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Migrationsdebatte um den Oberbürgermeister von Hannover

Am Sonntag ist der Grüne Belit Onay zum Oberbürgermeister von Hannover gewählt worden. Das war schon deshalb eine überregionale Nachricht, weil es das seit dem Krieg nicht gegeben hat.

Belit Onay, neuer Oberbürgermeister von Hannover © dpa/Julian Stratenschulte
Der 38 Jahre alte Landtagsabgeordnete Onay hatte sich in der Stichwahl mit 52,9 Prozent der Stimmen gegen den für die CDU angetretenen Parteilosen Eckhard Scholz durchgesetzt | © dpa/Julian Stratenschulte

Alle Oberbürgermeister in Hannover in den letzten 70 Jahren waren Sozialdemokraten. In den Meldungen wurde aber auch etwas anderes betont: Dass Onay "türkischstämmig" sei. Die Nachrichtenagentur dpa wiederholte in vielen Meldungen, dass er "der erste Oberbürgermeister mit Migrationshintergrund in einer Landeshauptstadt" sei. Daran gab es Kritik. Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert zum Beispiel wies auf Twitter darauf hin, dass Onay in Goslar geboren wurde, "was weder ostanatolisch anmutet, noch den Charme der türkischen Riviera versprüht".

Ist es nicht eine Form von Ausgrenzung, wenn ein in Deutschland geborener Deutscher als "türkischstämmig" bezeichnet wird? Ein Kommentar von Stefan Niggemeier, Medienjournalist und Gründer von Übermedien.de

Belit Onay, neuer Oberbürgermeister von Hannover © dpa/Julian Stratenschulte
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Die Gefahr ist zumindest, dass so wirkt - insbesondere angesichts einer Partei wie der AfD, die häufiger so tut, als seien Deutsche mit Migrationshintergrund gar keine "richtigen" Deutschen, vor allem wenn sie eine Straftat begehen. In diesem politischen Klima ist es ganz  besonders wichtig, sich über die Wirkung solcher Begriffe Gedanken zu machen, und Kevin Kühnert hat Recht, wenn er in seinem Tweet auch schreibt: "Sprache schafft Realität".

Andererseits ist es ja tatsächlich noch eine Besonderheit, wenn ein Mensch mit Migrationshintergrund in Deutschland in ein hohes Amt gewählt wird. Die ist, zugegeben und zum Glück, im konkreten Fall nicht mehr ganz so außergewöhnlich. 2015 wurde Ashok-Alexander Sridharan in Bonn erster Oberbürgermeister mit Migrationshintergrund - sein Vater stammt aus Indien. Der Rekord, der jetzt gebrochen wurde, ist also schon etwas spezieller, "erster Oberbürgermeister einer Landeshauptstadt", naja.

Das ist aber natürlich auch ein unausrottbarer Hang der Medien, ganz unabhängig von dem Thema, solche Superlative zu suchen.

Es geht hier aber nicht nur um den Superlativ, sondern die grundsätzliche Frage, ob man Menschen so nicht auf ihre Herkunft oder gar die ihrer Eltern reduziert - statt zum Beispiel einfach über ihre Politik zu reden.


Ich glaube schon, dass das Publikum ein Interesse an dem Menschen hinter dem Politiker hat, und dass das auch legitim ist. Oft lassen sich ohnehin Biographie und Politik nicht trennen. Onay hat persönlich Rassismus erlebt. Und die rassistischen Anschläge in Deutschland in den 90er Jahren haben ihn nach eigenen Worten geprägt, auch gerade in seinem politischen Engagement. Es wäre völlig falsch, das auszublenden.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland hat in einem Interview gesagt, es sei ein "hervorragendes Ergebnis", dass es einem "Gastarbeiterkind" möglich sei, Bürgermeister zu werden. Und die Wahl sei ein "Zeichen der Normalisierung".  Das ist das merkwürdige, etwas paradoxe Spannungsfeld. Die Wahl von Onay ist beides: Eine Besonderheit und ein Schritt zur Normalisierung.

Normalisierung bedeutet einerseits, dass wir in Zukunft nicht mehr groß hervorheben müssen, dass es jemand mit Migrationshintergrund in irgendein Amt geschafft hat, weil er oft genug passiert sein wird. Und weil wir es vielleicht geschafft haben, dass ein Migrationshintergrund gar keine besonders zu erwähnende Tatsache sein wird. Aber Normalisierung  bedeutet nicht, dass die besonderen Erfahrungen, die Menschen wegen ihrer Herkunft oder der ihrer Eltern gemacht haben oder wegen ihrem Namen, ihrem Aussehen, dass diese Erfahrungen kein Thema mehr sind oder sein sollten. Diese Erfahrungen prägen Menschen - so wie andere Erfahrungen auch. Und man muss da auch denen widersprechen, die darauf hoffen, dass "Normalisierung" bedeutet, dass solche Themen ausgeblendet werden.

Also: Es wäre falsch, den neuen Oberbürgermeister von Hannover auf seinen Migrationshintergrund zu reduzieren. Aber es ist richtig, ihn zu würdigen. Auch, weil er eine Inspiration für andere sein kann.