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AfD fordert Auflistung ausländischer Künstler der Stuttgarter Staatstheater

Der Theaterbetrieb diskutiert hitzig über eine Kleine Anfrage der AfD im Landtag von Baden-Württemberg. Zwei Abgeordnete der AfD wollten wissen, welche Staatsangehörigkeit die Tänzerinnen, Orchestermusiker und Sängerinnen und Sänger an den staatlichen Bühnen haben und wo sie ausgebildet wurden.

Opernhaus im Oberen Schlossgarten in Stuttgart © imago/Westend61
"Die Anfrage der AfD spricht für sich selbst, und sie führt zur Überlegung, was für ein Sinn sich dahinter verbergen könnte", sagte der Geschäftsführende Intendant der Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks | © imago/Westend61

Die Verwunderung über die Anfrage der AfD war groß - muss man jetzt Listen mit Deutschen und Nicht-Deutschen erstellen? Groß war auch der Zorn der Kulturszene im Süden. Es gab Kundgebungen vor Ort und Solidaritätsadressen aus der ganzen Bühnenrepublik, sofern die Theaterleute nördlich des Rheins nicht schon in den verdienten Ferien weilen. Aber was heißt schon Ferien, wenn man am Strand alles kommentieren kann.

War es richtig, der Kleinen Anfrage der AfD im Süden so viel bundesweite Aufmerksamkeit zu schenken? Ein Kommentar des Berliner Kulturjournalisten Tobi Müller...

Opernhaus im Oberen Schlossgarten in Stuttgart © imago/Westend61
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Also ich gehöre nicht zur Fraktion, die meint, die Rechten verschwinden, wenn man sie nur lange genug ignoriert. Irgendwie hat diese Strategie nie mehr funktioniert, seit ich im Alter von drei Jahren die Augen zugemacht habe am Esstisch und der blöde Spinat dennoch nicht vom Teller verschwand. Aber in diesem Fall war die Reaktion überzogen, ja kontraproduktiv.

Der liberale Kulturbetrieb ist in die Falle gelaufen. Manche wären gut beraten gewesen, nicht der AfD, sondern dem Anfragetext etwas Aufmerksamkeit zu schenken, ihn also einfach mal zu lesen. Zur Hälfte will er wissen, welche Compagnien und Opernstudios es gibt im Land Baden-Württemberg, bei den Orchestern spricht er einschränkend von „staatlichen“ Einrichtungen. Das ist etwas wirr, man könnte das einfach Googeln.

Die andere Hälfte der Anfrage will tatsächlich die Staatsangehörigkeiten der Beschäftigten abfragen. Wie so viele Rechte beherrschen auch die beiden AfD-Abgeordneten die Rhetorik des Nahelegens. Dass zu viele Ausländer in den staatlichen Kulturinstitutionen angestellt seien, kann man im Text nur vermuten. Doch es steht nirgends so da. Warum dann darauf reagieren? Das ist sie, die Falle.

Volles Rohr reingelaufen ist das Theater Ulm, das seinerseits eine Kleine Anfrage gestellt hat. Zwei der vier Punkte im O-Ton: „Wie viele Mitglieder des AfD-Landesverbandes Baden-Württemberg sind vorbestraft?“ und „Wie viele Mitglieder des AfD-Landesverbandes haben einen Schulabschluss und wo haben sie diesen erhalten?“ Das Theater Ulm stilisiert die AfD zur Partei der Knastbrüder und Schulabbrecher. AfD, die Heimat der Underdogs – das freut die Rechten aber! Nur stimmt es halt so nicht, und bestätigt noch einmal das Klischee der arroganten Kultureliten. Auf die Gefahr hin, selbst arrogant zu wirken: Ich glaube, das wäre in Berlin so nicht passiert.

Warum nicht? Weil die AfD sich nicht getraut hätte, eine zumindest rassistisch interpretierbare Anfrage zu stellen? Oder weil die Berliner Theater anders reagiert hätten?


Ich wünschte beides, wenn ich die Augen ganz fest zumache. Die Anzahl verschiedener Nationen hätte man in Berlin wohl ruhiger beantwortet, selbstverständlich ohne genaue Namenslisten. Wenn sich danach jemand aufregt über nicht-deutsche Künstler, wäre noch Zeit genug, der AfD die Künste zu erklären. So hat man, Fairness muss sein, auch in Stuttgart die Anfrage beantwortet, nur halt mit viel Getöse.

Aber ich vermute noch einen weiteren Grund für diese überinstrumentierte Abwehr der Theaterszene. Dazu muss man die Anfrage noch ein letztes Mal lesen. Das Schauspiel wird nämlich nicht erwähnt, obwohl die Sparte in Stuttgart genauso zum Staatstheater gehört. Die AfD hat das Schauspiel im Wissen darum ausgespart, dass da vorwiegend Deutsche arbeiten. Für die weltoffenen Kulturfreunde ist aber genau das der blinde Fleck: Denn das deutsche Theater ist wahnsinnig deutsch, auch wenn die Städte anders aussehen und zu Hause oft anders gesprochen wird.

Ehrlich, ich würde ganz gerne mal wissen, wie viele Menschen an den Berliner Theatern keinen deutschen Pass oder Migrationshintergrund haben und diese Zahl dann mit dem Einwohneramt abgleichen. Das Resultat würde weder der AfD gefallen noch jenen, die im Theater den Hort der liberalen Demokratie sehen. Man müsste dann nämlich mehr Nicht-Deutsche und Eingewanderte anstellen, und nicht weniger. Natürlich nur dann, wenn man für eine repräsentative Demokratie und Theaterlandschaft ist.