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Umfragen sind nützlich, aber keine Prognosen für Wahlausgänge

Als am Sonntag ab 18 Uhr die ersten Ergebnisse von den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen kamen, waren sie ein Desaster für die Regierungsparteien SPD und CDU - einerseits. Andererseits wurden sie von denselben Parteien mit großer Erleichterung aufgenommen - denn das Desaster war nicht so groß, wie es sich in den Umfragen in den Wochen vorher abgezeichnet hatte.

Eine Gliederpuppe verschiebt Kugeln auf einem Rechenschieber © imago/imagebroker
Umfragen sind ja genau genommen keine Prognosen, wie eine Wahl ausgehen wird | © imago/imagebroker

Auf der anderen Seite bekamen vor allem Linke und Grüne deutlich weniger Stimmen als erwartet. Als Prognose für den Wahlausgang waren die Umfragen nicht besonders gut. Was mal wieder die Frage aufwirft: Geben Medien diesen Umfragen nicht viel zu viel Aufmerksamkeit?

Gab es da einen großen Schlussspurt der Ministerpräsidenten Woidke und Kretschmer? Oder lagen die Umfragen einfach daneben? Ein Kommentar von Stefan Niggemeier, Medienjournalist und Gründer von Übermedien.de

Eine Gliederpuppe verschiebt Kugeln auf einem Rechenschieber © imago/imagebroker
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Das kann ich eindeutig beantworten: Ich weiß es nicht. Und so richtig weiß es niemand. Diese Umfragen sind ja genau genommen keine Prognosen, wie die Wahl ausgehen wird - darauf weisen Demoskopen auch immer wieder hin. Sie sind eine Momentaufnahme. Aber die lässt sich natürlich nicht überprüfen: Vielleicht gab es in letzter Minute einen Trend zur SPD in Brandenburg und zur CDU in Sachsen. Vielleicht haben die Umfragen aber auch deren Zustimmung systematisch unterschätzt.

Die Umfragen beruhen ja auf Stichproben - sie haben immer schon eine Ungenauigkeit, die in der Regel auch mit angegeben wird. Es kann aber auch sein, dass sie systematisch falsch liegen, weil die Stichprobe nicht wirklich repräsentativ ist für die Wahlberechtigten; weil man bestimmte Gruppen nicht erreicht; oder weil es vielleicht Effekte gibt wie den, dass AfD-Wähler sich überdurchschnittlich oft nicht beteiligen oder als solche nicht zu erkennen geben.

Es spricht viel dafür, sie mit Skepsis zu behandeln - oder jedenfalls sorgfältig und zurückhaltend zu interpretieren. Tatsächlich passiert in der Berichterstattung aber oft das Gegenteil: Sie werden als das einzig wirklich Greifbare in der Politik und insbesondere im Wahlkampf behandelt. Das ist ja auch kein Wunder: Prozentzahlen vermitteln sofort ein Gefühl von Objektivität und von Fakten. Man kann Gewinner und Verlierer küren, Rekorde vermelden, Trends behaupten. Das ist das, was die Amerikaner "Horse Race"-Berichterstattung nennen - Politikjournalismus als Pferderennen.

Und, nicht zu vergessen: Diese Umfragen und diese Berichterstattung können wiederum das tatsächliche Wahlverhalten beeinflussen. Vielleicht war es gar nicht so sehr ein "Endspurt" der SPD in Brandenburg. Vielleicht haben viele potentielle Wähler der Grünen und der Linken aufgrund der Umfragen gesagt, sie stimmen lieber für die SPD, um zu verhindern, dass die AfD stärkste Partei wird. Da kann man jetzt lange diskutieren, ob das ein guter oder schlechter Effekt ist - aber man muss sich bewusst sein, dass es solche Effekte gibt.

Der "SPIEGEL"-Redakteur Markus Feldenkirchen hat nach der Wahl vom "Umfragen-Irrsinn" gesprochen und angekündigt, dass er versuchen will, nicht länger Umfragen als Grundlage für Analysen, Kommentare oder Meldungen heranzuziehen, sondern "eigene Beobachtungen und Gedanken". Ist das eine Alternative?


Naja - die Gefahr darin ist natürlich offensichtlich. "Eigene Beobachtungen" sind naturgemäß beschränkt - auch dann, wenn Redaktionen sich Mühe geben, nah an den Menschen zu sein und ihre Blasen zu verlassen. Natürlich sind Umfragen nützlich, um jenseits eigener Erlebnisse und Anekdoten ein Gefühl für Stimmungen im Land zu bekommen.

Aber das ist kein Entweder-Oder, und ich teile Feldenkirchens Einschätzung, dass es eher eine zu große Fixierung auf Umfragen gibt als umgekehrt. Das führte ja auch zu Berichtsschleifen, die im Nachhinein eher skurril wirken, wie zum Beispiel die plötzliche Aufregung vor ein paar Wochen, als die Grüne Spitzenkandidatin auf der Grundlage der Umfragen erklären müsste, ob sie auch Ministerpräsidentin werden wollte. Es gab auch eine kleine Welle von Berichten, die schon das Problem beschrieben, dass die Grünen vielleicht gar nicht auf den erwarteten überragenden Wahlerfolg im Osten vorbereitet sind.

Umfragen sind nützlich, weil sie ein fortwährender Realitätscheck für Politiker und Berichterstatter sind. Aber ihre Aussagekraft selbst muss auch immer wieder überprüft werden - sie sind eben keine Prognosen für Wahlausgänge.

Aber diese eine Umfrage wünsche ich mir dann doch noch: Spielen Umfragen in der Berichterstattung eine zu große Bedeutung? Wenn sich da vielleicht ein Institut finden würde...