Alles andere als pille-palle

Kinderbücher gegen das Fernweh

Kinderbücher mit Wiebke Keuneke

Das Leben ist vielfältig und mitunter schwierig. Aber Kinder wollen alles ganz genau wissen, egal ob knorke oder kompliziert. Und das sollen sie auch. Zum Glück gibt es zu (fast) allen Themen Kinderbücher. Mithilfe von Expert*innen wählen wir die besten für Sie aus und lernen, wie man mit Kindern über den Tod, Rassismus, Behinderung, Religionen und alles andere, was angeblich "nur für Erwachsene" ist, spricht.

Der Elch der Ewenken (Cover)
Der Elch der Ewenken (Cover) | © Verlag Jacoby & Stuart/ imago images / blickwinkel

Und heute unternimmt unsere Kollegin Wiebke Keuneke etwas gegen das Fernweh und stellt Ihnen Kinderbücher vor, in denen es in ferne Länder geht.

Der Elch der Ewenken (Cover)
Verlag Jacoby & Stuart/ imago images / blickwinkel
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Bei diesem immer grauen Wetter, Schneematsch, geschlossenen Kitas und Schulen, der wunderbaren Kombination aus Homeschooling und Homeoffice, dachte sich unsere Kollegin Wiebke Keuneke, dass vielen Familien vielleicht eine kleine Realitätsflucht, ein Eintauchen in andere Welten ganz gut tun könnte.

Wo geht es denn als erstes hin?


In den hohen Norden. In das Land der Samen. Das Buch heißt "Máttaráhkkás weite Reise: Eine Erzählung aus dem Samenland" und die Autorin – Sissel Horndal – gehört selber zu den Lulesamen. Geboren ist sie in Bodö, in Nordnorwegen. Ich habe mal geguckt, da liegen gerade so etwa 30 Zentimeter Schnee, vier Stunden Tageslicht bei minus 11 Grad. Und sie verstrickt in ihrer Geschichte auf wunderschöne Weise zwei Ereignisse: den Übergang von Herbst zu Winter – was übrigens zuallererst die Mücke bemerkt – und es dem Bären zuflüstert – Und: die Entstehung von menschlichem Leben. Und den Mythos drum herum.

Was so schön deutlich wird, ist wie wichtig die Verbindung von Mensch und Natur für die Samen stets war. Und ja: die Illustrationen zeigen wie alles – egal, ob Pflanze oder Tier - ist beseelt ist, der eiskalte Wind nimmt die Gestalt eines wütenden Wolfes an und auch die Farbwelt des Buches wandelt sich von düster und dunkel bis zu warmen lebenspendendem Sonnengelb. Wie es in dem Buch heißt "Wenn wir ganz still sind, kommt die Sonne zurück“.

Máttaráhkkás weite Reise (Cover) © Baobab Books
Máttaráhkkás weite Reise (Cover) | © Baobab Books

Demnach würde ich jetzt am liebsten schweigen, bisschen schwierig im Radio. Deswegen frage ich dich ganz nüchtern: Wo geht’s als nächstes hin?


In das Gebiet der Ewenken. Das ist eine indigene Bevölkerung, die in Gebieten in Sibirien, der Mongolei und China leben. Sie werden auch Rentiernomaden genannt. Und so heißt das Buch auch "Der Elch der Ewenken". Geschrieben hat es Gerelchimeg Blackcrane, einer der beliebtesten und zudem preisgekrönten Kinderbuchautoren Chinas. Er wuchs selber im Grasland in der Inneren Mongolei Chinas auf.

Er beschreibt in diesem Buch die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem alten Ewenken und einem Elchkalb, das seine Mutter verloren hat. Irgendwann wird aus dem kleinen Elch aber ein so stattlicher und riesengroßer Elch, dass er dem Mann leicht gefährlich werden könnte. Aber was tut man, wenn man doch eigentlich befreundet ist? Ich lass das Ende mal offen. Nur so viel: die Illustrationen der chinesischen Künstlerin Jiu Er sind so detailreich, dass man manchmal vergisst, dass es gezeichnet ist, man fühlt sich beim Lesen als würde man abtauchen in ein Meer von tausenden Fotos, die diese wilde Schönheit so authentisch darstellen.

