Alles andere als pille-palle

Kinderbücher über Religionen

Kinderbücher mit Wiebke Keuneke

Wir sprechen in dieser Rubrik über Kinderbücher, über besondere Kinderbücher, die vermeintliche Tabuthemen anfassen. Themen, von denen manche glauben, das ist schwierig, das Kindern näher zu bringen.

Das Wimmelbuch der Weltreligionen - wie wir leben, glauben und feiern (Cover)
Das Wimmelbuch der Weltreligionen - wie wir leben, glauben und feiern (Cover) | © Beltz

Übermorgen ist Heiligabend, ein guter Zeitpunkt über Religionen zu sprechen.

Das findet unsere Kollegin Wiebke Keuneke auch. Und darüber haben wir uns mit ihr unterhalten.

Und zum Christentum habe ich auch ein paar interessante zusammengestellt. Ich erwähne ganz kurz nur zwei. Eines ist schon älter, es heißt "Wer ist Jesus" und ich finde es grandios, weil ich gestehen muss, dass ich Jesus immer ein bisschen als einen arroganten Angeber empfunden habe und in diesem Buch werden Antworten auf alle typischen Kinderfragen gegeben: Hätte Jesus auch ein Mädchen sein können? Hat Jesus auch mal Dummheiten gemacht? Wer ist der Vater von Jesus, Josef oder Gott? Hatte Jesus Superkräfte? Und so weiter.

Und das Zweite?

Das ist ganz neu und ganz besonders "Der Kranichbaum" heißt es und spielt in Japan. Die Mutter eines kleinen Jungens erinnert sich an ihre eigene Kindheit in den USA – und am Ende feiern sie ein Weihnachtsfest, das beide Kulturen vereint und schmücken unter anderem ihr Bonsai-Kiefer-Bäumchen mit gefalteten Origamikranichen. Überhaupt nicht kitschig, sondern ganz ruhig, besonnen und ja edel erzählt und illustriert.

Der Kranichbaum – Mein erstes Weihnachtsfest von Allen Say (Cover)
Der Kranichbaum – Mein erstes Weihnachtsfest von Allen Say (Cover) | © Edition Bracklo

Obwohl bald Weihnachten ist, möchtest Du den Schwerpunkt aber heute auf zwei andere Religionen legen, den Islam und das Judentum.


Genau. Chanukka ist gerade erst zu Ende gegangen und ich persönlich find es gut, meinen Kindern auch vorlesen zu können, wie - in dem Fall - Juden leben und feiern. Genauso ein Buch hat mir die Rabbinerin Gesa Ederberg empfohlen:

"Dieses Buch Dinah und Levi ist nochmal ganz besonders, weil es zwei jüdische Familien sind, die sich gegenseitig erklären, wie sie in diesem Fall einfach Feiertage auch unterschiedlich feiern."

Es gibt ein großes Manko oder Marktlücke, wenn man so will, erklärt mir die Rabbinerin und zwar was jüdische Kinderbücher für jüdische Kinder in Deutschland angeht, sie hat für ihre Kinder immer englische oder hebräische ins Deutsche übersetzt. Jetzt gibt es aber endlich eine neue Initiative des Zentralrats Kinderbücher ins Deutsche zu übersetzten. PJ Library heißt das Projekt, also Pyjama Bibliothek.

Dinah und Levi: wie jüdische Kinder leben und feiern (Cover)
Dinah und Levi: wie jüdische Kinder leben und feiern (Cover) | © Annette Betz

Quasi jüdische Gutenachtgeschichten für jüdische Kinder. Was hast Du denn für eine Empfehlung, wenn man sich mit seinem Kind ein bisschen mit dem Islam beschäftigen will?


