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Friedrich Merz und die Rolle von Journalisten

Der CDU-Politiker Friedrich Merz hat sich herablassend über die Rolle von Journalisten geäußert. Auf einer Veranstaltung in Aachen sagte Merz, Politiker könnten über YouTube und andere eigene Social-Media-Kanäle ihre Interessen wahrnehmen. Die herkömmlichen Medien brauche man dafür nicht mehr.

Zwischen dem Deutschen Journalisten-Verband und dem früheren Unionsfraktionsvorsitzenden Friedrich Merz ist zu einem Schlagabtausch über Äußerungen zum Verhältnis von Politikern und Journalisten gekommen © dpa/Kay Nietfeld
Zwischen dem Deutschen Journalisten-Verband und dem früheren Unionsfraktionsvorsitzenden Friedrich Merz ist zu einem Schlagabtausch über Äußerungen zum Verhältnis von Politikern und Journalisten gekommen | © dpa/Kay Nietfeld

"Im Augenblick gibt es ja eine richtige Machtverschiebung zwischen denen, die Nachrichten verbreiten, und denen, die Nachrichten erzeugen. Und zwar zugunsten derer, die die Nachrichten erzeugen. Wir brauchen die nicht mehr" - erklärte Friedrich Merz im Januar beim "AKV-Rittertalk", einer Vortragsreihe des Aachener Karnevalsvereins.

Erst Anfang dieser Woche, knapp vier Wochen später, wurde eine größere Öffentlichkeit auf die Äußerungen von Merz aufmerksam. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) zeigte sich empört und wandte sich in einem offenen Brief an Merz. Darin warnte der Verband davor, die klassischen Medien als vierte Säule des Staats aushebeln zu wollen. Man frage sich, ob Merz Journalisten für eine überflüssig gewordene Berufsgruppe halte.

Ist es beunruhigend, wenn ein möglicher CDU-Vorsitzender sich so verächtlich über die Presse äußert? Ein Kommentar von Stefan Niggemeier, Medienjournalist und Gründer von Übermedien.de

Zwischen dem Deutschen Journalisten-Verband und dem früheren Unionsfraktionsvorsitzenden Friedrich Merz ist zu einem Schlagabtausch über Äußerungen zum Verhältnis von Politikern und Journalisten gekommen © dpa/Kay Nietfeld
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Ich glaube, man muss da zwei Sachen trennen: Das, was er sagt - und die sichtbare Freude, mit der er es sagt. Erst einmal zu dem Inhalt: Da muss man sagen, Friedrich Merz hat einfach recht. Politiker und andere Prominente sind nicht mehr auf Journalistinnen und Journalisten angewiesen, um mit dem Publikum zu kommunizieren. Sie können YouTube nutzen, Twitter, Facebook, was auch immer, und können sich mitteilen - ohne dass ihre Aussagen von Journalisten gekürzt, gefiltert, hinterfragt oder eingeordnet werden.

Diese "Machtverschiebung", von der Merz spricht, ist schlicht eine Tatsache. Ich glaube, es hilft erst einmal, das anzuerkennen, anstatt sich darüber aufzuregen.

Jetzt hat Merz aber diese Tatsache selbst auch bewertet. "Das ist das Schöne", hat er gesagt. Und: "Das ist die gute Nachricht der Digitalisierung": Dass man, wenn man es gut macht, die eigenen Interessen wahrnehmen und die Deutungshoheit behalten kann.

Aus der Sicht von jemandem, der etwas mitteilen will, stimmt das natürlich auch: Diese Machtverschiebung zu ihm oder ihr ist eine rundum positive Entwicklung - auch wenn der Gedanke, dass man die Deutungshoheit behält, natürlich sehr optimistisch ist. Und gerade die CDU hat ja in der jüngeren Vergangenheit nicht so wahnsinnig viele Beispiele dafür geliefert, wie man solche direkten Kanäle vorbildlich nutzt.

Übrigens ist die Entwicklung auch aus der Sicht des Publikums oft positiv, weil es sich ein eigenes Bild machen kann von Original-Zitaten oder Original-Aufnahmen - ohne die Verkürzungen, die selbst im besagten Fall passieren, wenn Journalisten daraus Meldungen machen.

Aber die Realität ist doch, dass viele Mächtige diese direkten Kanäle nutzen, um sich kritischer Nachfragen zu entziehen und ungefiltert Lügen oder Propaganda zu verbreiten - siehe Donald Trump und viele Populisten.

Ja, das stimmt, und deshalb kann man die Aussagen von Merz - und insbesondere die Häme, die man in den Satz "Wir brauchen die nicht mehr" - auch kritisch sehen. Den Reflex verstehe ich schon. Trotzdem halte ich die Aufregung für total übertreiben - und eben, reflexhaft. Der Deutsche Journalisten-Verband ist da immer super empörungsbereit und hat gleich einen offenen Brief an Merz geschrieben und gefragt, ob er "allen Ernstes Journalisten und Medien als ‚vierte Säule‘ des Staates aushebeln" will.

Das folgt alles so einer Wehret-den-Anfängen-Logik, okay, aber es wirkt halt auch wahnsinnig hilflos, defensiv und hysterisch. Merz hat gar nicht gesagt, dass er Medien als vierte Gewalt aushebeln will. Ich halte es auch falsch, dass verschiedene Medien behauptet haben, er habe "Kritik an Medien geübt" oder er habe "der herkömmlichen Medienberichterstattung" eine Absage erteilt. Dass so viele das so irreführend berichten, ist übrigens ein weiterer Beleg dafür, wie gut es ist, dass man sich heutzutage selbst Merz im Original ansehen kann - wenn auch mit etwas Pech mit peinlicher Musik vom Karnevalsverein unterlegt.

In Wahrheit geht es nicht darum, ob Politiker, wie Merz, die Medien brauchen, sondern ob die Bürger die Medien brauchen. Für sie sind sie da - und für sie sollen sie zum Beispiel Aussagen und Taten der Politiker überprüfen, kontrollieren, einordnen, kritisch hinterfragen. Wenn sie das gut machen, behalten sie auch in einer Welt, in der es endlos viel direkte Kommunikation gibt, ihren Wert. Und der hängt nicht davon ab, was Friedrich Merz darüber denkt oder sagt.