Nächster Stopp liegt in Afrika, oder Wiebke?


Ja, im echten Leben wäre das wohl ein sehr langer Flug – von China nach Tansania. Denn dort spielen die Bücher von John Kilaka. „Der wunderbare Baum“ ist mittlerweile sein drittes. Die Originalsprache der Geschichte ist übrigens Fipa. Was auch die Muttersprache des Autors John Kilakas ist, und er hat die Stammesältesten gebeten, die Geschichten in sein Aufnahmegerät zu sprechen, denn dort werden Geschichten eigentlich nur mündlich weitergetragen.

Auch hier sind die Illustrationen so besonders, sie springen einen förmlich an, denn sie sind im so genannten Tingatinga-Stil gezeichnet, der in den 1960er Jahren in Tansania entstanden ist. Knallig bunt, blumig, groß, lebensfroh. Zum Inhalt: es herrscht Dürre. Nur ein Baum hängt noch voller Früchte. Die Tiere bekommen sie aber nicht heruntergeschüttelt. Das geht nur, wenn sie sich von der alten, weisen Schildkröte ein Zauberwort sagen lassen und dieses dann wiederholen. Aber alle großen vermeintlich wichtigen Tiere, die geschickt werden, wie der Elefant, die Giraffe, das Nashorn, vergessen das Zauberwort immer. Nur der Hase, der von niemanden respektiert wird, kann sich dann schlussendlich das Wort merken. Es heißt Ntungulu Mengenye. Meine Kinder lieben es, wenn sie merken, dass sie es sich merken können, aber der Elefant nicht. Und: es ist - Überraschung - sogar in der Sprache des Autors ein Fantasiewort.

Der wunderbare Baum (Cover)
Der wunderbare Baum (Cover) | © Baobab Books

Ntungulu Mengenye – und dann regnet es Früchte. Schön. Einen letzten Stopp hast Du noch. Und zwar weiter weg geht es kaum – nach Neuseeland.


Und zwar geht es um die uralte Maori-Geschichte vom kleinen Vogel Kiwi, der seine Flügel und seine Freiheit verliert, aber dafür die Liebe eines ganzen Volkes gewinnt. So heißt das Buch auch genauso wie der Mythos selber: "Wie der Kiwi seine Flügel verlor". Die Geschichte wurde schon von vielen Menschen ganz unterschiedlich aufgeschrieben. Unter anderem auch von dem Dresdner Tobias Krejtschi. Das ist also ein großer Unterschied zu den anderen Autor*innen, deren Bücher ich hier vorgestellt habe. Sie kamen alle selber aus diesen Ländern. Stichwort "kulturelle Aneignung" - deswegen sage ich es hier ganz transparent: Ich bin aber bei Tobias Krejtschis Version sehr angetan von den Illustrationen, er hat nämlich faszinierende Acrylbilder geschaffen, die er dann noch mit feinen Vignetten in Linolschnitt ergänzt. Ja und die Botschaft des Mythos passt wie eh und je: dass sich die Aufopferungsbereitschaft und der Mut eines einzelnen Individuums nämlich positiv auf die komplette Gemeinschaft auswirken können.

Wie der Kiwi seine Flügel verlor (Cover)
Wie der Kiwi seine Flügel verlor (Cover) | © Peter Hammer Verlag

Infos zu den heute vorgestellten Büchern


Máttaráhkkás weite Reise: Eine Erzählung aus dem Samenland
von Sissel Horndal, Verlag Baobab Books, 32 Seiten.

Der Elch der Ewenken von Gerelchimeg Blackcrane, Verlagshaus Jacoby & Stuart, 64 Seiten.

Wie der Kiwi seine Flügel verlor von Tobias Krejtschi, Peter Hammer Verlag, 24 Seiten.

Der wunderbare Baum von John Kilaka, Verlag Baobab Books, 32 Seiten.