Mi 22.01. 16:40
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Das Zeitungssterben geht weiter

Alle drei Monate kann man zusehen, wie die Zeitungsbranche stirbt. Dann veröffentlicht die sogenannte Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern nämlich, wie viele Zeitungen im letzten Quartal verkauft wurden, und es ist fast immer dasselbe Bild: die Zahlen gehen rasant nach unten.

Zeitungen auf einem Stapel © radioeins/Chris Melzer
Es braucht einen Paradigmenwechsel: Weg von der Rettung der Zeitung, hin zur Rettung des Journalismus | © radioeins/Chris Melzer

Aktuell steht bei "Welt" und "Bild" ein Minus von über zehn Prozent, "Süddeutsche" und "FAZ" verlieren jährlich zwischen drei und vier Prozent, bei Regionalzeitungen sind fünf Prozent Verlust normal. Es gibt nur wenige Ausnahmen, in Berlin zum Beispiel den "Tagesspiegel".

Ist das Ende der gedruckten Zeitung nahe? Oder ließe sich das noch verhindern? Ein Kommentar von Stefan Niggemeier, Medienjournalist und Gründer von Übermedien.de

Zeitungen auf einem Stapel © radioeins/Chris Melzer
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Tja - man kann ja über viele Details diskutieren: über Zeitungen, die sich gegen den Trend ganz gut halten, "die Zeit" zum Beispiel, oder über Regionalzeitungen, die immer noch weit über 100.000 Exemplare verkaufen und für sehr viele Leser zum Alltag gehören. Aber dass die gedruckte Zeitung ein Auslaufmodell ist, daran kann es keinen ernsthaften Zweifel geben. Für viele ältere Leute gehört sie zum festen Alltag, für jüngere Leute sind sie meist ein völlig fremdes Produkt.

Jetzt stellen sich zwei Fragen: Wie können wir die gedruckte Zeitung retten? Und: Sollen wir die gedruckte Zeitung überhaupt retten?

Der Bundestag findet, wir sollten - und hat jedenfalls beschlossen, die Zustellung von Zeitungen zu fördern. 40 Millionen Euro sind dafür im Haushalt 2020 vorgesehen. Wie genau die verteilt werden, steht noch fest, aber die Zeitschriftenverleger haben sich schon gemeldet und gesagt, dass das ja nicht geht, dass der Staat nur die Belieferung der Bevölkerung mit der einen Sorte bedrucktes Papier fördert und nicht mit der anderen. Irgendwie haben sie recht, aber irgendwie fragt man sich auch, ob das überhaupt der richtige Weg ist, das Leben eines offenbar aussterbenden Geschäftsmodell künstlich zu verlängern.

Allerdings besteht tatsächlich die Gefahr, dass klassische Zeitungleser ganz verloren gehen, wenn sie ihr Lokalblatt nicht morgens früh im Briefkasten haben. Eine Studie im Auftrag der deutschen Zeitungen ergab, dass sich nur ein Viertel der Abonnenten vorstellen können, ihre Zeitung nur noch digital als E-Paper lesen zu können. Und es hilft ja nichts, die anzuschreien, wieviel billiger das sein könnte, wenn man den Journalismus nicht auf Papier durchs Land fahren müsste.

Aber die Frage bleibt ja: Sollte der Staat gedruckten Journalismus fördern? Oder sollte er guten Journalismus fördern?

Das Geschickte an der Lobby-Arbeit der Verlage der vergangenen Jahre - und bis heute, ist ja, dass sie systematisch daran gearbeitet haben, dass man das für Synonyme hält. Es gab eine "Nationale Initiative Printmedien", mit der Kindern und Jugendlichen der Wert des auf Papier gedruckten Wortes beigebracht werden soll, und der Burda-Verlag wirbt gerade mit einer Kampagne unter dem Motto: "Print macht stark" und tut so, als ob das Trägermedium entscheidend wäre.

Ich halte das für falsch. Der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch hat auf Netzpolitik.org vor ein paar Tagen einen kurzen Kommentar geschrieben mit der Forderung: "Lasst Lokalzeitungen sterben, damit Lokaljournalismus leben kann!"

Das ist natürlich auch als Provokation gemeint, und ich würde jetzt gar nicht dafür plädieren, mutwillig eine Kultur zu zerstören, die immer noch dafür sorgt, dass Millionen Menschen gut und fundiert informiert werden, sei es lokal, regional oder überregional. Viel wichtiger ist es aber, dass wir dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen, damit guter Journalismus auch im digitalen Zeitalter funktionieren kann. Dazu gehört zum Beispiel dann auch, Kindern und Jugendlichen den richtigen Umgang mit Online-Medien beizubringen, die Unterscheidung von seriösen und unseriösen Quellen - und nicht den Umgang mit Papier.

Und es lohnt sich auch, darüber nachzudenken, wie guter Lokaljournalismus gefördert werden kann. Eigentlich braucht man heute ja sehr viel weniger Mittel dafür, um eine Redaktion aufzubauen und zu publizieren.  Da ist auch nicht ohne Probleme - und grundsätzlich ist die staatliche Förderung von Journalismus ohnehin immer heikel. Aber es braucht in jedem Fall einen Paradigmenwechsel: Weg von der Rettung der Zeitung, hin zur Rettung des Journalismus.

Immerhin: Seit Ende vergangenen Jahres gilt für die elektronische Presse der ermäßigte Mehrwertsteuersatz. Bis dahin galt der nur für Papierjournalismus. Das ist doch was.