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Gut gemeint, aber auch gut gemacht? Fernsehen in Corona-Zeiten

Alles ist anders in Zeiten von Corona. Auch im Fernsehen. Mal sitzen die Protagonisten jeder für sich zuhause oder in ihren Büros und sind per Skype miteinander verbunden. Talkshows sehen aus wie die Video-Besprechungen vieler Beschäftigter, die sich gerade im Homeoffice befinden. Selbst die Shows, die noch in richtigen Studios produziert werden, müssen ohne Studiopublikum auskommen, ohne Lacher und Applaus.
 
 

"Extra 3" vom NDR mit Christian Ehring im Homeoffice am 18.03.2020 (Screenshot)
"Extra 3" vom NDR mit Christian Ehring im Homeoffice am 18.03.2020 (Screenshot) | © NDR

Funktioniert das oder ruiniert das Coronavirus auch das Unterhaltungsfernsehen? Ein Kommentar von Stefan Niggemeier.

Erstmal hat es das Unterhaltungsfernsehen paradoxerweise belebt: Plötzlich muss sich jeder Produzent und jeder Sender etwas einfallen lassen. Viele normale Routinen funktionieren nicht mehr - man muss kreativ werden, und das heißt eben auch: man kann kreativ werden.

Ich finde, es gab einige schöne Beispiele dafür. Christian Ehring zum Beispiel musste eine Ausgabe "Extra 3" im NDR-Fernsehen in der vergangenen Woche von zuhause moderieren, und das hat die Redaktion richtig schön inszeniert, dass es aussah, als ob er in einer Videokonferenz da seine Privatfotos zeigt und auch die Filme selbst abfährt. Klaas Heufer-Umlauf hat in "Late Night Berlin" mangels Studiopublikum Lacher vom Band eingespielt - und immer eingeblendet, woher die angeblich stammen, also zum Beispiel "How I Met Your Mother, Staffel 2, Folge 17". Jan Josef Liefers hat im Ersten eine kleine Show aus seinem Keller gemacht: Mit der Kellertreppe als Showtreppe. Seine Frau Anna Loos hat nicht nur die Kamera gehalten, sondern war anscheinend auch für das Licht zuständig, mit einer großen Stehlampe, die sie in die richtige Richtung hielt. Und der Sänger Sascha hat sich mit dem Mobiltelefon so aufgenommen, dass er ein vierstimmiges Corona-Lied mit sich selbst singt.

Es sind viele kleine oder größere Ideen, es ist ein Ausbruch aus der Routine, und teilweise ist es auch eine Renaissance des Live-Fernsehens: Bei Sat.1 sendet jeden Abend um 18 Uhr Luke Mockridge live und kommuniziert mit Zuschauern und Gästen. Und diese RTL-Show mit Pocher, Gottschalk und Jauch ist auch live. Das trägt halt alles auch zu dem Gemeinschaftsfühl bei: Wir sind alle in derselben Situation, und das olle Fernsehen ist ein gutes Medium dafür. Und wer hätte gedacht, dass ein Sender wie RTL, dessen Programm seit vielen Jahren mehr oder weniger unverändert ist, einfach mal so kurzfristig beschließt, jeden Abend um 20:15 Uhr ein experimentelles Live-Format zu bringen.

Was wir da erleben, ist eine Störung des Normalbetriebes, und das ist gerade für so erstarrtes Medium wirklich oft belebend!

Aber ist es nicht oft auch öde? Ist das wirklich gute Unterhaltung, diesen ganzen Videokonferenzen zuzusehen?

Naja, es ist ein schmaler Grat, auch technisch. Es ist einerseits ganz befreiend zu sehen, dass man viel technisches Brimborium zur Not auch weglassen kann. Andererseits ist der Reiz auf Dauer auch begrenzt, auf kleine Fenster starren, wo Leute schlecht beleuchtet mit weißen Kopfhörerstöpseln in den Ohren vor Raufasertapeten sitzen und in erbärmlicher Tonqualität aneinander vorbeireden, weil sie sich auch gegenseitig nicht gut verstehen.

Und tatsächlich muss man die Möglichkeit, die es gerade zur Improvisation gibt, eben auch kreativ nutzen. Ohne das ganze Brimborium fällt sonst halt auch eine inhaltliche oder künstlerische Leere besonders auf.

Und wenn eine Talkshow schon so notdürftig zusammengestrickt ist wie etwa die NDR-Talkshow per Videokonferenz gestern, dann ist es besonders blöd, wenn sie nicht live ist, sondern schon vor vielen Stunden aufgezeichnet wurde, so dass eine Diskussion darüber, ob Olympia stattfinden soll, längst überholt ist.

Bei Vox gibt es heute Abend um 20:15 Uhr eine neue Show: Mark Forster macht eine Musiksendung mit vielen virtuellen Mini-Konzerten aus Wohnzimmern und Heim-Studios.  Das klingt nach einer vergleichsweise guten Idee - zeigt aber auch, in welcher parodoxen Situation das Medium Fernsehen inzwischen ist. Es bildet nur ab, was tausendfach in den letzten Tagen schon überall auf der Welt auf irgendwelchen Instagram-, Youtube- oder Facebook-Kanälen passiert ist: Spontane Online-Lesungen, -Konzerte, -Aktionen. Auch das zeigt sich in diesen Tagen: Für die große kleine Show brauchen die Menschen das Fernsehen gar nicht mehr.