Wissen - Denken - Meinen

Die Macht der Worte

Viele Menschen im westlichen Ländern, die keine weiße Hautfarbe haben, kennen diesen Satz: "Geh doch zurück nach Hause, wenn es dir hier nicht passt." Es ist eine alltägliche Form von Rassismus, und das ist schlimm genug. Neu ist, dass auch der amerikanische Präsident sich so äußert.

Symbolbild für politisches Framing: ein Politiker spricht am Stehpult auf dem Lauf einer Pistole © imago/Ikon Images
Journalisten müssen sich immer wieder Gedanken machen, welche Wörter sie verwenden und welches Bild von der Realität sie damit vermitteln - das betrifft nicht nur den amerikanischen Präsidenten. | © imago/Ikon Images

Am Sonntag rief Donald Trump einer Gruppe von linken Kongressabgeordneten zu, sie könnten doch Amerika verlassen, wenn es ihnen hier nicht gefällt, und dahin zurückgehen, wo sie ursprünglich hergekommen seien. Er meinte vier Frauen, die gemein haben, dass sie alle nicht weiß sind. Sie haben aber alle die amerikanische Staatsbürgerschaft, drei von ihnen sind auch in den USA geboren.

Von dem Sturm der Entrüstung, den er auslöste, ließ sich Trump nicht beirren, im Gegenteil, er wiederholte und verstärkte seine Angriffe. In den amerikanischen Medien hat das eine Debatte ausgelöst, wie darüber zu berichten ist.

Dürfen Medien selbst von "rassistischen Aussagen" sprechen? Oder müssen sie sich mit solchen Urteilen zurückhalten? Ein Kommentar von Stefan Niggemeier, Medienjournalist und Gründer von Übermedien.de

Symbolbild für politisches Framing: ein Politiker spricht am Stehpult auf dem Lauf einer Pistole © imago/Ikon Images
imago/Ikon Images
Download (mp3, 5 MB)


Ich glaube, sie dürfen nicht nur von rassistischen Aussagen sprechen, sie müssen es auch. Der Umweg, den viele Medien genommen haben - in den USA, aber auch international - ist ja, Formulierungen zu verwenden wie: "Kritiker nannten die Aussagen rassistisch"? Das kann man natürlich immer machen - aber in Wahrheit eben auch nicht. Das ist eine Krücke. Weil wir damit als Journalisten die Aufgabe, die Tatsachen zu benennen, an andere delegieren. Und natürlich die Benennung auch gleichzeitig entwerten: Kritiker werden Trump natürlich immer kritisieren, das sagt ja der Name schon.

Es ist natürlich richtig, dass Journalisten sich in den  Nachrichten zurückhalten sollen mit eigenen Urteilen und Bewertungen - die sind den Kommentaren vorbehalten und natürlich dem Publikum, das sich selbst eine Meinung dazu bilden kann. Aber es gilt der alte Leitspruch von "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein, "Sagen, was ist". Wir können nicht ernsthaft darüber diskutieren, ob diese Sätze von Trump rassistisch sind. Natürlich sind sie rassistisch, es ist, wie die "New York Times" schrieb, eine rassistische Sprachfigur, die Jahrhunderte zurückreicht. Zu diskutieren wäre stattdessen darüber: Welche Strategie verfolgt Trump mit diesem offenen Rassismus, unter welchen Bedingungen kann sie Erfolg haben, welchen Schaden richtet er damit an?

Interessanterweise scheint sich diese Erkenntnis auch bei einigen großen Medien durchgesetzt zu haben: Der Fernsehsender CBS, der zunächst den Vorwurf des Rassismus nur zitierte, machte ihn sich in seiner Hauptnachrichtensendung am Montagabend dann auch zu Eigen. Auch andere Medien - nicht alle - gaben ihre Zurückhaltung auf.

Aber kommt dann nicht gleich wieder der Vorwurf, dass die Medien parteiisch sind und sich auf eine Seite schlagen?


Ja, natürlich kommt der, aber er ist falsch und die Medien müssen diese Kritik aushalten. Wenn Leute ein Problem damit haben, dass Rassismus Rassismus genannt wird, sind sie es, die die Realität verzerren - und aus Parteilichkeit die Augen vor den Tatsachen verzerren. Übrigens ist das Ganze auch nur eine Variante einer Diskussion, die wir vor längerer Zeit schon über Trump geführt haben: Sollen Medien seine Lügen Lügen nennen? Es gab auch da ein Zögern bei vielen Kollegen, weil der Begriff so emotional aufgeladen ist, aber wenn jemand immer wieder Dinge sagt, die nachweislich falsch sind und von denen er wissen muss, dass sie falsch sind, wäre jedes andere Wort eben keine korrekte Beschreibung der Wirklichkeit. Die sprachliche Eskalation spiegelt nur die Eskalation in der Wirklichkeit wieder.

Journalisten müssen sich immer wieder Gedanken machen, welche Wörter sie verwenden und welches Bild von der Realität sie damit vermitteln. Das betrifft nicht nur den amerikanischen Präsidenten. Der "Guardian" hat vor kurzem beschlossen, in der Regel nicht mehr von "Klimawandel" zu sprechen, sondern von der "Klimakrise". Da kommen natürlich auch sofort die Kritiker und unterstellen eine politische Agenda und ein einseitiges "Framing". Doch wir framen ein Thema auch dann, wenn wir Wörter benutzen, die zwar etabliert sind, aber eine inzwischen dramatische Entwicklung verharmlosen. Was mit dem Klima passiert, ist längt kein entspannter "Wandel" mehr, und was Donald Trump tut, ist nicht bloß irgendeine unsensible Provokation.