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Rekordjahr für Netflix: Ist das verdient?

200 Millionen Abonnent*innen - eine Grenze, die Netflix gerade geknackt hat. Der Streaming-Dienst hat aktuelle Zahlen veröffentlicht, die dafür gesorgt haben, dass die Aktie an der Börse einen großen Sprung nach oben gemacht hat.

Netflix, Apple und Co.: Apps der Streamingdienste auf einem Smartphone
Netflix, Apple und Co.: Apps der Streamingdienste auf einem Smartphone | © www.imago-images.de

25 Milliarden Euro Umsatz hat Netflix im vergangenen Jahr gemacht, 2,8 Milliarden Euro Gewinn. 8,5 Millionen neue zahlende Abonnenten sind allein im vierten Quartal hinzugekommen, deutlich mehr als vorausgesagt. Eine Erklärung dafür liegt auf der Hand: Ein großer Teil der Weltbevölkerung sitzt gerade zuhause, Kinos, Theater, Kneipen sind in vielen Ländern geschlossen - da ist ein schier endloses Angebot von Serien und Filmen ein naheliegender Krisengewinner.

Profitiert Netflix da nur von der Pandemie? Ein Kommentar von Stefan Niggemeier, Medienjournalist und Gründer von Übermedien.

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Ja, sicher auch. Falls irgendwann die Goldenen Zwanziger beginnen, die von einigen ja jetzt versprochen werden, die große Zeit nach dem Ende der Beschränkungen, wenn alle wieder reisen und ausgehen, würde das natürlich auf Kosten der Zeit gehen, die wir vor den Fernsehgeräten verbringen. Aber ob die wirklich schon dieses Jahr anbrechen - oder nächstes oder doch erst 2023?

Es gibt aus Sicht von Netflix einige Indizien, die darauf hindeuten, dass das Unternehmen sich trotzdem keine zu großen Sorgen machen muss. Zum Beispiel ist vor gut einem Jahr die Konkurrenz Disney Plus gestartet, zunächst in den USA, im März 2020 auch in Europa. Der Start war außerordentlich erfolgreich: Auch Disney Plus hat inzwischen über 80 Millionen Abonnenten.

Und trotzdem ist Netflix gewachsen. Das deutet darauf hin, dass Leute bereit sind, mehr als einen Streamingdienst zu abonnieren. In Deutschland zeigen Umfragen, dass Menschen rund 20 Euro monatlich für solche Angebote ausgeben würden - das könnte für ungefähr zwei Anbieter reichen, obwohl Netflix auch nach und nach immer weiter die Preise erhöht.

Trotzdem ist die immer größer werdende Zahl von konkurrierenden Streaming-Diensten natürlich eine Herausforderung: Wie viele Abos will man als Zuschauer wirklich abschließen? Insbesondere, wenn es ja immer noch in Deutschland ein sehr großes Angebot von kostenfreien Programmen gibt - und solchen, für die man mit seinen Rundfunkbeiträgen schon gezahlt hat.

Aus Sicht der Streaming-Anbieter geht es auch darum, Zuschauer möglichst auf Dauer an sich zu binden und nicht als Kurzzeit-An- und Abbesteller, um mal ein Highlight zu gucken. Disney plus hat deshalb zum Beispiel eine Strategie, Serien nicht in einem Rutsch zu veröffentlichen wie Netflix, sondern schön Woche für Woche.

In so einem Markt muss es das Ziel von Netflix sein, quasi als der Standard-Streaming-Dienst zu gelten. Zu dem sich verschiedene Leute, je nach Interesse, vielleicht noch einen zweiten dazu buchen, vielleicht Sky oder Disney Plus oder ganz vielleicht sogar sowas kleines wie Joyn in Deutschland.

Aber was bedeutet das fürs Programm? Netflix wächst, aber es ist auch nicht mehr der "heiße Scheiß". In den Feuilletons werden schon Abgesänge geschrieben.


Ja, ein Kollege in der "Welt" hat gerade sieben Gründe dafür formuliert, warum er jetzt sein Netflix-Abo kündigt. "Jeder hat Netflix abonniert, keiner findet es richtig gut", schreibt er. Es triumphiere die Mittelmäßigkeit.

Das ist nicht ganz falsch. Wer sehr viele Leute begeistern will, muss genug Programme anbieten, die nicht Avantgarde sind. Ich persönlich finde es eher seltsam, dass Netflix dabei auch gerade in Deutschland Programme produziert, die so bieder sind, dass sie wirklich genauso gut im ZDF laufen könnten. Es gab da zum Beispiel einen Weihnachtsdreiteiler mit Luke Mockridge ... aber auch der soll viele Zuschauer erreicht haben.

Natürlich wird Netflix schon aufgrund der schieren Masse seines Outputs viel Mittelmäßiges produzieren. Aber mein Gefühl ist, dass sie es bislang sehr gut schaffen, Sendungen in Auftrag zu geben, über die die Leute reden und das ist gut, selbst wenn einem nicht jedes Programm davon gefällt. Die Schachserie "Damengambit" ist ein Beispiel dafür, die unfassbare Doku "Tiger King" im vergangenen Jahr oder aktuell "Bridgerton", ein knallbunter Groschenroman, der in England vor 200 Jahren spielt. Ich fand den zum Beispiel wirklich nicht gut, aber er ist nicht mittelmäßig, sondern ungewöhnlich und Anlass für Gespräche. Netflix selbst sagt, sie wollen Hits produzieren, die den "kulturellen Zeitgeist" erfassen. Ich finde, das gelingt ihnen ganz gut.