert und faschistische Diktaturen haben die Macht übernommen. Wer kann, flieht in den Nahen Osten, wie der 14-jährige Protagonist aus Deutschland. In einem ägyptischen Flüchtlingslager versucht er mit seiner Familie ein neues Leben zu beginnen. Weil er keine Aufenthaltsgenehmigung hat, kann er nicht zur Schule gehen, kein Arabisch lernen, keine Arbeit finden. Er fühlt sich als Außenseiter und sehnt sich nach Hause. Doch wo ist das?

"Krieg. Stell Dir vor er wäre hier" von Janne Teller
"Krieg. Stell Dir vor er wäre hier" von Janne Teller | © Carl Hanser Verlag

„Abzählen“ von Tamta Melaschwili, Unionsverlag

Mittwoch, Donnerstag, Freitag – drei aufregende Tage für Ninzo und Ketewan, genannt Zknapi. Drei Tage, an denen die 13-jährigen Freundinnen nicht nur die üblichen Freuden und Leiden des Mädchenseins erleben, sondern auch erfahren, was es heißt, in einer gottverlassenen Konfliktzone zu leben, in der sonst bloß noch Kinder, Alte und Krüppel verblieben sind. Gewitzt muss man sein, sich was einfallen lassen. Sonst kommt man nirgendwohin, nicht an Kleider, nicht an Monatsbinden, nicht an Zigaretten und auch nicht an Milch für das Brüderchen. Was zu Friedenszeiten Recht und schicklich war, gilt nun schon lang nicht mehr. Krieg ist mehr als reine Männersache, und doch muss man bei aller mädchenhaften Gerissenheit manchmal ganz, ganz tapfer sein.

Der jungen georgischen Erzählerin Tamta Melaschwili ist ein aufsehenerregendes Debüt von emotionaler Wucht gelungen.

"Abzählen" von Tamta Melaschwili
"Abzählen" von Tamta Melaschwili | © Unionsverlag

„Heul doch nicht, Du lebst doch noch“ von Kirsten Boie, Oetinger Verlag

Ganz frisch, rausgekommen im Januar 2022.

Die Stadt Hamburg liegt 1945 in Trümmern. Mittendrin leben Traute, Hermann und Jakob. Der nennt sich allerdings Friedrich, denn niemand soll erfahren, dass er Jude ist. Als Hermann ihm dennoch auf die Spur kommt, will er nichts mehr mit Jakob zu tun haben. Schuld, Wahrheit, Angst und Wut sind die zentralen Themen dieses Buchs, dessen jugendliche Hauptfiguren durch die Schrecken des Krieges und der Naziherrschaft miteinander verbunden sind. Und für die es doch immer wieder Lichtblicke gibt.

"Heul doch nicht, Du lebst doch noch" von Kirsten Boie
"Heul doch nicht, Du lebst doch noch" von Kirsten Boie | © Oetinger Verlag