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Bild gegen Drosten

Die FAZ nennt es heute den "Versuch einer Vernichtung": Die Bild-Zeitung arbeitet sich an dem Charité-Virologen Christian Drosten ab. Nicht erst seit dieser Woche schürt sie Zweifel an seiner Qualifikation und seinen Empfehlungen.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin © dpa/Christophe Gateau
Als "grob falsch" bezeichnet die Bild-Zeitung eine Studie von Prof. Dr. C. Drosten, dem Direktor des Instituts für Virologie der Charité | © dpa/Christophe Gateau

Der vorläufige Höhepunkt war die Schlagzeile gestern, in der sie ihn bezichtigt, mit einer "falschen Studie" dafür verantwortlich zu sein, dass Schulen und Kitas in Deutschland geschlossen sind. Einen Beleg dafür hat sie nicht.

Fast alle Wissenschaftler, auf die sie sich beruft - und die tatsächlich in wissenschaftlichen Publikationen kritische Anmerkungen zu einer Studie von Drosten gemacht haben - haben sich von der "Bild"-Kampagne distanziert. 

Warum hat sich die Bild-Zeitung überhaupt auf den Leiter der Virologie der Berliner Charité eingeschossen? Ein Kommentar von Stefan Niggemeier.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin © dpa/Christophe Gateau
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Ich kann darüber auch nur spekulieren, hab aber ein paar Theorien. Die wohlwollendste Erklärung ist die, die man auch aus den Äußerungen von "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt herauslesen kann: Drosten ist einer der prominentesten Experten in der Diskussion, was die richtigen Maßnahmen im Umgang mit der Corona-Epidemie sind. Er ist zwar nach eigenen Angaben kein direkter Berater der Regierung mehr, aber dass seine Empfehlungen großes Gewicht haben, kann man sicher sagen.

Und das ist dann natürlich eine Aufgabe von Journalismus, einflussreiche Menschen zu kontrollieren - nicht nur Politiker, auch Experten. Insofern geht es völlig in Ordnung, sich genau und kritisch anzusehen, was Drosten macht. Er ist in keiner Weise sakrosankt, trotz der unbestreitbaren Erfahrung, die er hat. Diesem völlig legitimen Ziel steht allerdings die gar nicht legitime Art entgegen, wie sich "Bild" an ihm abarbeitet: voller Übertreibungen, Auslassungen und Verdrehungen. Da geht es nicht darum, ein wichtiges Korrektiv zu sein, sondern eine Kampagne zu fahren.

Ein anderes Motiv wäre, dass "Bild" sich schon seit längerem als ein Merkel-muss-weg-Medium profiliert. Jedes Versäumnis, jedes Problem, jeder Konflikt wird extrem personalisiert ihr angelastet.  Die Anti-Drosten-Kampagne wäre dann nur eine Erweiterung der Anti-Merkel-Kampagne - weil er sehr für die offizielle, die Regierungslinie steht.

Und schließlich kann man als Motiv auch schlicht Populismus sehen - das ist ja nicht abwegig für eine Boulevardzeitung. Viele Menschen leiden unter den Corona-Beschränkungen, persönlich oder beruflich. "Bild" hat sich seit einiger Zeit zum Sprachrohr derjenigen gemacht, die ungeduldig sind, die drängeln, die eine schnellere Rückkehr zu irgendeiner Art von Normalität fordern. Interessant dabei ist, dass nach allen Umfragen die Mehrheit der Bevölkerung den Maßnahmen gar nicht so kritisch gegenübersteht und sie eher als Notwendigkeit sieht. "Bild" spricht hier also wohl nicht für die Mehrheit, sondern für eine Minderheit - aber eine Minderheit, die sich vielleicht in anderen Medien nicht genug vertreten fühlt. Das Kalkül ist, dass diese Leute das Gefühl bekommen, dass nur "Bild" die unangenehmen Wahrheiten ausspricht, während alle anderen auf Kuschelkurs mit der Regierung und der von ihnen mit höchster Skepsis beobachteten "Wissenschaft" gehen. "Bild"-Chef Reichelt hat getwittert, dass er erwartet, dass sein Blatt "massiv" Leser gewinnen werde - weil die anderen Medien "Bild" kritisieren und nicht Drosten.

Und - hat er Recht? Kann diese Strategie aufgehen?

Es könnte schon Leserinnen und Leser geben, die "Bild" tatsächlich gerade wegen ihrer Kampagne zulaufen. Zum Beispiel aus dem Umfeld des Vegan-Kochs Attila Hildmann, der in den vergangenen Wochen als besonders wahnsinnig wirkender Verschwörungsgläubiger von sich reden machte. Der forderte seine Anhänger in dieser Woche prompt dazu auf, "Bild" zu unterstützen und ein Anti-Drosten-Video von "Bild" auf Youtube hochzuvoten: "Daumen hoch für die BILD und Daumen runter für den Chefvirologen."

Diese Leute muss man natürlich erstmal haben wollen, als Leser. Und die, die so fundamental in Opposition zu Deutschlands Corona-Politik stehen, finden dann den stärkeren, befriedigenderen Stoff doch gleich in alternativen Medien. Denen liefert "Bild" gerade inhaltliche Vorlagen, die die noch in extremere Form weiterdenken.

Als Stimme der Vernunft, mit einer Skepsis gegenüber allen Seiten, die auch die Experten kritisch hinterfragt, positioniert sich "Bild" jedenfalls gerade nicht. Und der Widerstand, den sie erfährt, in den sozialen Medien, auch von vielen Wissenschaftlern, die das wissenschaftliche Arbeiten von diesem Blatt - zu Recht - insgesamt in Frage gestellt sehen, ist schon bemerkenswert.

"Bild" macht sich gerade für Wissenschaftler unmöglich und für Attila Hildmann und seine Anhänger lesbar. Das sagt alles.