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Religion, Herkunft und der Pressekodex

Nicht nur in Berlin war das religiös motivierte Mobbing in der Tempelhofer Paul-Simmel-Grundschule ein Thema. Bundesweit wurde darüber berichtet, wie ein jüdisches Mädchen von muslimischen Mitschülern angegriffen wurde. Kein Medium wäre auf die Idee gekommen, die Religionszugehörigkeiten unerwähnt zu lassen. Wie sonst hätte man begreifen sollen, worum es geht?  

Junge Männer auf der Straße © imago/Ralph Peters
Junge Männer auf der Straße | © imago/Ralph Peters

Aber auch die Nationalität von Straftätern wird in jüngster Zeit häufig genannt – zuletzt etwa im Fall  mehrerer Messerattacken, mutmaßlich verübt von einem Syrer, einem Afghanen und einem Iraker.

War das nicht einmal verpönt? Weil die Nennung von Religion oder Herkunft Vorurteile schüren und Minderheiten stigmatisieren könnte? Ein Kommentar von Ulrike Simon, Medienkolumnistin von SPIEGEL DAILY.

Junge Männer auf der Straße © imago/Ralph Peters
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Es war immer verpönt, die Herkunft oder Religion eines Verdächtigen zu nennen, jedenfalls dann, wenn es nicht zum Verständnis der Tat beitrug. Es musste also einbegründbarer Sachbezug“ vorliegen. So lautete die Richtlinie im Pressekodex. Er dient Journalisten im redaktionellen Alltag als Orientierungshilfe in medienethischen Fragen.

Die Richtlinie hätte, wenn Sie mich fragen, unangetastet bleiben können. Doch 2016, unter dem Eindruck der Silvesternacht in Köln, fingen Journalisten plötzlich an darüber zu debattieren, ob es in Ordnung ist, Offenkundiges zu berichten: dass das nämlich keine Bio-Deutschen waren, die da auf der Domplatte Frauen begrapschten und angriffen.

Die Debatte zeugte nicht nur von einer tiefen Verunsicherung bei Journalisten. Sie war in meinen Augen von dem Wunsch beseelt, dass ihnen einer die Verantwortung für das abnimmt, was ihr Job ist. Dass ihnen jemand den Segen erteilt zu berichten, was offenkundig ist.

Die Diskussion endete erst, als die Richtlinie geändert wurde. Das ist nun genau ein Jahr her. Seitdem kommt es bei der Nennung von Herkunft oder Religion eines Verdächtigen nicht mehr auf den Sachbezug an, sondern darauf, ob „ein begründetes öffentliches Interesse“ vorliegt.

Kurzum: Entscheidend ist, wie erpicht das Publikum darauf ist zu erfahren, ob es ein Muslim, ein syrischer Flüchtling oder Hans-Peter F. aus Dahlem war, der etwas Kriminelles angestellt hat.

Wann aber ist von einem begründeten öffentlichen Interesse die Rede? Zum Beispiel dann, wenn die Polizei, wie sie es inzwischen reichlich tut, in sozialen Netzwerken Herkunft und Religion eines Verdächtigen angeben – Medien das dann aber weglassen. Es gibt schließlich immer welche, die unterstellen, da würden missliebige Information verschwiegen und die Wahrheit unterdrückt.

Das hört sich so an, als hätte die neue Richtlinie nicht gerade zum Besseren geführt.


Denjenigen Journalisten jedenfalls, die darauf gehofft hatten, dass ihnen jemand die Verantwortung abnimmt, kann ich nur sagen: Pech gehabt. Denn Regeln ersetzen das Nachdenken nicht.

Als ich mich jetzt bei Redaktionen umgehört habe, was die neue Richtlinie gebracht hat, sagte Kai Gniffke, der für „Tagesthemen“ und „Tagesschau“ zuständige Chefredakteur: Ein einfaches „Das machen wir immer so“, funktioniere nicht. Es gelte weiterhin abzuwägen. Zwar könne es Vorurteile gegenüber Medien fördern, wenn die Herkunft nicht genannt wird. Das dürfe aber „nicht dazu führen, dass wir jetzt einknicken und aus Angst vor Kritik einfach immer die Täterherkunft nennen“. 

Denn, mal ehrlich: Wenn demnächst irgendeine lautstarke Gruppe ein öffentliches Interesse vermuten lässt, dass auch Haut- oder Haarfarbe von Verdächtigen genannt werden: Sollen wir Journalisten das dann auch immer mit reinschreiben, damit bloß nicht der falsche Verdacht aufkommt, wir würden etwas verschweigen?

„Bild“ übrigens ist das sowieso alles schnurz. Dort bekam ich zur Antwort: Am „praxisfernen Geist“ der Richtlinie habe sich nichts geändert. Sie sei weiterhin belehrend. Deshalb lege „Bild“ eigene journalistische Maßstäbe an.

Den Verdacht hatte ich immer schon.