Sehr viele Bücher sind aus dem Arabischen oder Türkischen übersetzt und lesen sich dann im Deutschen manchmal nicht so schön und sind vor allem sehr moralisierend, sagte mir Iman Andrea Reiman. Sie ist seit acht Jahren Vorsitzende des Muslimischen Zentrums in Berlin. Bei dem Buch über den Teejungen Kasim ist das aber nicht so, der Autor ist deutscher Muttersprachler, was man den Texten anmerkt. Es handelt von einem Waisenjungen, der auch etwas aus seinem Leben machen will – und Andrea Reiman sagt dazu:

"Und zu sehen, was man trotzdem erreichen kann, wenn man versucht aufrecht zu bleiben oder seine Ideale nicht zu verkaufen, das hat mich angesprochen und knüpft an Märchen an, es ist halt so, sei immer ein guter Muslim und dann wird dein Leben schon gut voran gehen, also vergiss das nicht und das ist ja so wie bei Aschenputtel, sei immer gut zu den Menschen und dann kriegst du auch was wieder zurück."

Dabei geht es nicht um ein vordergründiges Richtig oder Falsch, auch nicht um ein moralisches Gut oder Böse – das Buch regt auch Erwachsene zum Nachdenken an. Übrigens kennen sich die Rabbinerin Ederberg und Iman Andrea Reimann nicht nur, sie sind Kolleginnen bei einem ganz besonderem Projekt. Gemeinsam mit noch zwei christlichen Frauen arbeiten sie an der Eröffnung einer Drei-Religionen-Kita, die gerade im Friedrichshain geplant wird.

Der Teejunge Kasim (Cover)
Der Teejunge Kasim (Cover) | © VIBE

Das klingt nach einem ambitionierten Projekt, da glaube ich sofort, dass sie auch gute Empfehlungen für interreligiöse Bücher haben. Was gibt es da zum Beispiel?


Das Buch "Shalom, Salaam" über die Freundinnen Jaffa und Fatima zum Beispiel haben mir beide empfohlen. Dazu sagt Gesa Ederberg:

"Es sind zwei sehr realistische Mädchen mit Ecken und Kanten und ich finde es auch immer schön, wenn ein Thema nicht nur die Religion im Zentrum hat sondern es geht eigentlich um etwas anderes und die Religion ist fast so ein Nebenthema dabei."

Eigentlich geht es nämlich um eine schreckliche Trockenzeit, weswegen die Ernte auf allen Feldern schlecht ist. Und die beiden Frauen kümmern sich auf außergewöhnliche Art und Weise darum, dass ihre Nachbarn keinen Hunger erleiden. Rabbinerin Gesa Ederberg hat noch einen Buchtipp der Titel: "Im Namen Gottes".

"Das ist ein ganz wunderschönes Buch, weil es da um die Vielfalt der Namen Gottes geht und das ist von einer Rabbinerin geschrieben, aber völlig offen in den religiösen Kontext hinein, also man erkennt am Buch nicht, ob es jüdisch, christlich oder muslimisch ist und damit ist es ein wunderbarer Gesprächsbeginn auch."

Jaffa und Fatima - Schalom, Salaam (Cover)
Jaffa und Fatima - Schalom, Salaam (Cover) | © Ariella Verlag

Gesprächsbeginn klingt gut – vor allem im Kontext unterschiedlicher Religionen – aber wenn dann Nachfragen von den Kindern kommen, bist Du dann als Elternteil nicht schnell überfordert?


In der Tat zeigt meine Erfahrung, dass Kinder immer alles ganz genau wissen wollen und Du hast Recht, da kann man schnell an seine Wissensgrenzen kommen, deswegen plädieren beide Frauen auch dafür, dass bei interreligiösen Büchern oder generell Büchern, die den Anspruch haben Religion zu vermitteln immer ein Vor- oder Nachtwort mit Erklärungen für die Eltern mitgeliefert wird. Oder sogar ein ganzen Begleitheft wie bei dem wunderbaren Wimmelbuch der fünf Weltreligionen, in dem man so richtig schön in andere Welten eintauchen kann. Dazu sagt Andrea Reimann:

"Dann gibt es da natürlich auch religiöse Handlungen, die man dort auch sieht, also es verbindet sich sozusagen mit kultischem Handeln, aber auch alltäglichem und da kann man sehr gut mit den Kindern ins Gespräch kommen."

