Premierenkritik

"Decamerone" im Deutschen Theater

Im Deutschen Theater feierte gestern "Decamerone" Premiere, ein italienisches Epos aus dem 14. Jahrhundert, auf die Bühne gebracht von einem riesigen deutsch-russischen Team. Doch der Star des Abends, der Regisseur Kirill Serebrennikov, der fehlte.

Fillipp Avdeev, Regine Zimmermann und Marcel Kohler in "Decamerone" © Ira Polyarnaya
Fillipp Avdeev, Regine Zimmermann und Marcel Kohler in "Decamerone" | © Ira Polyarnaya

Es gilt als die Bibel des Erzählens schlechthin und eines der großen Geschichtenarsenale der Weltliteratur: Giovanni Boccaccios "Decamerone", verfasst in den Jahren zwischen 1349 und 1353. Seine Rahmenhandlung setzt mit der Pest in Florenz ein, vor der zehn junge Frauen und Männer auf einen Landsitz vor der Stadt fliehen. Dort erzählen sie sich zehn Tage lang jeweils zehn Geschichten (Decamerone heißt übersetzt: "Zehn-Tage-Werk"). Es sind allesamt Überlebenserzählungen, die die leidenschaftliche Liebe feiern.

Aus den insgesamt 100 Novellen hat der russische Regisseur Kirill Serebrennikov zehn Geschichten für zehn deutsche und russische Spieler*innen ausgewählt und ins Heute übertragen. Nicht auf einem toskanischen Landgut, sondern in einem profanen Gymnastikraum treffen Figuren unterschiedlichen Alters und sozialer Herkunft aufeinander. Hier trainieren auch fünf alte Frauen ihre Körper – Routinen gegen das Altern, den Tod. Die Bedrohung ist nicht in einem Außen verortet, sondern in der vergänglichen und verletzlichen Physis. Damit verschiebt Kirill Serebrennikov den Fokus von der antiklerikalen, subversiv erotischen Ausrichtung hin zu einer unheimlichen, existentiellen Körper- und Zeitbetrachtung, musikalisch strukturiert durch den Wechsel der Jahreszeiten. Was hat noch Bedeutung angesichts der Vergänglichkeit? Die Liebe. Das gesprochene Wort.

radioeins-Reporter Anton Stanislawski mit der Kritik zum Stück.

Fillipp Avdeev, Regine Zimmermann und Marcel Kohler in "Decamerone" © Ira Polyarnaya
Ira Polyarnaya
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Eine Theaterpremiere ohne Regisseur. Warum?

Weil der Regisseur Kirill Serebrennikov heißt. Ein gefeierter russischer Regisseur. Der hat schon an einigen deutsche Häusern inszeniert, auch hier in Berlin, als Filmregisseur wurde er in Cannes ausgezeichnet. Seit ein paar Jahren leitet er als Intendant das Gogol-Center in Moskau. Das Problem ist – gegen ihn läuft ein sehr umstrittenes Verfahren wegen angeblicher Veruntreuung von Fördergeldern. Zuerst war er 20 Monate lang im Hausarrest, das Projekt Decamerone wurde auf Eis gelegt. Inzwischen darf er das Haus verlassen, aber eben nicht Moskau.

Jetzt wollte das Deutsche Theater aber nicht länger warten. Also hat es das Team, Schauspielerinnen, Choreografen, Regieassistentinnen, einfach wieder und wieder nach Moskau gebracht, um dort zu proben. Die letzten Proben, um das Stück auf die Bühne des Deutschen Theaters anzupassen, wurden dann per Skype nach Moskau zu Serebrennikov übertragen. Und auch gestern Abend, zur Premiere, ließen ihn die Behörden eben nicht ausreisen. Deswegen: eine Premiere ohne Regisseur. Im Foyer, vor der Vorstellung, konnten die Besucher „Free Kirill“-Shirts kaufen.

Ein aufwendiges Projekt also, für das sich Serebrennikov ja auch noch ein echtes Epos als Vorlage ausgewählt hat.

Ja, Giovanni Boccaccios Decamerone, eine Sammlung von 100 Novellen, allesamt mit einem Thema: der Liebe. Serebrennikov hat sich zehn dieser Geschichten ausgewählt und sie ins heute übersetzt. Er erzählt sie humorvoll, lebendig und mit Charme. Die Rahmenhandlung lässt er nicht in einer Florentiner Villa spielen, sondern in einem sterilen, aber sehr ästhetischen Fitnessstudio. Das ganze Stück wird live von drei Musikerinnen auf der Bühne bespielt.

Aber das Interessanteste an dieser Inszenierung: Es spielen deutsche und russische Schauspielerinnen und Schauspieler. Und alle sprechen einfach in ihrer jeweiligen Muttersprache. Zwei bewegliche Bildschirme übersetzen das Russische. Das funktioniert einwandfrei und man merkt: da spielen Leute, die aus verschiedenen Schulen kommen. Die anders mit ihren Körpern und der Sprache arbeiten. Die Proben müssen chaotisch gewesen sein: irgendwo zwischen Englisch, Deutsch und Russisch - immer mit Simultanübersetzung der Regieanweisung. Aber das Stück wird dadurch bereichert und die Schauspielerinnen profitieren davon auch.

Wie hat dir die Inszenierung denn insgesamt gefallen?

Ich fand das ziemlich beeindruckend, das ist wirklich gutes Theater. Das Stück geht 3 Stunden, eine Länge wo mir bei anderen Stücken sehr wahrscheinlich irgendwann mal langweilig wird, bei dem hier gar nicht. Das liegt auch daran, dass das Stück wahnsinnig vielschichtig ist. Serebrennikov ordnet seine zehn Geschichten über die Liebe den vier Jahreszeiten zu. Den Wechsel besingt jeweils die Sängerin Georgette Dee.

Frühling und Sommer sind leidenschaftlich, lebendig, haben Witz und Charme. Und gerade als ich dachte: Schade, so richtig nah kommt man den Charakteren nicht, wo ich mir gewünscht hätte, dass man sich ein bis zwei Pointen gespart hätte und dafür etwas mehr Tiefgang eingebaut hätte, gerade dann kommen Herbst und Winter. Und zwar mit einer unglaublichen Wucht, mit Tragik und einer drückenden Dunkelheit die eben auch zur Liebe dazu gehören.

Am Ende ergreifen fünf ältere Damen das Wort. Die älteste von ihnen ist 85. Bislang waren sie nur Randfiguren, die mit Gymnastikbällen durchs Fitnessstudio geturnt sind. Aber dann erzählen sie echte Geschichten, aus ihrem eigenen Liebesleben.

Und allerspätestens da hatte ich meinen Tiefgang. Ich war übrigens nicht der Einzige dem es gefallen hat: Es gab mehrmals Szenenapplaus. Am Ende ist das Publikum aufgestanden beim Applaudieren.