Nach Fälschungsskandal

Vermeintlicher Relotius versucht radioeins reinzulegen

Von Daniel Bouhs (NDR) und Norbert Mertens (rbb)

Die Enthüllung über Fälschungen in "SPIEGEL"-Texten sollten genutzt werden, um weiteren Medien zu gefälschten Interviews zu verleiten.

Silhouette eines unbekannten Mannes mit einem Telefon in der Hand © imago/Science Photo Library
Silhouette eines unbekannten Mannes mit einem Telefon in der Hand | © imago/Science Photo Library

"SPIEGEL"-Redakteur Claas Relotius hatte kurz vor Weihnachten seinen Kollegen gegenüber zugegeben, dass er zahlreiche Protagonisten und Details in seinen Reportagen erfunden hat. Nun gab sich ein Unbekannter via E-Mail und am Telefon als Relotius aus und bot Medien Interviews an. Ein solches Angebot erreichte auch radioeins, das bei einer Medienberichterstattung immer wieder mit dem NDR Medienmagazin ZAPP zusammenarbeitet.

Die Redaktionen zweifelten an der Glaubwürdigkeit des Interview-Angebots. ZAPP ließ sich zunächst vom Anwalt des echten Claas Relotius bestätigen, dass es sich um einen Dritten handelt. Radioeins ging daraufhin zum Schein auf das Angebot des vermeintlichen Relotius ein, um den Betrüger zur Rede zu stellen.

Volker Wieprecht sprach darüber mit Daniel Bouhs vom NDR Medienmagazin ZAPP.

Silhouette eines unbekannten Mannes mit einem Telefon in der Hand © imago/Science Photo Library
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Der vermeintliche Relotius hatte sich eine E-Mail-Adresse mit dem Namen Claas Relotius bei einem deutschen Anbieter angelegt. In der E-Mail gab er vor, auf eine Interviewanfrage zu reagieren, die bei Relotius' Adresse beim "SPIEGEL"-Verlag angekommen sei. Er könne sich vorstellen, "zu allen Vorwürfen Stellung zu nehmen und über meine Arbeit beim 'SPIEGEL' wie auch über meine Zukunft (u.a. ein Buchprojekt) zu sprechen". Gegenüber radioeins behauptete er zudem in einem telefonischen Vorgespräch, er sei nicht der einzige der Reportagen gefälscht habe. Das habe ein "gewisses System".

Im Gespräch mit radioeins-Moderator Volker Wieprecht sagte der vermeintliche Relotius schließlich:

"Diese Geschichten werden ja überall so gebracht und da kann es gar nicht wild genug sein, nicht wahr? Deswegen war ich da auch der richtige Mann."

Betrügerisches Angebot war offenbar kein Einzelfall


Der Anwalt des echten Claas Relotius aus der Kanzlei Unverzagt von Have erklärte gegenüber ZAPP, auch andere Medien hätten bereits zu einem angeblich von seinem Mandanten angekündigten Interview nachgefragt. "Es handelt sich offenbar um einen Dritten, der - aus welchen Gründen auch immer - unter der vorgeblichen Identität unseres Mandanten Interviews anbietet", schrieb der Anwalt und stellte klar: "Unser Mandant beabsichtigt derzeit keinerlei öffentliche Auftritte oder Interviews zu erteilen."

Wer hinter dem Täuschungsversuch der Medien steckt, ist bislang unklar. Als radioeins im Interview an seiner Identität zweifelte und die stellvertretende "SPIEGEL"-Chefredakteurin Susanne Beyer zur Konfrontation dazu schaltete und die Stimme des Interviewpartners nicht als die des echten Relotius identifizieren konnte, legte er auf. Beyer ergänzte:

"Wir hören seit ein paar Tagen von einem Herren, der sich als Claas Relotius ausgibt. Wir haben auch Fotos von ihm, da trägt er eine Mütze. Und gleichwohl ist es ja so, dass wir mit Claas Relotius zusammengearbeitet haben und wissen, wie er aussieht. Das ist nicht Claas Relotius. Und er hält einen Journalistenausweis in die Kamera und da steht Claas Relotius drauf - wie auch immer er darangekommen ist oder ob er ihn gefälscht hat. Jedenfalls ist der Mann, den wir auf den Fotos sehen, nicht der Claas Relotius, den wir kennen."

Vor allem Satiriker haben in der Vergangenheit versucht, mit Fälschungen Medien zu narren. So hatte sich zuletzt ein Redakteur der "Titanic" auf Twitter mit seinem Profil als eine Redaktion des Hessischen Rundfunks ausgegeben und so die Falschnachricht in Umlauf gebracht, CDU und CSU würden ihr Unionsbündnis aufgeben.

Claas Relotius hat sich in der Affäre, die der "SPIEGEL" Mitte Dezember selbst enthüllte, bislang nur über seine bisherige Redaktion und über seinen Anwalt geäußert und dabei die wesentlichen Vorwürfe gegen ihn bestätigt.