Meine Kinder lieben dieses Buch. Und ich finde besonders gut, dass innerhalb der Religionen eine Vielfalt abgebildet wird, also dass der Islam nicht nur auf den Mittleren Osten beschränkt wird sondern man auch sehen kann, wie auf dem afrikanischen Kontinent praktiziert wird, gleiches gilt fürs Christentum zum Beispiel in Südamerika.

Klingt als könnte das Buch auch bei akutem Fernweh helfen. Du hast gesagt, dass es ein Buch gibt über das wir noch unbedingt sprechen müssen, weil es dieses Jahr mehrfach ausgezeichnet wurde.


Ja, und zwar das Buch "Wem gehört der Schnee?", das quasi die Ringparabel von Lessings "Nathan, der Weise für Kinder" erzählt. Ein muslimisches, ein jüdisches und ein christliches Kind spielen in der Altstadt in Jerusalem mit Schnee. Etwas sehr besonderes, denn es schneit dort nicht oft. Doch die Freude hält nur kurz an, weil sie sich auf einmal darüber streiten, woher der Schnee kommt und wer ihn gemacht hat. Die Antwort von jedem Kind: mein Gott, weil mein Gott der bessere ist. Jetzt ist es vielleicht ein bisschen fragwürdig, ob Kinder sich wirklich um Schnee streiten würden, außerdem merkt die Rabbinerin Ederberg an, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass sich in der Altstadt Jerusalems Kinder der drei Konfessionen begegnen würden und ihr fehlt tatsächlich ein Begleitschreiben für die Eltern, in der Begrifflichkeiten richtig erklärt werden, aber die Auflösung gefällt meinen beiden Expertinnen gut. Gesa Ederberg:

"Das ist wirklich schön, wie dann zum Schluss, dass da auch die religiösen Autoritäten gefragt werden und sozusagen nicht das Trennende betonen und eben nicht auf diese Schiene ‚ich habe die Wahrheit gepachtet‘ gehen sondern sagen, da steckt ein Geheimnis darin und es lässt sich nicht festhalten und dafür ist der Schnee natürlich sehr gut geeignet.“

Wem gehört der Schnee? (Cover)
Wem gehört der Schnee? (Cover) | © Nord-Süd-Verlag

Insgesamt finde ich ist es ein Buch, das wunderbar jetzt in diese besinnliche Zeit passt. Und ich kann sagen: das Buch hat funktioniert bei meinem 5-jährigen, der nun wahrlich sonst kein Heiliger ist. Er meinte, warum spielen die nicht einfach zusammen statt sich so lange zu streiten bis der ganze Schnee geschmolzen ist.


Infos zu den Büchern

Frag doch mal ... die Maus!: Fragen zu Gott, der Welt und den großen Religionen von Roland Rosenstock, Antje von Stemm bei Carlsen

Der Kranichbaum – Mein erstes Weihnachtsfest von Allen Say (ab 5 Jahren) bei Edition Bracklo.

Dinah und Levi: wie jüdische Kinder leben und feiern von Alexia Weiss und Friederike Großekettler bei Annette Betz im Ueberreuter Verlag

Der Teejunge Kasim von Abu B. Heyn von VIBE - Verlag für islamische Bildung & Erziehung

Jaffa und Fatima - Schalom, Salam von Fawzia Gilani-Williams und Chiara Fedele

Im Namen Gottes von Sandy Eisenberg Sasso erschienen bei Jüdische Verlagsanstalt Berlin

Das Wimmelbuch der Weltreligionen von Anna Wills und Nora Tomm bei BELTZ

Wem gehört der Schnee? bei NordSüd Verlag